Die Seele der Seide – eine Reise

Seele der Seide

Klaus Rinks große Reportage über Kikuo Morimoto, einen außergewöhnlichen Mann, der sich um die kambodschanische Seide und die Bewahrung der Ikat-Webetechnik wie niemand sonst verdient gemacht und so den Khmer geholfen hat, ihre Verbindung zu ihren eigenen kulturellen Wurzeln wiederherzustellen.

Text und Fotos von Klaus Rink.

Siem Reap, September 2017

Soeben bin ich in Siem Reap gelandet. Ich genieße den kurzen Spaziergang im Freien zur Ankunftshalle dieses angenehm kleinen und überschaubaren Flughafens. Es ist ein heller, freundlicher Ort. Sogar der Raucherraum ist mit Grünpflanzen und Blumen eingerichtet.

Sambo Roeurn, der mich immer fährt, wenn ich hier bin und er Zeit hat, holt mich ab und bringt mich die wenigen Kilometer hinein in die Stadt. Es ist noch Regenzeit, schwül und heiß, gelegentlich regnet es stark. Staub auf der Straße und aufgewirbelt in der Luft.

Kambodscha Angkor Wat

Die Provinzhauptstadt Siem Reap ist das Ziel vieler Touristen, die von hier aus die nahegelegenen Tempel von Angkor besuchen, oft in Verbindung mit einem Dreitage-Ticket und -Aufenthalt. Eine Beschränkung ihrer Erkundung auf die Tempel bringt ihnen das „andere“ Kambodscha jedoch nur selten nahe.

Sambo, den ich inzwischen auch einen Freund nennen darf und mit dem es sich immer ausgezeichnet über die aktuelle politische Situation und die Verhältnisse im Land sprechen lässt, fährt hier seit 15 Jahren und kennt jeden Winkel. Er ist einer von Hunderten Tuk-Tuk-Fahrern, die hier täglich ihre Runden ziehen und Ausschau nach Fahrgästen halten, Tagestouren anbieten oder einfache Transportfahrten tätigen. „Hello Sir …“, „Tuk-Tuk?“ oder „Where you go today?“, so klingen die Zurufe der Fahrer, die sich um Fahrgäste bemühen.

Mit ihm trete ich die Fahrt an, die mich seit Wochen beschäftigt, zu dem Weberdorf, das mir so am Herzen liegt.

Doch zunächst möchte ich die Geschichte erzählen, die mich immer wieder an diesen Ort geführt hat, hierher nach Siem Reap.

Genau hier also, in unmittelbarer Nähe der Tempelanlagen von Angkor, die auf eine Jahrhunderte dauernde und längst vergangene Hochkultur verweisen und so einen scharfen Kontrast zum heutigen Kambodscha bilden, einem immer noch armen Land, soll die Geschichte dieses außergewöhnlichen Mannes erzählt werden, der sich um die kambodschanische Seide und die Bewahrung der Ikat-Webetechnik wie niemand sonst verdient gemacht hat. 

Kikuo Morimoto

Persönlich lernte ich Kikuo Morimoto im Sommer 2013 kennen. Es war meine erste Reise nach Kambodscha. Ein kleiner Hinweis in meinem Reiseführer zum Thema Seide und Weben brachte mich auf die Spur. Bis zu meinen Recherchen zu dieser Reise wusste ich von kambodschanischer Seide und ihrer außergewöhnlichen Schönheit wenig.

Ich hatte mich in den Jahren davor zwar für Seide interessiert, Webereien in Thailand und Laos besucht und von Ikat gelesen, aber der Besuch bei Kikuo Morimoto und dem Weberdorf „Project Wisdom from the Forest“ übertraf meine Vorstellungen bei Weitem.

Vor Beginn meiner Reise vereinbarte ich einen Besuchstermin bei IKTT, dem Institute for Khmer Traditional Textiles, um nach der klassischen Tempel-Runde dem Weberdorf einen Besuch abzustatten. Nach zwei Tagen bei den Tempeln konnte ich eine Abwechslung ohnehin gut gebrauchen.

© Junji Naito Photographs

Sambo brachte mich zum Dorf. Damals noch mitten durch das Areal der berühmten Tempelanlagen und weiter auf einer unbefestigten Straße, in der für diese Gegend typischen rotbraunen Farbe, erreichten wir nach weiteren 15 Kilometern das Weberdorf „Project Wisdom from the Forest“ bzw. Chob Saom Village. Herrn Morimotos Assistentin Ms. Minemura erwartete uns schon.

Wir setzten uns auf seine Veranda. Er hatte sich Zeit genommen, wie er es immer tut, wenn Gäste kommen.

Ich war überwältigt von der Wärme und dem Charisma, das Kikuo Morimoto ausstrahlte. Von seiner Liebe zu diesem Dorf und seinen Menschen, die in jedem seiner Sätze hörbar war. Von der Sanftheit, wenn er behutsam über die alten Seidenstücke strich, die er vor mir ausbreitete.

Dieses Dorf war ein Ort der Schönheit, der Menschlichkeit und des Neuanfangs: Seit Jahren entstanden hier feinste Textilien.

An diesem Nachmittag begann auch ein japanisches Kamerateam für NHK Japan eine Dokumentation über Kikuo Morimoto zu drehen, und so hatten wir unser erstes Gespräch vor laufender Kamera. Etwas unerwartet für mich.

Heute, nach weiteren Reisen nach Kambodscha und mehreren Besuchen im Weberdorf, sind meine Gefühle immer noch die, hier an einem ganz besonderen Ort zu sein.

Pidan / Wandbehang für religiöse Zeremonien gefertigt von IKTT

Kikuo Morimoto ist ein Seidenliebhaber. Ein Mann mit einem unglaublichen Tatendrang und einer Vision: die kambodschanische Seide und die Ikat-Webetechnik vor dem vollständigen Verschwinden zu bewahren. Er tut es für sich und seine Leidenschaft und er tut es für Kambodscha und seine Menschen, die ihm so sehr am Herzen liegen. Morimoto stammt ursprünglich aus Kyoto, wo er nach mehrjähriger Ausbildung in der Yuzen-Technik, dem Entwerfen von Mustern auf Seide für Kimonos, Karriere machte. Er gilt als Experte für natürliche Färbemethoden.

Noch heute, mehr als 35 Jahre nachdem er Kyoto verlassen hat, beherrscht er diese Kunst wie nur wenige andere und begeistert seine Besucher immer wieder auch mit seinen eigenen Arbeiten. „I was painting the Kimono“, sagt er immer, wenn er von früher erzählte.

Einige von Kikuo Morimotos  alten Pinseln, nach 35 Jahren immer noch in Gebrauch.

Typische Motive des Yuzen-Meisters Morimoto: Tree of Life.

Anfänge

Es ist nun über 35 Jahre her, seit Kikuo Morimoto in einem UNHCR-Flüchtlingslager in Uban Ratchatani/Thailand, nahe dem Mekong, als Volontär arbeitete. Hier war auch eine Textilschule untergebracht und er sah es als seine Aufgabe, sich als fachkundiger Helfer einzubringen. Die Flüchtlinge aus Kambodscha und Laos versuchten gewebte Textilien und andere Produkte herzustellen, wie sie es früher auch getan hatten, um ihre Lebenssituation zu verbessern.

Zuerst dachte er, er würde nur ein oder zwei Jahre bleiben – aber die Zeit verging.

In einem Interview sagt er darüber: „Für mich begann alles mit diesen Begegnungen und ich überlegte, ob es möglich sei, den Menschen zu einem besseren Einkommen zu verhelfen, wenn ich die Stoffe für sie verkaufte. Seit diesen Tagen und über die nächsten zehn Jahre arbeitete ich so mit den Weberfamilien zusammen.“

Kikuo Morimoto 1981 im Nong Chan Refugee Camp, © Kikuo Morimoto.

Ein Stück Seiden-Ikat

Den Anstoß zur Beschäftigung mit der Ikat-Weberei gab ein Stück Seiden-Ikat, das er bei einem Besuch im Nationalmuseum Bangkok gesehen hatte. Ein etwa 60×80 cm großes Stück gemustertes Seiden-Textil, dessen Feinheit und Kunstfertigkeit ihn außerordentlich fasziniert hatte. Der Ikat war in einem tiefen Rot gefärbt und Morimoto hatte nie zuvor etwas derart Schönes gesehen. Er war sich sicher, dieses Ikat-Stück musste vor langer Zeit in Kambodscha gewebt worden sein. Ihm war bewusst, welche handwerkliche Fertigkeit in der Webkunst notwendig gewesen sein musste, um solch ein Stück zu weben, und er wollte wissen, ob es möglich sein könnte, Textilien in dieser Qualität mit heutigen Möglichkeiten zu reproduzieren.

Er beschloss, nach Pey Village im Bati District (Takeo Province) zu reisen, nachdem er von der UNESCO Cambodia gehört hatte, es gebe dort noch Seidenwebereien. Er traf auf Om Chiea, eine erfahrene Weberin, und wollte wissen, ob sie die alten Färbemethoden noch beherrschte. Wider alle sprachlichen Schwierigkeiten konnte er ihr verständlich machen, was ihn interessierte. Obwohl sie selbst chemische Farben verwendete, wusste sie um die alten Rezepte, ging in ihren Garten und kam mit einem Stück Lac-Nest zurück – dem Ausgangsmaterial für die Farbe Rot. Die auf den Ästen zurückgelassenen Nester der Lackschildlaus (Kerria Lacca) werden eingesammelt, zerstampft und ergeben so die Basis für das Färbebad, in das die Seidenstränge getaucht werden.

Nester der Lackschildlaus.

Kambodscha war bis in die siebziger Jahre ein großer Produzent dieses Farbstoffes. In den Wirren des folgenden Bürgerkrieges wurden die meisten Mutterpflanzen gefällt, zu Brennholz gemacht und damit auch die Lebensgrundlage für die Lackschildlaus auf lange Zeit zerstört.

Die UNESCO war von Morimotos Schilderungen mehr als angetan und beauftragte ihn 1995 mit einem eigenen Forschungsprojekt, um den Status quo der Seidenwebetradition im Land zu recherchieren.

Es war eine gefährliche Mission, und mehr als einmal kamen Kikuo Morimoto und sein Begleiter in ernsthafte Bedrängnis, denn Begegnungen mit bewaffneten Khmer-Soldaten lagen in diesen entlegenen Gegenden durchaus im Bereich des Möglichen. Im Land waren Millionen von Personenminen ausgelegt und die Kämpfe waren nicht beendet.

Die Roten Khmer hatten zwar den Krieg verloren, hatten sich aber mitsamt ihren Waffen in entlegene Gebiete zurückgezogen, von wo aus sie noch Jahre einen Guerillakrieg führten.

Mehrere Monate reiste Kikuo Morimoto mit dem Auto, Motorrad, Boot und zu Fuß durch die Provinzen, fragte sich von Dorf zu Dorf, von Weberin zu Weberin weiter, um die Überbleibsel des traditionellen Handwerks der Weberei und der Seide aufzuspüren Es gab keine brauchbaren Landkarten und er war auf Hinweise, Erzählungen und Skizzen der Dorfbewohner angewiesen. Wenn er ein Dorf erreichte, von dem er von den Händlern auf den Märkten in Phnom Penh gehört hatte, und seine Befragung beendet hatte, erkundigte er sich jedes Mal nach weiteren Webedörfern, von denen sie eventuell wüssten, und fuhr weiter dorthin, wenn es brauchbare Hinweise gab. Dabei fertigte er handgezeichnete Karten an, um die Orte später wieder auffinden zu können.

Am Ende der Reise durch verschiedene Provinzen war klar, der Zustand der traditionellen Seidenweberei und Seidenproduktion war besorgniserregend, am Rande des vollständigen Verschwindens. Während Pol Pots Terrorregime ging es um das blanke Überleben – das Webehandwerk kam zum Erliegen. Die meisten Bäume und gleichzeitig wichtigen Rohstofflieferanten für das Färben und Weben wurden gefällt.

Die Weberinnen bemühten sich, in ihrem Handwerk bleiben zu können. Billige weiße Seide aus Vietnam kam ins Land und die Qualität der Webstücke wurde schlechter. Gleichzeitig stiegen die Preise für Rohmaterial, und Zwischenhändler verschafften sich Vorteile zu Lasten der Weberinnen. Chemisches Färben war weit verbreitet, billig und einfach in der Anwendung. Die Muster wurden größer und einfacher, um die Textilien schneller weben zu können, so mehr verkaufen zu können und damit das Familieneinkommen zu verbessern. Die über Jahrhunderte überlieferte Webetradition Kambodschas war im Begriff zu verschwinden.

Kikuo Morimoto beendete seine Recherche in acht Provinzen und Dutzenden Dörfern nach drei Monaten und übermittelte der UNESCO seinen mehr als dreißigseitigen Bericht über den Ist-Zustand der Seidengewinnung und Seidenweberei.

Die UNESCO war beeindruckt, aber es fehlte das Geld, um die gesammelten Erkenntnisse in ein Wiederaufbauprogramm münden zu lassen.

Der Report zu der Reise kann hier nachgelesen werden:

Silk Production and Marketing in Cambodia“  bzw. www.iktt.org unter der Rubrik books.

Mit dem Wissen aus seiner Untersuchung als Ausgangspunkt begann Kikuo Morimoto 1995 Pläne zur Gründung einer eigenen Unternehmung zu schmieden. Er beschloss in Kambodscha zu bleiben und begann ein Projekt in Takaor Village (Angkor Chey District) in der südlichen Provinz Kampot mit dem Ziel, die rasch verschwindende Seidenproduktion in Kambodscha vor dem kompletten Verschwinden zu bewahren. Die Weber mit Rohmaterial zu unterstützen war die vordringlichste Aufgabe. Aber die Webetradition wieder aufzubauen ohne den traditionellen Rohstoff, die gelbe kambodschanische Seide, selbst produzieren zu können, das war für Kikuo Morimoto undenkbar. Das Eine kann nicht ohne das Andere funktionieren. Er wollte diese exquisiten Ikat-Stücke, wie sie vor 100 Jahren hergestellt worden waren, wieder weben.

In Gesprächen mit den Weberinnen wurde ihm klar, dass noch bis vor einigen Jahren die gelbe Seide hier produziert worden war. Jetzt aber nicht mehr. So begann er eine Kooperation mit Züchtern aus Nordost-Thailand aus der Gegend um Surin, die er aus seiner Zeit im Flüchtlingslager kannte, und brachte die Kokons zu den Webern nach Takaor, um mit der Aufzucht zu beginnen.

“Without risk, neither good art nor anything else worthwhile will happen.”

Mit Webern in Takaor Village, Kampot Province, 1995. © Kikuo Morimoto.

1996, ein Jahr später, gründete Kikuo Morimoto IKTT, das „Institute for Khmer Traditional Textiles“ in Phnom Penh. Auf seinen Reisen durch die Provinzen fand Morimoto nur wenige Frauen, die noch das Wissen um das alte Handwerk hatten. Er wollte diese Frauen, alle in ihren 60ern, zusammenbringen, jede mit ihrem speziellen Wissen zum Färben und zur Herstellung von Ikat. Er war überzeugt, wenn es gelingt, mit den Weberinnen an einem gemeinsamen Ort alle notwendigen „Zutaten“ für das Ikat-Weben anzubauen, die Seide selbst zu erzeugen und weiterzuverarbeiten, dann würde es möglich sein, diese hochwertigen Textilien direkt und ohne Zwischenhändler an die Kunden zu bringen.

 

© IKTT. Die ersten Weberinnen, die 1995 mit Morimoto nach Siem Reap gingen und bei IKTT begannen ihr Wissen weiterzugeben. Ein Wiedersehen mit den „Silk Grandmothers“, 2015.

Morimoto war sich sicher, wenn sie es schafften, die Verbindung der Khmer zu ihren eigenen kulturellen Wurzeln und ihrer Identität wiederherzustellen, würde das ein Neuanfang sein.

„It was like bringing together the pieces of a jigsaw.“

Kambodschas Leid – die dunklen Jahre

Kambodscha zeigt sich heute als ein Land im Aufbruch. Doch die Wunden eines jahrzehntewährenden Bürgerkrieges sind im Land immer noch zu spüren. Umgeben von den wirtschaftlich starken Nachbarn Thailand und Vietnam und durchdrungen von großer Armut und Korruption ist es schwer für das Land, auf die Beine zu kommen.

Die dunkelste Zeit seiner jüngeren Geschichte durchlebte das Land von 1975 bis 1979, als die Roten Khmer das Land mit ihrem Terror unterdrückten. Was am Anfang von der Bevölkerung als Befreiung empfunden wurde, als die Truppen Pol Pots am 17. April 1975 Phnom Penh einnahmen, stellte sich nach kurzer Zeit als fataler Irrtum heraus. Das Land war im Begriff, den Weg zum kommunistischen Bauernstaat zu gehen. Viele Menschen starben an Hunger und Krankheit, und wer sich nicht anpasste, wurde ermordet. Ein Viertel der Bevölkerung, 1,7 Millionen Menschen, kam in diesen Jahren ums Leben.

Am Ende war die Wirtschaft zerstört. Die Menschen, vielfach aus den Städten vertrieben, umgesiedelt und zur Arbeit auf die Reisfelder gezwungen, waren unfähig, sich selbst aufzuhelfen. Kaum ein Kambodschaner hatte nicht mindestens ein Familienmitglied verloren, viele ihre ganze Familie. Erst seit 1998 herrscht offiziell Frieden, als auch die letzten Kämpfer der Roten Khmer ihre Waffen abgaben.

Für eine ARTE-Dokumentation 2005 erzählte Kikuo Morimoto über diese Zeit und seine eigenen Motive:

„Ich wollte den Menschen helfen, ihre eigene Seidentradition wieder aufleben zu lassen.

Diese Seide wird vollständig von Menschenhand gemacht. Viel Herz und Motivation stecken darin. Die Motivation zum Weben kommt eben aus dem Inneren, aus dem Herzen. Diese Seide ist wie ein menschlicher Körper – die Gefühle der Weberinnen fließen hinein. Auch die negativen.

Deshalb war es mir wichtig, dass es den Werberinnen bei IKTT gut geht. Es ist ein Ort, an dem die Frauen ein zweites Leben beginnen. Hier werden nicht nur Seidenstoffe gewebt, sondern auch Seelen geflickt.

Ich helfe ihnen, bezahle einen guten Lohn und biete ihnen eine Umgebung, in der sie sich ganz aufs Weben konzentrieren können. Und die Seide ist das, was sie mir zurückgeben. Ich bin einfach ein Seidenliebhaber und tue es auch für mich. Für meine Leidenschaft. Und wenn ich sehe, dass die Weberinnen glücklich sind, dann bin ich es auch.

Die Weberei ist wie ein Ast für Zugvögel. Sie erholen sich hier und irgendwann werden sie vielleicht die Kraft finden, woanders hinzufliegen.“

IKTT hat bis heute ca. 400 Weberinnen ausgebildet.

Kambodscha-Reise, August 2015

Wir sitzen auf der Veranda mit Kikuo Morimoto. Während draußen der nachmittägliche Regen vorüberzieht, sprechen wir über das Ikat-Weberdorf, und Kikuo Morimoto zeigt uns einige Stücke gewebter Ikat-Seidensarongs aus seiner umfangreichen Sammlung, die er seit den frühen Achtzigern in Thailand und Kambodscha auf seinen Recherchereisen erworben hat. Die Sammlung umfasst an die 200 Textilien und ist von außerordentlicher Schönheit. Sie beinhaltet historische Ikat-Stücke, zum Teil an manchen Stellen repariert, anderswo fadenscheinig.

Ein sehr altes Stück Sampot Hol aus Morimotos Textilien-Sammlung.

Sampot Hol.

Morimoto zeigt uns Bilder und Skizzen aus den Anfängen des Weberdorfes: 2002, als er fünf Hektar Land erwarb, mit dem Vorhaben, ein Ikat-Weberdorf aufzubauen, das neben dem Weben selbst auch die Pflanzen anbauen soll, die es braucht, um die Farben zu gewinnen. 2003 siedelten die ersten Familien von der Provinz Kampot nach Norden auf das neu erworbene Land.

 

Erste Skizze zu Project Wisdom from the Forest, PWF.

2004 erhielt Kikuo Morimoto den renommierten „Rolex Award for Enterprise“, der ihm sowohl internationale Aufmerksamkeit zuteilwerden ließ als auch mit einem stattlichen Preisgeld versehen war, das es ihm ermöglichte, angrenzendes Land dazuzukaufen und seine Pläne weiterzuentwickeln.

Wir sehen auch Fotoalben aus jener Zeit und auch diese erste Skizze, die er auf einem Flug von Japan kommend in sein Notizbuch gezeichnet hat, auf der das Dorf, der See und die Anbau- und Forstflächen zu sehen sind, auf denen heute, 15 Jahre später, meterhohe Bäume stehen.

Das neue Land 2002.

Blick von oben, 2012.

Er zeigt uns seine große Sammlung an teilweise antiken Webewerkzeugen und Einzelteilen wie Webschiffchen, Umlenkrollen, die es zum Weben damals wie heute braucht. Ebenso sehen wir ein sehr feines Seidengarn, von dem Kikuo Morimoto sagt, es sei so fein, wie er es nie zuvor gesehen habe und wie es heute nicht mehr hergestellt werden könne, weil das Wissen darüber mit dem Ableben der Weberin verloren ging. Vermutlich wurden nur zehn Kokons zu einem Faden zusammengezogen, um dieses extrafeine Garn herzustellen.

Ein Vogel fliegt auf die Veranda. Setzt sich auf das Geländer, neigt den Kopf hin und her und wartet wie jeden Tag auf ein Stück Banane. Früher in der Voliere gehalten, kommt er nun jeden Tag geflogen, „spricht“ ein wenig und freut sich über Leckerbissen aus Morimotos Hand.

Morimoto erzählt uns an diesem Nachmittag auch von seinen Erlebnissen in der Provinz Takeo und meint, es könne gut sein, dass hier auch 20 Jahre nach seiner Reise noch aktive Webetätigkeit anzutreffen sei. In seinem UNESCO-Report hatte er Takeo zusammen mit der Provinz Kampong Cham als eine der traditionell lebendigsten Webegebiete beschrieben.

Takeo (Krong Doun Kaev) und Umgebung.

Wir machen uns also auf den Weg nach Takeo. Nachdem wir über Phnom Penh angereist sind, haben wir uns am dortigen Phsar Thmey (Central Market) auf Morimotos Hinweis in einem kleinen Laden mit lokalem Kartenmaterial eingedeckt (Administrative Map of Takeo Province). Die eingezeichneten Straßen und Ortsnamen weichen teilweise erheblich von unserer Reise-know-how-Karte ab und wir verbringen viel Zeit mit Suchen und Vergleichen, bis wir halbwegs sicher sind, wohin es eigentlich gehen soll.

Takeo, 80 km südlich von Phnom Penh gelegen, ist die ruhige und beschauliche Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und hat auf den ersten Blick wenig Charme, wirkt etwas ausgestorben. Touristen verschlägt es kaum hierher. Dennoch, Takeo ist der ideale Ausgangspunkt für Ausflüge zur Wiege Kambodschas nach Angkor Borei und Phnom Da.

Über den Kanal Nummer 15, eine in den 80ern angelegte künstliche Wasserstraße, kann man sich vom Bootshafen aus in einer guten Stunde nach Angkor Borei bringen lassen. War es einst ein wichtiges Handelszentrum, so werden noch heute Waren zwischen Vietnam und Kambodscha auf diesem Weg transportiert.

Wir beziehen ein einfaches Guesthouse und machen uns auf zur Stadterkundung. Auch auf den zweiten, etwas genaueren Blick ist hier nicht sehr viel los, bis wir an einen großen offenen Platz gelangen, an dem so etwas wie ein Jahrmarkt stattfindet. Alles nur Erdenkliche wird hier verkauft, Matratzen, Schuhe, Uhren, Kleidung. An einem der vielen Essenstände essen wir ausgezeichnet und machen uns weiter auf Erkundungstour. Wir finden eine Kneipe und überlegen bei einem Angkor-Bier, wo wir einen Motorscooter für den nächsten Tag mieten könnten. Bisher haben wir weit und breit nichts gefunden und es sieht fast so aus, als ob unsere geplante Unternehmung, in die Dörfer zu fahren, unter keinem guten Stern stünde.

Der nachmittägliche Regen zieht auf und kurz bevor er uns vollends erwischt, schlüpfen wir in die kleine Bar des Franzosen Fred. Er lebt hier mit seiner kambodschanischen Frau und kleinen Tochter, und nach einer längeren Plauderei in holprigem Englisch bietet er uns an, einen Motorroller von ihm zu mieten – es gebe hier in Takeo keinen Verleih an Privatpersonen, und so nehmen wir dieses nette Angebot an. Am nächsten Morgen bringt ein Cousin seiner Frau das Motorbike bei Fred vorbei. So geht Kambodscha (irgendwie geht es immer) und wir sind überglücklich, unsere Tour in die Dörfer doch antreten zu können.

Der Grund, warum es uns in diese eher ruhige Gegend verschlug, war ja das Vorhaben, die Webedörfer zu besuchen, die uns Kikuo Morimoto auf meiner Karte eingezeichnet hatte. Ein 20 km langer Abschnitt im Samrong- und Prey Kabbas-District, in dem sich viele Webedörfer finden lassen sollten. Orte mit klingenden Namen wie Ampil, Prey Kabbas, Samraong und Trapeang Svay.

1995 ließ sich in manchen Dörfern in fast jedem Haushalt zumindest ein Langwebstuhl finden. Gewebt wurden hauptsächlich Sampot Hol Por, also Sarongs, von einfachen bis zu komplizierten Mustern in Ikat-Technik.

Wir hatten zwei Tage für die Erkundung der Dörfer eingeplant, um unterwegs auch jederzeit stehenbleiben und dem Klak-Klak der Webstühle nachgehen zu können.

Die ersten beiden Stunden fahren wir nur auf holprigen Straßen entlang der Reisfelder und wir befürchten langsam, hier völlig falsch zu sein.

Letztendlich schaffen wir es auf die richtige Straße, vorbei am Phnom Chiso und Richtung Phsar Prey Love. Ein kurzer Zwischenstopp in Samraong, weiter nach Prey Love und an der Abzweigung südwärts nach Prey Kabbas.

Wovon wir allerdings auf der ganzen Strecke wenig erblicken, sind Webstühle oder Webereien. Am Nachmittag zieht das übliche Gewitter auf und zwingt uns zum Umkehren.

Die ganze Fahrt begleitet uns die wunderschöne kambodschanische Landschaft, die Ebene mit ihren Reisfeldern in allen Grünschattierungen.

Und da sehen wir auch die ersten Webstühle entlang der Hauptstraße. Unter fast jedem Haus stehen ein, zwei oder drei Webstühle.

Wir wollen am nächsten Tag wiederkommen. Ohne Umwege.

Nächster Morgen, strahlend schönes Wetter, wir machen uns wieder auf den Weg. Diesmal auf der richtigen Straße. Am Phnom Chiso biegen wir rechts ab und nehmen die Hauptstraße. Wir finden eine Webefamilie neben der anderen. Unglaublich nette Menschen begegnen uns den ganzen Tag über. Egal wo wir stehen bleiben, schauen oder fragen, ob wir kurz reinkommen dürfen: Wir sind von einer so warmen, aufrichtigen Freundlichkeit und Freude umgeben, am liebsten würde man uns überall bewirten. Die Kinder kommen gelaufen, um die Fremden zu bestaunen, und ältere Dorfbewohner (Familienmitglieder) würden gerne einen kleinen Plausch mit uns halten. Leider können wir nur wenige Worte Khmer und so bleibt es beim gegenseitigen (Be-)staunen.

Wir sehen Ikat-gemusterte Seidenstränge, auf Rahmen gespannt und zum Trocknen in die Sonne gelegt. Feinste, komplizierte Webereien und auch einfachere Stücke. Natürlich wird uns auch dort und da etwas zum Kauf angeboten. Zu einem sehr guten Preis, der die Zwischenhändler ausschaltet und für die Weberin immer noch einen guten Gewinn bedeutet.

An unserem letzten geplanten Tag in Takeo möchten wir uns Angkor Borei und Phnom Da ansehen. Mit dem Schnellboot geht es 20 km schnurgerade Richtung Osten am Kanal Nr.15, und vierzig Minuten später sind wir am Fuße des Tempel Phnom Da.

Atemberaubend schön, auf der Spitze eines Hügels, der weit in die Umgebung blicken lässt, steht der auf einem Laterit-Fundament mit roten Backsteinen gebaute Tempel aus dem 12. Jahrhundert, der auf den Überresten der ersten Anlagen aus der Funan-Ära (6. Jahrhundert) wiedererrichtet wurde.

Phnom Da.

Zum Abschluss dieser schönen Runde lassen wir uns noch nach Angkor Borei bringen, ca. 3 km weiter.

Wenige Schritte vom Landesteg entfernt steht dort das örtliche Museum mit einigen historisch bedeutsamen Ausstellungsstücken aus der Funan-Ära. Ein würdiger Abschluss.

Diese Tage auf den Spuren der Seide haben uns eine lebendige Webetradition gezeigt, fest eingebunden in den Alltag. Auch wenn wir nirgendwo Färbepflanzen oder gelbe Kokons gesehen haben, wie wir sie aus Kikuo Morimotos Dorf kennen. Wir können nur vermuten, dass die Rohstoffe importierte weiße Seide und chemische Farben waren.

Von der Raupe zur Seide

Hier im IKTT-Dorf wird die Seide von den gelben Kokons des Seidenspinners Bombyx Mori gewonnen. Im Vergleich zu den hochgezüchteten Arten des Seidenspinners, dessen weiße gleichmäßige Kokons in den großen Spinnereien der Seidenindustrie Japans, Chinas und Vietnams Verwendung finden, hat der gelbe (kambodschanische) Kokon seine ursprüngliche Form und Farbe behalten. Kikuo Morimoto war immer der Ansicht, diese Spezies sei den ursprünglich wild vorkommenden am nächsten.

Der goldgelbe Kokon.

In Kambodscha und in einigen Gegenden Thailands (Surin) und Laos wird wie seit Jahrhunderten der gelbe Kokon zur Seidengewinnung verwendet. Die Raupe des Seidenspinners ist ein sehr sensibles Geschöpf und braucht volle Zuwendung und penible Sauberkeit. Die Raupen sind anfällig gegenüber Insekten, Stress, Lärm, und schon starker Regen, wie er hier oft über Tage fällt, kann genügen, um manche sterben zu lassen. Sie brauchen ein weitgehend konstantes Raumklima und gleichbleibende Bedingungen.

Seidenraupen werden hier das ganze Jahr gezogen. Stolz zeigt man mir das neue Haus, das für die Aufzucht der Seidenspinner-Raupen hergerichtet wurde. Ein offener, luftiger Bau, mit Insektennetzen eingehüllt. Im Inneren des Raumes ruhen auf Holzgestellen große Bambuskörbe, in denen die Raupen heranwachsen und die ihrerseits von einem feinmaschigen Moskitonetz eingehüllt sind.

Füttern der Raupen mit Maulbeerbaumblättern.

Die Füße des Gestells selbst stehen in mit Wasser gefüllten Blechdosen, um das Hochklettern und Eindringen von Insekten zu verhindern. Volle Aufmerksamkeit ist nötig, um eine Charge Raupen über den vollen Zyklus von 33 Tagen zu bringen, bis sie sich im letzten Stadium zur Verpuppung befinden. Raupe für Raupe wird zum nun beginnenden Einspinnen behutsam auf ein vorbereitetes Strauchgebinde gesetzt.

Seidenraupen fressen ausschließlich Blätter des Maulbeerbaumes. Und das tun sie mit Ausnahme der Fresspausen zur Häutung ins nächste Wachstumsstadium unermüdlich.

Um den 33.–35. Tag nimmt die Fresslust der Raupe ab, ihre Unruhe steigt und sie sucht nach einem Platz zum Einspinnen. In dieser Phase sind die Seidenspinner-Raupen besonders empfindlich. Innerhalb von fünf Tagen spinnen sie sich ein, danach folgt eine mehrtägige Puppenruhe. Am 45. Tag sind die Kokons reif zur Ernte. Acht Zyklen pro Jahr sind hier in diesem Klima, in dem die Maulbeerbäume das ganze Jahr über gedeihen, möglich.

Ich erinnere mich an mein letztes Zusammentreffen mit Kikuo Morimoto, am Morgen nach dem Silkworm Festival im März 2017, auf der Veranda seines Hauses. Schon immer wollte ich wissen, wie denn ein Seidenspinner-Züchter weiß, welche Kokons für die Nachzucht am besten geeignet wären und welche Falter demnach schlüpfen dürfen und vor allem woher er weiß, in welchen Kokons Männchen und in welchen Weibchen enthalten sind. Noch zwei andere Gäste, alte Freunde von ihm, waren an Morimotos Ausführungen interessiert. Seine Erklärung war so überraschend wie einfach: Die ersten Raupen, die ihr Verhalten ändern und sich einspinnen wollen, sind die stärksten und somit am besten für die Zucht geeignet. Und die Frage nach dem Auffinden des Geschlechts der Raupen in den Kokons war ebenso schnell beantwortet: Der Züchter hört es. Er schüttelt den Kokon und hört es. Weibchen und Männchen unterscheiden sich in ihrer Größe. So werden ca. 100 Kokons zur Nachzucht ausgesucht, die Falter dürfen durch den Kokon schlüpfen und paaren sich. Aus 300 Eiern pro Weibchen wird die neue Generation herangezogen.

From Mother to Daughter to Granddaughter

Nach der Ernte der Kokons geht es an das Gewinnen des kostbaren Seidengarns. In einem Eisenpott wird Wasser erhitzt und bei ca. 80 °C beginnt sich der äußere Faden zu lösen.

Die Fäden von ca. 30 bis 50 Kokons werden zusammengefasst und gemeinsam abgezogen. Die Anzahl der so gebündelten Fäden macht die Feinheit des späteren Garnes aus.

Die abgewickelten Fadenstränge werden von Unreinheiten gesäubert und weiterverarbeitet, entbastet, verzwirnt und sind fertig für den folgenden Färbeprozess und das Weben.

© Susan Bogner Stem 2010.

Die unterschiedlichen Schichten des Kokons werden unterschiedlichen Verwendungen zugeführt. Die äußere Schicht beinhaltet Verunreinigungen vom Einspinnen der Seidenraupe, die innere Schicht hat die höchste Qualität.

Um die Seidenstränge für das Färben weich und geschmeidig zu bekommen, werden sie vorher in einem „banana ash“-Bad gespült und so die Fasern für die Aufnahme der Farben bis tief in die Faserstruktur aufbereitet.

Rot aus den Nestern der Lackschildlaus (Lac nest)
Gelb aus der Rinde des Prohut-Baumes (Oroxylum indicum)
Blau aus den Indigo-Pflanzen (geerntet vor der Blüte, weil es mehr Pigment ergibt)
Braun aus dem Sud ausgekochter Kokosnuss-Schalen
Grau aus dem Saft ausgekochter gehäckselter Äste des Litschi-Baumes
Schwarz aus den ausgekochten Blättern des Mandelbaumes
Orange aus den Samen der Annato-Frucht
Grün durch Überfärben von Gelb mit Indigo

So ist es nicht verwunderlich, dass der Färbeprozess mit natürlichen Farben eben mehr Zeit in Anspruch nimmt als mit chemischen Farben, wo mit einem Tauchbad alles erledigt ist.

Ein altes Färbersprichwort sagt: „Dyed in a hurry will lose colour quickly!“

Während aber chemische Farben in den ersten zehn Jahren bereits wieder die Farbe verlieren und verblassen, beginnt die natürlich gefärbte Faser erst ihre wahre Schönheit zu entfalten. Nach zehn Jahren ist ein Rot noch kräftiger und leuchtender als zu Beginn. Solch ein Prozess braucht Geduld und Hingabe. Über Generationen wurden diese Techniken und Geheimnisse von Mutter zu Tochter weitergegeben. Und sind heute wieder lebendig.

An manchen Nachmittagen ist das Färben auch Arbeit für mehr als zwei Hände, und während über Stunden immer wieder die Qualität und Tiefe des Farbtons geprüft wird, ist auch Zeit für den einen oder anderen Dorftratsch.

Ikat

Die Kunst des Ikat-Webens findet sich in verschiedenen Kulturen und Gegenden Asiens. Auf den Inseln Indonesiens (besonders in Tenganan/Ost-Bali, Flores, Sumba, Sulawesi), in Indien (Gujarat, Andhra Pradesh, Orissa), Thailand, Laos, Burma und eben in Kambodscha.

Ikat kommt vom malaischen Wort mengikat und bedeutet etwa to tie oder to bind, also binden bzw. zusammenbinden. Ikat im Thailändischen heißt Mud Mii und bedeutet Mud für to tie und Mii für langer Faden. Mud Mii und Ikat beschreiben also den Vorgang des Abbindens von Seidensträngen vor dem Färben.

Das Weben eines Ikat erfordert viele Schritte. Die vorbereiteten, entbasteten und verzwirnten Fäden werden zuerst auf einen Abbinderahmen gespannt. Je nachdem, ob es im fertigen Stück feine wiederkehrende Muster geben soll oder komplexe Bilder mit Apsara-Tänzerinnen oder der Geschichte des Buddha gezeigt werden sollen, werden unterschiedlich viele Fäden in einen Strang genommen.

Der Aufwand bei Bilddarstellungen ist um einiges größer, weil nur wenige Stränge zusammengenommen werden können, um am Ende eines dieser exquisiten Webstücke zu erhalten.

Entsprechend komplex und aufwendig ist die Abbindetätigkeit, und die Designerinnen sind wahre Künstlerinnen, aus deren Gedächtnis die Bilder in die Gewebe fließen. Diese Leistung ist umso bemerkenswerter, als es dafür keine Schablonen gibt.

Das Färben der Stränge passiert in mehreren Etappen, entsprechend der Anzahl der vorgesehenen Farben. Jene Bereiche, die vom Eintauchen in das jeweilige Farbbad unberührt bleiben sollen, werden abgebunden (reserviert), so wird das Eindringen der Farbe in benachbarte Bereiche verhindert. Danach werden die Abbindefäden von den reservierten Stellen entfernt und mit frischen Fäden jene Abschnitte umwickelt, die vor dem zweiten Farbbad geschützt bleiben sollen, und so fort. Farbmischungen werden durch mehrfaches Überfärben derselben Stellen erreicht (Grün = Gelb + Blau).

Vom Zeitpunkt des Abnehmens der Seidenstränge vom Abbinderahmen und während der Färbebäder ist es unerlässlich, die Reihenfolge der Bündel im Auge zu behalten.

Nach dem letzten Fixierbad werden die Stränge auseinandergenommen und in genauer Reihenfolge auf jene kleinen Spulen umgespult und in kleine „Portionen“ zerlegt, die mit dem Schiffchen beim Weben in die Kette eingebracht werden.

Denn das Bild, das letztendlich auf dem Webstück zu sehen sein wird, befindet sich bereits auf den Spulen. So entsteht am Webstuhl Schuss für Schuss, Spule um Spule jenes Motiv, das die Designerin bereits beim Abbinden erdacht hat.

Das Typische am Erscheinungsbild im fertigen Ikat sind leichte Verschiebungen der Farben in benachbarte Bereiche des Musters. Dies rührt daher, dass die einzelnen Farbsegmente nicht zu hundert Prozent durch das Abbinden geschützt werden können.

Designerin und Weberin bilden in ihrer Arbeit ein Team. Nicht jede Weberin entwirft und nicht jede Designerin webt.

„I call it the memory of the hand.“

Mitten in den Erzählungen über die Seide, den Ikat und all das, was ich in Kambodscha dazu gesehen und erfahren habe, bin ich eine Erklärung schuldig geblieben: Woher kam denn der Ikat ursprünglich überhaupt? Und wie kam er nach Kambodscha?

Gillian Green schreibt in ihrem Buch „Traditional Textiles of Cambodia“ dazu Folgendes:

Während in anderen Gegenden der Welt durch überliefertes Brauchtum oder klimatisch günstige Verhältnisse alte Textilien erhalten blieben, gibt es dazu in Kambodscha keine Funde.

Glücklicherweise haben die Darstellungen historischer Kleidung an den Steinreliefs der Tempel die Zeit überdauert. Die Bildhauer der damaligen Zeit erfreuten sich sichtlich daran, die Abbildungen der Muster, Knoten, und kunstvoll in Falten gelegten Stoffe so detailliert wie möglich darzustellen.

Nach Ende der Khmer-Periode gibt es so gut wie keine Hinweise auf das Seidenweben in Kambodscha. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts tauchen Hinweise über eine aktive Seidenproduktion im Bericht eines westlichen Kolonialbeamten auf.

Kikuo Morimoto stellt in seinem UNESCO-Bericht 1995 ähnliche Überlegungen an:

Der Ursprung des Ikat in Kambodscha ist unbestimmt.

Dennoch geben die Ruinen von Angkor Wat oder dem Bayon einige interessante Hinweise dazu. Bei den auf Flachreliefs dargestellten Abbildungen des täglichen Lebens der Menschen zu jener Zeit, oder jenen von Apsara-Tänzerinnen (Himmlische Jungfrauen/Nymphen) mit ihrem geheimnisvollen Lächeln, fielen mir die Bekleidungen mit ihren floralen und geometrischen Mustern auf, die sehr dem indischen Ikat, genannt Patola, aus derselben Zeitperiode gleichen.

Die Seefahrt begann in dieser ausgedehnten Region von Indien bis China schon im 1. Jahrhundert n. Chr. und brachte vieles aus der indischen Kultur nach Südostasien. Sie steht mit der Gründung der Funan- und Champa-Reiche in enger Verbindung. Der Patola war eine der wichtigsten Waren, die so gehandelt wurden.

Der Schluss liegt nahe, der Sampot Hol (Traditionelles Kambodschanisches Kleidungsstück in Ikat-Technik), wie wir ihn heute kennen, hätte seine Wurzeln im Patola und seine Technik und Muster wären durch die Jahrhunderte weiterentwickelt worden, um heute ein einzigartiger Bestandteil kambodschanischer Kunst zu sein.

Ebenso wird in den Aufzeichnungen des chinesischen Gesandten Zhou Daguan an den Hof von König Sindravarman, wo er sich 1296–1297 in regierungsamtlicher Mission aufhielt, über den Import von Textilien aus Indien berichtet.

Tempel Prea Khan.

Silkworm Festival, März 2017

Nach meiner Rückkehr aus Kambodscha im Sommer 2016 hatte ich bald wieder einen Flug gebucht um im März bei diesem einzigartigen Ereignis dabei sein zu können:

dem Silkworm Festival.

Seit 2008 findet es alljährlich im Frühjahr zu Vollmond statt. Das ganze Dorf ist schon Wochen zuvor in voller Vorbereitung auf die Veranstaltung. Zwei Tage lang soll die Seidenspinnerraupe nun gefeiert und geehrt werden, ohne deren Kokons es die Seide und damit den bescheidenen Wohlstand des Weberdorfes so nicht geben würde. Schon in alten chinesischen Dokumenten finden sich Hinweise auf Zeremonien zu Ehren der Seidenraupe.

Für einen gläubigen Buddhisten ist es schwierig, den Umstand, dass die Raupe bei der Gewinnung des Seidenfadens abgetötet wird, mit seinem Glauben zu vereinbaren. Um dieser Tatsache Rechnung zu tragen, wurden das Festival und die Zeremonie ins Leben gerufen.

Einmal im Jahr stehen die Weberinnen und Designerinnen und ihre Familien im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und dürfen die kunstvollen Seidenkreationen, die sie das ganze Jahr über herstellen, selbst am Laufsteg tragen und dem geneigten Publikum präsentieren.

Eine Bühne wird eigens gebaut, Festzelte errichtet und für die vielen Gäste aufgekocht. Alle Dorfbewohner, von den Kindern bis zu den ganz Alten, sind mit dabei.

Der Shuttlebus bringt uns vom IKTT-Shop in Siem Reap hinaus ins Dorf.

Viele alte Freunde von Kikuo Morimoto sind aus Japan angereist, um an diesem Wochenende gemeinsam mit ihm und den Dorfbewohnern zu feiern. Ein befreundetes Friseurteam aus Siem Reap kümmert sich um Frisuren und Make-up, und bereits seit Wochen wird die Choreografie für die Modenschau am Laufsteg geprobt.

Es ist eine einmalige Atmosphäre.

Vor Morimotos Haus werden Gastgeschenke an ihn übergeben, Gruppenfotos mit Gästen gemacht und nebenan wird letzte Hand an Make-up und Styling der Modelle gelegt.

Das Publikum hat seine Plätze unter dem großen Baldachin eingenommen. Nach Kikuo Morimotos Begrüßung setzt Musik ein, der Vorhang hebt sich und die Show beginnt.

Es ist so weit – wochenlang Eingeübtes wird nun den Gästen präsentiert.

Weberinnen, jüngere und ältere Mädchen, zeigen am Laufsteg kunstvoll drapierte Textilien, die übers Jahr im Dorf hergestellt wurden, zusammen mit kostbaren Ikat-Wandtextilien (Pidan), deren Herstellung oft Monate in Anspruch nimmt.

Nach Kikuo Morimotos berührenden Dankesworten und Gruppenbild mit Team und Meister wird zu Tisch gebeten. Feinste kambodschanische Speisen warten auf die Gäste, während langsam das Tageslicht schwindet und die Bühne zur Tanzfläche wird.

Der Stromgenerator wird an diesem Abend länger laufen als sonst.

Der Tonmeister an seinem Arbeitsplatz.

Die Feierlichkeiten am nächsten Morgen

Eine Gruppe Mönche kommt aus einem nahegelegenen Tempel ins Dorf, um die Zeremonie vorzunehmen. Es ist ein ruhiger und beschaulicher Morgen. Die Arbeit ruht an diesem Tag und die Dorfbewohner, feierlich gekleidet, warten auf den Beginn der kleinen Feier.

Eine Handvoll Gäste des Festivals, die übers Wochenende geblieben waren, sind auch eingeladen teilzunehmen.

Die Bühne, gestern noch Laufsteg, ist heute festlich geschmückt für die Feier zu Ehren des Seidenspinners.

Für mich ist es das erste Mal, dass ich die Gelegenheit habe, an einer buddhistischen Feier teilzunehmen, und es ist sehr berührend, diese besonderen Momente mit den Dorfbewohnern teilen zu dürfen. Unvergessliche Eindrücke.

An diesem Wochenende mit seinen großartigen Begegnungen entstehen neue Kontakte zu Textilliebhabern aus anderen Ländern, deren Leidenschaft für die Seide sie ebenfalls in Morimotos Dorf geführt hat.

Eine maßgebliche Person hinter all diesen Aktivitäten ist auch Midori Iwamoto. Sie lebt seit drei Jahren im Weberdorf und arbeitet eng an der Seite Kikuo Morimotos.

Zurück im Weberdorf IKTT, September 2017

Zurück an diesem wunderbaren Platz.

In den Wochen davor hatte ich mir viele Gedanken darübergemacht, wie es sein würde, an den Ort zurückzukehren, der mir so viel bedeutet. Wie es dort sein würde ohne Kikuo Morimoto, der Anfang Juli nach längerer Krankheit verstorben war.

Kenji Yatsu, Dokumentarfilmer von „Asian Beauty“, übermittelte mir die traurige Nachricht am selben Tag. Ein unermesslicher Verlust.

Gemeinsame Freunde hatten mich ermutigt, dennoch hinzufahren – und ich wollte es auch.

„Now I give it to the next generation to continue this project. This village is my work.

It´s like drawing the picture. For me it´s the same. I dreamed up the landscape, the picture, and it happened for real.“

Im Dorf

Es ist lebendig und betriebsam. Eine Gruppe japanischer Studenten sitzt auf der Veranda und wartet geduldig auf den Beginn des Workshops mit Midori und den Weberinnen, für den sie über das Wochenende angereist sind. Die Verbindungen nach Japan sind intensiv wie eh und je und immer wieder kommen Gruppen von Studenten, um die Geschichte des Dorfes, die Technik des Webens und des Färbens aus nächster Nähe kennenzulernen.

Eine Gruppe Kinder, die von Kikuo Morimoto so getaufte Paint Group, sitzt ebenfalls rund um den Tisch auf der Veranda und malt Pflanzen und Blumen auf Maulbeerpapier. Dies war Kikuo Morimoto immer besonders wichtig, die Malgruppe. Dorfkinder verschiedenen Alters sitzen gemeinsam, blättern die Pflanzen- und Kunstbücher durch und malen Motive, die ihnen besonders gut gefallen. Für Kikuo Morimoto ist dies tief in seiner eigenen Geschichte verwurzelt, als er, noch jung und in Ausbildung, frei war, wann immer er es wollte in der Bibliothek seines Meisters zu stöbern und Motive zu finden, die er gerne malen wollte. So entwickelte er seine eigene Handschrift in der Yuzen-Kunst.

Neben der gemeinsamen Freude am Malen geht es in der Paint Group aber auch um das Entdecken von Talenten für das Institut IKTT.

In der nahegelegenen Weberei wird gespult, abgebunden, gefärbt und gewebt.

Neue Muster und Farben werden entwickelt.

Kikuo Morimotos wichtigster Leitsatz war immer: die Traditionen pflegen und bewahren, aber auch weiterentwickeln und fortschreiben, um sie lebendig zu halten.

Die Kinder der Weberinnen sind mit dabei. Sie spielen in der Nähe ihrer Mütter, die so ein Auge auf sie haben können, oder schlafen in den zwischen den Webstühlen gespannten Hängematten. Die Kinder sind der Mittelpunkt des Dorfgeschehens. Sie sind die Zukunft, und wenn sie nicht gerade in der nahegelegenen dorfeigenen Schule unterrichtet werden, sind sie hier, in der Nähe ihrer Eltern. Spielerisch lernen sie, was später vielleicht ihr Beruf werden wird, sofern sie sich dafür entscheiden, hier zu bleiben und das Webe- und Färbe-Handwerk zu lernen.

Es ist ein lebendiger Platz geblieben, mehr vielleicht noch als ich ihn von den früheren Besuchen in Erinnerung hatte. Zumindest fühle ich es so.

Kikuo Morimotos Wohnhaus hat sich seit seinem Ableben nur wenig verändert.

Es ist ein offenes Haus geblieben. Man sitzt zusammen, plaudert, isst gemeinsam.

Ein Haus, in dem jeder Besucher gerne willkommen geheißen wird, wo für die Gäste gekocht wird, wo immer irgendwo Katzen herumlaufen, Kinder aus- und eingehen und Hund Tiger schon mal etwas vom Teller stibitzt.

Die Türen zu Morimotos Räumen sind offen. Sie werden am Morgen von Sou Sopeak geöffnet und am Abend wieder geschlossen. Wie jeden Tag. Ein kleiner Platz ist zu seinem Andenken hergerichtet, entsprechend der buddhistischen Tradition und um den vielen Menschen, die ihn kannten, einen Ort zum Abschied zu geben.

Kikuo Morimoto bleibt Teil des täglichen Lebens und so die Erinnerung an ihn wach.

Die Seele der Seide, sie wohnt hier. In diesem Haus, in diesem Dorf.

Seele der Seide

© Junji Naito Photographs.

Der Autor

Klaus Rink lebt und arbeitet in Wien. Seit einiger Zeit führen ihn seine Reisen nach Südost-Asien und in den letzten Jahren immer mehr auch auf den Pfaden der dortigen textilen Traditionen. Die Seide, das Weben und die Batik faszinieren ihn.

Adressen:

Weberdorf „Project Wisdom from the Forest“
Chob Saom Village, Peak Snaeng, Angkor Thom District,
Siem Reap, Kingdom of Cambodia, postal code 17603

IKTT in Siem Reap Stadt:
No. 472, Viheachen Village, Svaydongkum Commune,
P.O Box 9349, Siem Reap Angkor, Kingdom of Cambodia

Quellen:

Gillian Green, „Traditional Textiles of Cambodia“, 2003
Kikuo Morimoto, „Bayon Moon“, 2008
Zhou Daguan, „Sitten und Bräuche im alten Kambodscha“

Interviews und persönliche Gespräche 2013 – 2017

Mein Dank an:

Kikuo Morimoto, Midori Iwamoto und die Bewohner des Dorfes „Wisdom from the Forest“
Barbara Giller für das Lektorat
Louise Cort für ihre wunderbare Übersetzung des Buches „Bayon Moon“ ins Englische
Junji Naito für die Genehmigung zum Abdruck seiner Bilder aus dem Buch „The Tree of Life“
Christian Bell, Utagawa Tatsuhito, Hitoshi Takase für ihre Unterstützung

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