Die Ukraine und ich – Antworten von Jens Mühling

© Jens Mühling

Interview von Janna Olson.

Jens Mühling schreibt in seiner Reiseerzählung „Schwarze Erde – Eine Reise durch die Ukraine“ über eine Entdeckungsreise: Er entdeckt ein vielfältiges Land und begegnet den unterschiedlichsten Menschen, welche ihm Einblicke in ihr Leben und ihre Vergangenheit gewähren.

So zeichnet er das Portrait eines europäischen Nachbarlandes, welches in der eigenen Identitätssuche gefangen scheint auf dem Schachbrett der Großmächte.

Dabei verbindet er Historie und gegenwärtige Momentaufnahmen und schenkt uns Einblicke in ein Land, in welchem in einigen Regionen ein andauernder Kriegszustand herrscht, welches aktuell erneut in den Schlagzeilen ist und über welches die meisten von uns doch nur wenig wissen.

Janna Olson: Wie bist du auf die Ukraine als Reiseziel, beziehungsweise journalistisches Thema gestoßen?

„Das Gefühl, aus der Ferne nicht zu verstehen, hat mich auf den Weg gebracht“ (Jens Mühling in „Schwarze Erde“)

Jens Mühling: Bevor die Reise für „Schwarze Erde“ losging, war ich schon ein paarmal in der Ukraine gewesen, als Reporter. Außerdem hatte ich 2010 ein paar Monate in Kiew verbracht, um für mein erstes Buch zu recherchieren („Mein russisches Abenteuer“, DuMont Buchverlag, 2012). Das Buch erzählt von Russland, aber da die Anfänge der russischen Geschichte in Kiew liegen, musste ich zur Recherche in die Ukraine.

Als dann 2014 die Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und Russland begann, habe ich schnell gemerkt, dass mir offenbar, wie vielen anderen auch, eine tiefergehende Kenntnis der Ukraine fehlte. Man merkte damals in der Berichterstattung, dass viele Menschen über die Ukraine schrieben, die sich vorher vor allem mit Russland beschäftigt hatten und die Ukraine als einen russischen Nebenaspekt wahrnahmen. Ich will mich da gar nicht ausnehmen, auch mir kam die Ukraine lange wie eine Art russischer Hinterhof vor. Aber ich merkte schnell, dass das ein Denkfehler war, und nahm mir vor, das Land besser kennenzulernen. Also reiste ich in der Konfliktsituation einmal quer durch die Ukraine.

„Ich weiß nicht mehr, wann ich das erste Mal von der Ukraine hörte. Es muss ein erstes Mal gegeben haben, wie bei jedem anderen Land, aber ich habe es vergessen und nun, wo sich mein Bus der Grenze nähert, kommt mir diese Erinnerungslücke bezeichnend vor.“ (Jens Mühling in „Schwarze Erde“)

Hinzu kam, dass das öffentliche Interesse an der Ukraine wegen der politischen Situation größer wurde. In der westlichen Wahrnehmung hatte die Ukraine bis zu diesem Zeitpunkt keine große Rolle gespielt. Plötzlich aber verschob sich sowohl die allgemeine Wahrnehmung als auch meine eigene Vorstellung von der Ukraine als eigenständiges Land.

Janna Olson: Die russische Geschichte beginnt also in Kiew und auch für dein Buch „Mein russisches Abenteuer“ hast du dort ausgiebig recherchiert. Was auf den ersten Blick, ohne die historischen Hintergründe zu kennen, ja überraschend scheint.

Jens Mühling: Ja, das war ganz lustig. Wenn ich von Ukrainern gefragt wurde: „Was machst du denn eigentlich hier?“, antwortete ich: „Ich recherchiere für ein Buch über Russland.“ Oft konnte ich dann ein leichtes Augenrollen wahrnehmen. Die Ukrainer wissen natürlich, dass sie von westlicher Seite oft als Anhängsel Russlands wahrgenommen werden, was sie verständlicherweise nicht besonders mögen.

Aber ich hatte gute Gründe, mein Buch über Russland in Kiew anfangen zu lassen. Es ist der Ort, an dem Russlands Geschichte ihren Lauf nahm – auch wenn zwischen der Ukraine und Russland heute umstritten ist, welcher der beiden Staaten dort seine Anfänge nahm.

Janna Olson: Die Ukraine wird oftmals als uneinheitlich und zerrissen beschrieben. Wie war deine eigene Wahrnehmung vor Ort?

Jens Mühling: Das ist richtig und falsch zugleich. Es gibt regionale Unterschiede in der Ukraine, das stimmt. Das ist aber erstmal nichts Außergewöhnliches, die gibt es in jedem Land – nicht zuletzt in Deutschland, wo sich zwischen Norden und Süden große Mentalitätsunterschiede auftun, und noch stärker natürlich historisch bedingt zwischen Westen und Osten. In Deutschland und den meisten anderen Ländern lebt man mit solchen Unterschieden aber ganz gut nebeneinander her, ohne je in die Nähe bürgerkriegsähnlicher Zustände zu kommen.

Dass es in der Ukraine anders gelaufen ist, liegt nicht in erster Linie an den innerukrainischen Unterschieden selbst, sondern daran, dass sich ein mächtiger Nachbar, nämlich Russland, diese Unterschiede zunutze gemacht hat, um die Landesteile gegeneinander aufzustacheln. Mit intensiver Propaganda wurde den Menschen in der Ostukraine vermittelt, dass die Westukrainer ihnen ans Leder wollen, dass ihnen die russische Sprache verboten werden soll, und so weiter. Durch solche Propagandalügen wurden die Menschen gegeneinander aufgewiegelt.

Es lag also eher an der Manipulation von außen als tatsächlich an inneren Unterschieden. Das darf man nicht vergessen, weil es sonst oft so klingt, als sei die Ukraine so zerrissen gewesen, dass sie gar nicht anders konnte als irgendwann in einen Bürgerkrieg zu taumeln. Dem ist aber nicht so.

Janna Olson: „Die eine Erzählung von der Ukraine gibt es in diesem Buch nicht, sondern Geschichten, von denen jede einen Teil des Landes zeigt und die alle für sich stehen können.“

Das schreibt die Süddeutsche Zeitung über deine Reiseerzählung „Schwarze Erde – Eine Reise durch die Ukraine“. Du schreibst über ein Land, welches sich aus vielen Facetten zusammensetzt und ständig in der Probe steht, eine eigene Identität zu finden. Was macht die Ukraine aus deiner Sicht aus, was für ein Gefühl transportiert dieses Land?

Jens Mühling: Die Ukraine ist ein sehr vielfältiges Land, in dem man nicht nur auf unterschiedliche Landschaften, sondern auch auf sehr viele unterschiedliche kulturelle Prägungen und historische Hintergründe trifft. Man lernt dort Menschen kennen, die teilweise sehr unterschiedliche Geschichtsbilder haben. Das liegt vor allem daran, dass der westliche Teil der Ukraine sehr viel später als die östlichen und zentralen Landesregionen Teil der Sowjetunion geworden ist.

Die Zentral- und Ostukraine fielen schon kurz nach der Russischen Revolution, im Zuge des damaligen Bürgerkriegs, an die Sowjetunion. Die Westukraine dagegen wurde erst im Zweiten Weltkrieg Teil der Sowjetunion, und das auch nicht freiwillig, der Landesteil wurde von Stalin annektiert. Dadurch hat sich der Blick auf die Geschichte im Westen der Ukraine natürlich ganz anders entwickelt als im Osten und im Zentrum.

„Ich bin falsch hier, dachte ich plötzlich – es war ein Fehler, die Reise hier zu beginnen, in dieser untypischen Landesecke, die dem Rest der Ukraine so wenig ähnelt, wo selbst die Orthodoxie katholische Züge hat. Dann fiel mir ein, dass jeder andere Ausgangspunkt entlang der Landesgrenzen genauso untypisch gewesen wäre – und dass genau diese Uneinheitlichkeit die Ukraine ausmacht.“ (Jens Mühling in „Schwarze Erde“ über seine Fahrt von Polen in die Ukraine)

Aber schon vor dem Beginn der sowjetischen Epoche war die Mentalität der Menschen unterschiedlich geprägt. Der östliche und mittlere Teil, sowie der Südrand entlang des Schwarzen Meers, waren Teil des russischen Zarenreichs. Während der westliche Teil zu Polen und später zum österreichisch-ungarischen Habsburgerreich gehörte, was natürlich auch zu einer ganz anderen Prägung im Westen und Osten geführt hat.

Diese unterschiedlichen Entwicklungen sieht man bis heute. Beispielsweise ist das erkennbar in der Architektur, die im Westen stark österreichisch und polnisch geprägt ist. Außerdem merkt man es an der unterschiedlichen Sprachentwicklung. In der Ukraine werden mehrheitlich zwei Sprachen gesprochen, Ukrainisch und Russisch. Die meisten Ukrainer sind zweisprachig erzogen worden und beherrschen beide Sprachen mehr oder weniger fließend. Sie haben in der Regel aber eine bevorzugte Sprache, in der sie sich ausdrücken. Im Osten und in Kiew ist das meist Russisch, im Westen eher Ukrainisch. Die sprachlichen Unterschiede tragen dazu bei, dass man beim Reisen durch die Ukraine das Gefühl hat, man bewegt sich durch Landesteile, die sich stark voneinander unterscheiden.

Wobei auch hier die Sprachenfrage kein Grund ist, der die Ukraine in einen Krieg hätte stürzen müssen, anders als die russische Propaganda es darstellt. Die beiden Sprachen laufen ganz gut nebeneinander her, ohne dass sich die Leute deswegen in die Haare kriegen. In Kiew habe ich es oft erlebt, dass Freunde zusammen in der Küche saßen, von denen die einen lieber Ukrainisch und die anderen lieber Russisch sprachen. Da werden dann einfach beide Sprachen gesprochen, sie wechseln die ganze Zeit hin und her. Einer redet Ukrainisch, der andere Russisch, alle verstehen sich, niemand hat das Gefühl, er werde bedrängt oder diskriminiert. Man sieht das auch in den Talkshows im Fernsehen. Da sitzen Leute auf den Podien nebeneinander, die zwei verschiedene Sprachen sprechen, und keiner stört sich dran.

Während meiner Reise hat so auch die Verständigung mit meinen Gesprächspartnern funktioniert. Ich spreche Russisch, während ich Ukrainisch zwar einigermaßen verstehe, aber kaum aktiv spreche. Da war es im Westteil des Landes dann immer so, dass ich den Leuten meine Fragen auf Russisch gestellt habe, und sie mir auf Ukrainisch geantwortet haben. Das ist für die Ukrainer eine relativ normale Sprechsituation.

Janna Olson: „Zurück in Berlin wurde ich das unklare Gefühl nicht los, dass sich meine innere Landkarte nicht mit der Welt deckte.“.

Das schreibst du zu Beginn des Buches. Wie hat sich deine innere Landkarte im Zuge deiner Recherchen verändert?

Jens Mühling: Ich bin mit dem Gefühl losgefahren, dass das, was ich mir vorher unter der Ukraine vorgestellt habe, nicht so ganz hinhaut und dass sich meine innere Landkarte nicht mit der Welt deckt. Inzwischen habe ich das Gefühl, dass die Ukraine einen festeren und klareren Platz auf meiner inneren Landkarte hat.

Janna Olson: Und was hat folgende Aussage über den Mittelpunkt Europas vielleicht damit zu tun?

„Die Frage wo Europa anfängt und endet, ist so alt wie unlösbar und solange über die Grenze gestritten wird, bleibt auch der Mittelpunkt eine Geschmacksfrage. Für mich persönlich wird das Herz des Kontinents immer in Dilowe liegen, neben einem windigen transkarpatischen Parkplatz, im totesten Winkel Europas.“ (Jens Mühling, Schwarze Erde)

Jens Mühling: Das mit dem Mittelpunkt Europas war eine kuriose Geschichte, auf die ich im Zuge der Recherche gestoßen bin. Es gibt im ukrainischen Teil der Karpaten, also in der südwestlichen Ukraine, einen kleinen Ort namens Dilowe. Ein Dorf in den Karpaten, von dem in der Ukraine gerne erzählt wird, es sei der geographische Mittelpunkt Europas.

Mir kam die Geschichte ein bisschen seltsam vor, denn wenn man sich die Landkarte vor Augen ruft, dann kommt einem die Südwestukraine ein bisschen zu weit östlich und auch zu weit südlich vor, um der Mittelpunkt Europas sein zu können. Aber die Leute dort sind sehr überzeugt, dass das stimmt. Als ich dort ankam, hat es eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, was dahintersteckt. Es gibt in diesem Ort einen kleinen Stein-Obelisken, der mir ungefähr bis zur Brust ging. Der ist aus dem 19. Jahrhundert und hat eine lateinische Inschrift. Die Leute haben mir erzählt, er sei von österreichisch-ungarischen Vermessungstechnikern aufgestellt worden, die dort im 19. Jahrhundert eine Eisenbahnlinie gebaut haben, und die lateinische Inschrift besage, dass hier der Mittelpunkt Europas sei.

Mein Schullatein war zwar ein bisschen eingerostet, aber ich hatte das Gefühl, dass ich genug verstehe, um zu erkennen, dass da nicht vom Mittelpunkt Europas die Rede ist. Die Inschrift handelt von Längen- und Breitengraden und von einem Punkt, der mit den besten Messinstrumenten des österreichisch-ungarischen Reichs ermittelt wurde, genauer konnte ich es nicht entschlüsseln.

Die meisten Leute im Ort waren aber fest davon überzeugt, dass es sich hier um den Mittelpunkt Europas handelt. Es hat sich auch eine Art Tourismus rund um den Obelisken entwickelt. Es kommen Leute aus den umliegenden Ländern über die nahen Grenzen angereist, aus Rumänien, Ungarn, Tschechien, um sich diesen Stein anzugucken. Das ist natürlich gut für diese wirtschaftlich eher schwache Region. Es gibt dort Souvenirstände und Läden, wo man ein bisschen was einkaufen kann, wenn man schon einmal da ist. Die Leute dort sind froh, dass der Stein Besucher anlockt.

Als ich anschließend ein bisschen gestöbert habe, stellte ich fest, dass es nicht nur einen Stein dieser Art gibt, sondern mehrere, sechs oder sieben. Die sind quer durch das österreichisch-ungarische Reich verteilt worden und haben alle die gleiche lateinische Inschrift.

Die Inschrift hat tatsächlich nichts mit dem Mittelpunkt Europas zu tun, die Steine dienten damals einfach als Fixpunkte für die Längen- und Breitenvermessung des Habsburgerreichs.

Wie die Legende von dem Mittelpunkt Europas in Dilowe zustande gekommen ist, kann ich nur vermuten. Es muss wohl so gewesen sein, dass jemand diesen Stein irgendwann in der Sowjetzeit wiederentdeckt hat, nachdem er lange in Vergessenheit geraten war. Das muss jemand gewesen sein, der nur bruchstückhaft Latein sprach und versuchte, sich einen Reim auf diese Inschrift zu machen. Dabei muss er sie etwas fehlinterpretiert haben – möglicherweise auch mit Absicht, um den Stein ein bisschen interessanter zu machen. Daraufhin hat sich diese Legende gebildet – die Legende von Dilowe als Mittelpunkt Europas.

Im Zuge meiner Recherche stellte ich auch fest, dass es noch andere Orte in Europa gibt, die alle darum wetteifern, der geographische Mittelpunkt des Kontinents zu sein. Bei keinem ist das so ganz überzeugend, denn solange nicht abschließend geklärt ist, wo Europa überhaupt anfängt und endet, lässt sich natürlich auch der Mittelpunkt nicht zweifelsfrei ermitteln.

Mir ist aber während meiner Reise dieser kleine Ort Dilowe sehr ans Herz gewachsen, und da der Mittelpunkt Europas eine etwas beliebige Angelegenheit ist, habe ich für mich persönlich entschieden: Das Zentrum des Kontinents liegt eindeutig in Dilowe.

Jens Mühling

„Schwarze Erde – Eine Reise durch die Ukraine“
ist im Rowohlt Verlag erschienen.

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Janna Olson: Du hast auf deiner Route durch die Ukraine auch die Krim nicht ausgelassen. Die letzten zwei Sätze des entsprechenden Kapitels klingen eindrucksvoll nach: „Ich war froh, die Krim zu verlassen. Dass ich froh war, machte mich traurig.“.

Was ist die Hintergrundgeschichte dieser Aussage?

Jens Mühling: Ich bin zu verschiedenen Zeitpunkten auf der Krim gewesen – vor der Annexion, während der Annexion und etwa zwei Jahre danach. Die Annexion wurde von russischer Seite nicht nur militärisch, sondern auch propagandistisch durchexerziert. Es wurde sehr viel getan, um den Menschen auf der Krim den Anschluss an Russland als den besten Weg zu präsentieren. Das hat man vor allem gemacht, indem man den Leuten Angst eingejagt hat.

Ich kann mich gut an die Zeit während der Volksabstimmung auf der Krim erinnern. Die russischen Sender, die ich im Hotelzimmer empfangen konnte, haben den Leuten von morgens bis abends nur erzählt, dass die Ukrainer ihnen Böses wollen, dass in Kiew Faschisten an die Macht gekommen sind, die alle russischsprachigen Menschen in der Ukraine am liebsten loswerden würden, notfalls mit Gewalt. Es wurde eine Art Bürgerkriegsstimmung erzeugt, die den Anschluss an Russland wie den einzigen Ausweg wirken ließ. Die Leute haben damals überwiegend auch deswegen für den Anschluss an Russland gestimmt, weil ihnen im Fernsehen eingeredet wurde, dass alle anderen Alternativen blutig sein könnten.

Dieses Gefühl war zwei Jahre nach der Abstimmung immer noch spürbar. Den Menschen, mit denen ich ins Gespräch kam, war die Zeit der Annexion immer noch sehr eindrücklich präsent. Die Propaganda richtete sich nicht nur gegen die Ukrainer und die neuen Machthaber in Kiew, sondern sehr stark auch gegen den Westen. Mir wurde oft erzählt, Schuld seien eigentlich doch die Amerikaner, die sich eingemischt hätten. Die Amerikaner hätten Russland die Ukraine wegnehmen wollen, deswegen hätte Russland gar nicht anders gekonnt, als sich zu wehren, und jetzt würden sie, als Bewohner der Krim, mit diesen Sanktionen bestraft, obwohl sie doch nur für den Anschluss an Russland gestimmt hätten.

Diese ganzen Argumente wurden nicht ruhig vorgetragen, sondern ziemlich aggressiv. Ich habe mich dort oft in sehr unangenehmen Situationen wiedergefunden, in denen ich aufgefordert wurde zu rechtfertigen, warum der Westen Sanktionen verhänge, die den Leuten auf der Krim das Leben schwer machen. Die Stimmung war auch zwei Jahre später immer noch aufgeheizt – gegenüber allem, was aus dem Westen kam und gegenüber allem, was mit der Ukraine zu tun hatte.

Oft wurde ich gefragt, von wo ich eingereist sei – ob ich von ukrainischer Seite auf die Krim gekommen oder von Russland aus geflogen sei. Wenn ich antwortete, ich sei vom ukrainischen Festland gekommen, dann wirkte das ein bisschen dubios. Die Leute hatten dann das Gefühl, ich müsse etwas mit der Ukraine zu tun haben.

Vor kurzem war ich noch einmal auf der Krim, um für mein neues Buch über das Schwarze Meer zu recherchieren. Inzwischen hat sich die Stimmung wieder etwas zum Angenehmeren geändert. Für mich persönlich war das Reisen dort jetzt nicht mehr so aufreibend wie damals bei der Recherche für das Ukraine-Buch. Ich wurde nicht mehr so oft als Vertreter des feindlichen Westens wahrgenommen. Das war schon einmal beruhigend.

Janna Olson: Hast du erwartet, dass es so lang dauert, bis sich die aufgeheizte Stimmung etwas legt?

Jens Mühling: Ja, schon. Und ich schätze, solange der Status der Krim weiterhin so ungeklärt ist, wird sich diese Stimmung auch nicht vollends legen können. Die Leute verstehen immer noch nicht, warum sie mit Sanktionen bestraft werden. Sie verstehen nicht, warum der Westen den Anschluss der Krim an Russland nicht hinnehmen will, warum dieser ganze Vorgang völkerrechtswidrig war. Die Menschen dachten, wenn ihnen ein offizielles Referendum präsentiert wird, dann wird das schon seine Richtigkeit haben.

Sie erzählten mir: „Man hat uns doch nicht gezwungen, für den Anschluss an Russland zu stimmen. Es wurden doch keine Gewehrläufe auf uns gerichtet, damit wir unser Kreuz an der richtigen Stelle machen!“. Das stimmt natürlich auch alles. Nur hat die Abstimmung natürlich trotzdem unter militärischer Aufsicht stattgefunden. Das war eine lupenreine Annexion. Es marschierten russische Armeeeinheiten ein, die das ukrainische Militär unschädlich machten, das Krim-Parlament absetzten und eine Marionettenregierung des Kremls installierten, um dann eben eine Volksabstimmung zu organisieren. Dass das völkerrechtswidrig war, ist aus meiner Sicht unstrittig.

Die Krim-Bewohner haben den Einmarsch der Russen aber eher als Rettungsaktion empfunden. Sie nennen es auch nicht Einmarsch – sie sagen, wenn die Russen hier nicht aufgetaucht wären, wenn sie uns nicht gerettet hätten, dann hätten uns die Ukrainer massakriert.

Diese Fragen werden auf der Krim noch lange zu Streit führen. Es ist immer noch sehr schwer, in diesem Punkt eine gemeinsame Sprache zu finden, denn die Wahrnehmung geht sehr auseinander.

Janna Olson: Gibt es Momente in deiner Rolle als Berichterstatter oder Außenstehender, in welchen es dir besonders schwerfällt, dich zurückzuhalten oder rauszunehmen – beispielsweise in solchen Momenten der extremen Wahrnehmungsdifferenzen?

Jens Mühling: Ja, das finde ich tatsächlich manchmal sehr schwierig. Normalerweise kann ich mich mit meiner Meinung ganz gut zurückhalten. Aber diesen speziellen Punkt der Annexion finde ich einfach so offensichtlich falsch, dass es mir schwer fällt, nichts dazu zu sagen. Ich habe mich oft gestritten wegen dieses Themas.

Janna Olson: Was hat dich dazu bewegt den Titel „Schwarze Erde“ für dein Buch zu wählen?

Jens Mühling: Der Buchtitel hat eine innere Mehrdeutigkeit. Die schwarze Erde ist bekannt als besonders fruchtbarer Ackerboden, ein sehr nährstoffreicher und tatsächlich farblich auch sehr schwarzer Ackerboden, der die Ukraine sehr reich machen könnte.

Allerdings hat sich auf diesem Boden auch eine sehr blutige Geschichte abgespielt.

Vor allem aber hat dieser Boden nie den Ukrainern selbst gehört. Die Ukraine war im Lauf ihrer Geschichte immer ein Teil anderer Reiche – bis vor nicht allzu langer Zeit.

Diese Mehrdeutigkeit steckt im Titel.

Janna Olson: Würdest du die Ukraine als ein Reiseland beschreiben? Was würdest du LeserInnen raten, die sich auch auf eine Ukrainereise begeben möchten?

Jens Mühling: Auch landschaftlich ist die Ukraine sehr vielfältig. Im Südwesten gibt es die Karpaten – ein ganz tolles Gebirge. Dann gibt es in Richtung Süden zum Schwarzen Meer hin eine sehr eindrückliche und charakteristische Steppenlandschaft. Auch die Städte sind sehr vielfältig. Das geht von alten habsburgisch geprägten Städten wie Lwiw, das ehemalige Lemberg, bis zu stark jüdisch geprägten Städten wie Tscherniwzi, das alte Czernowitz. Im Osten des Landes finden sich dagegen stark sowjetisch beeinflusste Industriestädte wie Donezk und Luhansk.

Und dann gibt es noch Kiew, die älteste und eine der tollsten Städte der ostslawischen Welt, die ich jedem sehr ans Herz legen würde. Sie ist nicht nur, aber vor allem geschichtlich sehr interessant, weil sie sowohl von der Ukraine als auch von Russland als Gründungsort beider Staaten beansprucht wird.

Es gibt den lustigen, wahrscheinlich nicht ganz wahren und trotzdem vielsagenden Gründungsmythos, demzufolge der Kiewer Großfürst Wladimir im Jahr 988 sein damals heidnisches Reich christianisieren wollte. Er hatte mitbekommen, dass der heidnische Glaube langsam untergehen und die Zeit der großen Monotheisten anbrechen würde, also der Religionen, in denen es nur einen Gott gibt. Also ließ er seine Kundschafter ausschwärmen, die ihm berichten sollten, wie es die umliegenden Länder mit dem Glauben hielten.

Als die Kundschafter zurückkamen, die bei den muslimischen Wolgabulgaren gewesen waren, kamen sie nicht sehr weit in ihrem Bericht an den Fürsten, denn als Wladimir hörte, dass die Muslime keinen Alkohol trinken, soll er sofort gesagt haben, dass das nichts für sein Land sei: „Das Trinken ist die Freude der Rus, ohne das können wir nicht sein.“ Damit war der Islam sofort aus dem Rennen.

Dann gab es Kundschafter, die bei den jüdischen Chasaren gewesen waren. Auch deren Religion fand Wladimir nicht überzeugend, die waren damals nämlich so halb nomadisch unterwegs, das kam dem Fürsten nicht sehr solide vor. Und die Kundschafter, die in Westeuropa gewesen waren, sagten, dass die katholischen Kirchen langweilig seien.

Ganz anders klang, was die Kundschafter erzählten, die in Byzanz gewesen waren, im heutigen Istanbul, dem damaligen Zentrum der griechisch-orthodoxen Kirche. Sie beschrieben die Stadt als unheimlich beeindruckend und schön. Die Gottesdienste seien dort die besten von allen, und sie hätten das Gefühl gehabt, dass Gott in Byzanz unter den Menschen weile.

Der Bericht soll Wladimir so begeistert haben, dass er sich für den christlich-orthodoxen Glauben entschied und alle seine Untertanen nach griechischem Ritus taufen ließ. Es soll dann eine Massentaufe gegeben haben, bei der das ganze Volk begeistert in den Fluss Dnjepr sprang. Diese Darstellung ist heute auf Ikonen in den Kiewer Kirchen zu sehen.

Dann gibt es in Kiew ein sehr eindrückliches Höhlenkloster, für das ganze Berge untertunnelt worden sind. Viele Priester und andere Geistliche sind dort beigesetzt worden. In diesen unterirdischen Gängen stehen kleine Glassärge mit Mumien. Bei manchen sind kleine Aussparungen in den Totengewändern, die mumifizierte, klauenförmige, ein bisschen gruselige Hände freilegen.

Außerdem ist Kiew auch landschaftlich sehr reizvoll, denn es ist eine Stadt mit einem riesigen Fluss, dem Dnjepr, der in Kiew wirklich wahnsinnig breit ist. Er hat etwas von einem riesigen See, der die Stadt in zwei Hälften teilt. Die Innenstadt liegt auf Hügeln, von denen man einen weiten Blick auf den Dnjepr hat.

Es gibt also unheimlich viel zu entdecken in der Ukraine, ich kann sie als Reiseland nur jedem empfehlen.

Janna Olson: Hast du Ratschläge, auf was man sich vielleicht einstellen muss abseits der bekannteren Pfade?

Jens Mühling: Man muss sich wahrscheinlich darauf einstellen, dass man mit Englisch oder Deutsch nicht sehr weit kommt. Da ich Russisch spreche, kann ich mich in der Ukraine gut bewegen.

Außerhalb der Städte wird es mit Fremdsprachen sehr dünn.

Gleichzeitig kann man sich darauf einstellen, dass man es in der Ukraine bei allen Verständigungsschwierigkeiten in aller Regel mit Menschen zu tun hat, denen Gäste sehr willkommen sind. Ukrainer tun sehr viel, um es Gästen angenehm zu machen, sie sind sehr neugierig auf Menschen aus anderen Ländern.

Janna Olson: Welche fünf Worte fallen dir ein, wenn du an deine Reise durch die Ukraine zurückdenkst?

Jens Mühling: Vielfalt

Ich nehme die Ukraine als ein sehr diverses Land wahr, das viele mit dem Wort „zerrissen“ beschreiben, was ich nicht so gerne mag. Das ist ein Ausdruck, der vor allem mit propagandistischen Zielen von russischer Seite eingesetzt wird, um zu suggerieren, das Land sei aus inneren Gründen in einen Bürgerkrieg gestürzt, nicht wegen einer Intervention von außen. Ich will deswegen eher von Vielfalt sprechen als von Zerrissenheit.

Geschichte

Ich hatte das Gefühl, dass beim Reisen durch die Ukraine die Geschichte immer sehr nah und präsent ist. Man staunt immer wieder, wieviel von dem, was in der Ukraine zum Konflikt geführt hat, mit der Geschichte zu tun hat, und wie präsent das für die Menschen dort ist. Man muss nur ein bisschen mit den Ukrainern reden, und sobald die Sprache auf den Konflikt kommt, geht es immer sofort um die Geschehnisse im Zweiten Weltkrieg oder in der russischen Zarenzeit. Manchmal kann einen das schon fast ein bisschen nerven – meiner Ansicht nach wäre es gut, mal etwas mehr vorwärts zu gucken und nicht die ganze Zeit nur rückwärts. 

Armut

Ein Thema, was einem natürlich auch begegnet, vielleicht weniger in Kiew, aber in der Provinz, ist Armut. Sobald man sich aus den Städten rausbewegt, merkt man, dass die Ukraine zu den ärmsten Ländern in Europa gehört. Im ländlichen Raum habe ich einige Orte gesehen, die ziemlich trostlos waren. Das hat mich auch ein bisschen überrascht, ich kannte die Ukraine vorher eher aus den Städten, und mir war nicht ganz klar, wie arm das Leben außerhalb der Städte oft ist.

Menschen

Persönlich verbinde ich Freunde und jede Menge tolle Menschen mit der Ukraine. Die Menschen, die ich bei meinen Reisen und Recherchen kennengelernt habe, stehen für mich für das Land.

Balance

Das Pech der Ukraine war es, stets zwischen mächtigen Nachbarn zu liegen. Im Osten war lange das russische Zarenreich und später die Sowjetunion, im Westen lange Polen, dann das Habsburgerreich und zuletzt im Zweiten Weltkrieg Deutschland. Alles Mächte, die nicht immer das Beste für die Ukraine gewollt haben. Die Ukrainer hatten deshalb lange keine Eigenstaatlichkeit, und bis heute ist es ihr Schicksal, dass sie eine Balance zwischen Ost- und Westausrichtung finden müssen. Vermutlich wird die Ukraine immer mit dieser Uneindeutigkeit leben müssen. Ich glaube nicht, dass es für die Ukraine eine Lösung ist, sich komplett dem Westen oder Russland zuzuwenden – beides würde nicht funktionieren.

„Das Letzte, was ich von der Straße der Völkerfreundschaft sah, bevor ich zurück zu meinem Hotel lief, war ein schwankender Radfahrer. Er schien betrunken zu sein. Mal fuhr er auf der russischen, mal auf der ukrainischen Seit der Straße.“ (Jens Mühling in „Schwarze Erde“)

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2 Idee über “Die Ukraine und ich – Antworten von Jens Mühling

  1. Andreas Moser sagt:

    Das ist wirklich ein gutes und schönes Buch, das ich ebenfalls vor einem längeren Aufenthalt in der Ukraine gelesen habe.

    Das man immer gleich auf Geschichte zu sprechen kommt, ist mir auch aufgefallen. Als Geschichtsstudent würde mich das nicht nerven, aber es ist leider oft sehr verfälschend, einseitig, propagandistisch. Ich habe das mal am Beispiel des Zweiten Weltkriegs illustiriert: https://andreas-moser.blog/2020/01/31/1941-1945/ , wo sich die Ukraine einerseits als Opfer der Sowjetunion sieht (die Besatzung durch die Nazis wird irgendwie weniger thematisiert, erst recht nicht der Holocaust), aber andererseits die Gebiete, die – ebenfalls durch Stalin – der Ukraine im und nach dem Zweiten Weltkrieg zugeschlagen wurden, als ganz natürlich und immer schon ukrainisch betrachtet.
    Man muss sich also wirklich gut auskennen bzw. einlesen, um das Gehörte richtig einzuordnen.

    Ich war nur in Städten unterwegs, wo es mit Englisch ganz gut geklappt hat. Allerdings sollte man das kyrilische Alphabet lernen, um wenigstens Ortsnamen auf den Bussen und am Bahnhof lesen zu können.

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