Meine Reise durch den Kosovo

kosovo

Von Bernadette Olderdissen.

Viele warnen mich vor dem Kosovo. Nennen ihn ein „heißes Pflaster“ und andere unschöne Namen. Und nicht nur deswegen ist es an der Zeit, mir das kleine Land mal mit eigenen Augen anzusehen.

Ich stehe allein am Busbahnhof von Pristina, sehe in die runzeligen Gesichter rauchender Männer. Einer furcht die Stirn, ein anderer weitet die Augen, der Dritte kneift sie zu Schlitzen zusammen. Allesamt fixieren sie mich. Ist das jetzt ein Zeichen kosovarischer Gastfreundschaft? Ich wünschte, ich wäre wie die anderen Reisenden, die mit mir aus dem Bus von Novi Pazar in Serbien gestiegen sind und mit ihrem Nicht-Gepäck davoneilen. Eigentlich sollte ich von albanischen Freunden abgeholt werden, die sich auch um die Unterkunft kümmern wollten – Freunde, die ich seit Tagen nicht mehr telefonisch erreichen kann. Die Männer starren weiter. Ich greife meinen Koffer und marschiere los.

Der Weg

Ich habe es mir zum Ziel gemacht, einen der letzten ‚wilden‘ Flecken Europas zu entdecken. Einen Ort, der noch kein Anwärter auf einen der hochgehandelten Geheimtipps ist, welche die Pauschaltouristen innerhalb von wenigen Jahren überrennen wie die Shopper einen Laden bei Ausverkaufsbeginn. Auf einem Kontinent, auf dem fast jede Ecke touristisch erschlossen ist, klingt der Kosovo noch exotisch. Gefährlich, behaupten manche.  

Bevor es in Richtung Kosovo losgeht, verbringe ich ein paar Tage in Serbien und nutze jede Chance, das rote Tuch Kosovo aus der Tasche zu ziehen. Immer wieder verwandeln sich freundliche serbische Mienen vor meinen Augen zu Grimassen. „Kosovo ist Serbien!“, heißt es. Auf meine Frage, ob sie denn schon mal im Kosovo gewesen seien, folgt stets Kopfschütteln. Da könne man nicht mit serbischem Autokennzeichen hinfahren. Immerhin hätten diese Barbaren auch eine Menge serbisches Kulturgut zerstört. Man warnt mich, nicht über den Kosovo aus Serbien auszureisen, denn das würden die Serben nicht anerkennen. Wieso, wenn der Kosovo doch angeblich Serbien ist?

Dabei sind es nicht nur die Serben, die den Kosovo nicht als unabhängiges Land akzeptieren, das es seit 2008 sein will: Der Kosovo existiert auch für fünf EU-Länder nicht, darunter Spanien und Griechenland, und nur 110 von 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen erkennen die Unabhängigkeit an. Den Euro gibt es im Kosovo allerdings schon seit 2002, als er die ab 1999 genutzte Deutsche Mark ablöste.

Im Bus von Novi Pazar nach Pristina schaue ich neugierig aus dem Fenster.

Was passiert an der Grenze, wenn es das Land nur so halb gibt? Die Antwort folgt eine halbe Stunde später in Form des Stempels ‚Republik Kosovo‘ in meinem Pass. Ich bin im europäischen Niemandsland, warte darauf, dass nun vor dem Fenster alles anders wird. Bald kommen mir Zweifel, ob wir schon im Kosovo sind, denn ganze Straßenzüge werden von serbischen Flaggen gesäumt und die Autokennzeichen sind auch serbisch. Bin ich gar nicht im Kosovo? 

Wenig später erscheint das Ortsschild ‚Mitrovica‘. Der Name sagt mir etwas, war 2004 Schauplatz heftiger Zusammenstöße zwischen Kosovo-Albanern und Kosovo-Serben. Der Bus überquert die Ibar-Brücke, die damals im Zentrum des Konflikts stand. Und plötzlich wird alles anders. Statt serbischer Flaggen gibt es albanische, an den Autos  steht nun RKS und alle Schilder sind auf Albanisch. Wir haben das Gebiet der serbischen Minderheiten zurückgelassen.

Lost in Pristina

Da bin ich also. Zerre meinen Koffer zu einem Taxi. Mein einziges albanisches Wort ist ‚Faleminderit‘. Danke. Ob ich damit ein Dach über den Kopf kriege? „Eigentlich erwarte ich jemanden“, erklärt mir der Taxifahrer in perfektem Deutsch. Dann bedeutet er mir trotzdem, einzusteigen: „Ich mache mal eine Ausnahme und bestelle einen Kollegen her.“ Dankbar steige ich ein, nenne als Adresse irgendein Hotel im Zentrum, nicht teuer. Den Taxipreis vorab auszumachen, vergesse ich. Als ich mir dessen bewusstwerde, ist es schon zu spät. Ich stelle mich auf eine unverschämte Taxirechnung und eine üble Absteige ein.

Kaum versinke ich im Lederpolster des Hondas, der riecht wie neu, spüre ich den Blick des Fahrers im Rückspiegel. „Welche Musik magst du?“ Auf meine Antwort „italienische“ fummelt er an dem großen Display herum, und binnen Sekunden beschallt mich ‚Grande Amore‘. Zu den operettenartigen Klängen einer schmalzigen italienischen Liebe kutschieren wir durch die Straßen Pristinas. Der Fahrer streckt einen Daumen hoch. „Italien ist schön, aber Deutschland besser! Im Krieg war ich in Deutschland, meine vier Kinder sind dort geboren. Leider konnten wir nicht bleiben.“

Plötzlich halten wir vor einem mehrstöckigen, modern aussehenden Gebäude mit der Aufschrift ‚Hotel‘. Das Taxi kostet nur ein paar Euro. Vielleicht wird doch noch alles gut. Die Rezeptionistin lächelt, spricht genauso gut Englisch wie die meisten jungen Leute in Serbien. 25 Euro die Nacht ist für den Kosovo wahrscheinlich ein Wucher, aber ich nehme das Zimmer. Und lande im sechsten und letzten Stock mit Weitblick über Pristina und die umliegenden Berge.

Pristina

Freiheit

Gegen Abend bin ich mit „Computerfreak“ verabredet, mit dem ich kurzfristig über Couchsurfing Kontakt aufgenommen habe. Seinen richtigen Namen darf ich nicht nennen, er könnte sonst Probleme bekommen wegen dem, was er mir erzählt. „Nenn mich einfach Computerfreak!“ Wir treffen uns auf einem Platz vor der Statue von Skanderberg zu Pferd – ein albanischer Nationalheld, der Albanien gegen die Osmanen verteidigte. Ihm gegenüber reckt sich ein pferdloser Ibrahim Rugova empor, der erste Präsident des Kosovo von 1992-2006.

Pristina
Pristina

Computerfreak ist mager, fast kahlköpfig und Kettenraucher. Er geht mit mir im nächstbesten Fast-Food-Restaurant essen. Die meisten Kosovaren äßen gerne Fast-Food, entschuldigt er sich, das sei lecker und günstig. Dann entdecken wir unsere gemeinsame Katzenliebe, später wechselt das Thema zum Kosovo und Serbien. „Ich war als Junge in der kosovarischen Armee. Habe das Gemetzel der Serben gesehen. Kinder, Zivilisten. Einfach abgeschlachtet, vor meinen Augen. Dabei hatte ich selbst nichts gegen sie“, erzählt mir Computerfreak im Plauderton. Dieser ganze „religiöse Kram“ sei ihm am Allerwertesten vorbeigegangen, habe er doch eine katholische Mutter und einen muslimischen Vater – wobei der Islam die Religion mit den meisten Anhängern sei. Er selbst sei aber Atheist. „Was mich sauer gemacht hat damals im Krieg, von 1989-99, war, dass die Serben alle albanischen Lehrer gegen Serben ausgetauscht haben. Es sollte nur noch Serbisch unterrichtet werden. Wir haben uns dann privat Unterricht organisiert.“ Computerfreak fährt fort, dass er für die Freiheit habe kämpfen wollen. „Ich habe kein Problem mit den Serben, nur mit dem Regime. Es nervt, dass überall Krieg war, nur in Serbien nicht – und dann beschweren die sich, dass die NATO sie bombardiert hat, um den Krieg mit uns zu beenden.“ Vorsichtig frage ich nach, ob die Serben Angst haben müssten, in den Kosovo zu fahren, woraufhin Computerfreak laut lacht. „Das ist uns sowas von scheißegal! Kein Mensch hier interessiert sich mehr für die Serben!“

Valon, ein weiteres Mitglied der Couchsurfing-Gemeinde von Pristina, den ich dank Computerfreak kennenlerne, stimmt zu. Er finde die Serben ganz okay, auch wenn sie kosovarische Pässe noch nicht akzeptierten. „Ausweise aber schon, nur, dass sie manchmal die Regeln ändern. Dann sollen die Ausweise zum Beispiel ab sofort biometrisch sein und man muss erst mal einen Monat warten, bis man wieder nach Serbien reisen kann. Aber man gewöhnt sich an alles.“ Immer wieder frage ich mich, ob die meisten Leute im Kosovo so entspannt über die Serben denken.

Im Laufe des Abends stellt mir Valon in einer lauschigen Bar einen Bekannten vor, einen Journalismus-Studenten. Wie Computerfreak und Valon ist auch dieser begeistert, dass ich im Kosovo bin, ohne dafür von einer Hilfsorganisation bezahlt zu werden, wegen denen die meisten Ausländer im Lande seien. „Wir stecken hier im Kosovo ziemlich fest“, geben alle Drei zu, „aber beschweren wollen wir uns nicht.“ Man könne ja erst mal im Kosovo herumreisen, bis sich die Visafrage eines Tages lösen würde. In einem sind sich die jungen Männer einig: Es ist besser, mit dem eigenen Pass im eigenen Land unfrei zu sein, als dass einem mit dem falschen Pass, dem serbischen, die Welt offensteht. „Freiheit ist nicht, in welchem Radius man sich bewegen kann. Freiheit ist, wenn man der sein darf, als der man geboren wurde“, gibt mir Computerfreak mit auf den Weg.

Von Polizei und KFOR  

Dass es nicht in allen Köpfen im Kosovo so fried- und hoffnungsvoll zugeht wie in denen meiner drei neuen Freunde, verstehe ich, indem ich durchs Land reise. In eine Kathedrale in Prizren, einem Städtchen, das wirkt, als hätte es sich gerade erst vor dem Spiegel schöngemacht und sei nun bereit zum Ausgehen und Angeschaut-werden, werde ich von einem Polizisten begleitet. Immerhin könnte ich eine albanische Kämpferin sein, die serbisches Kulturgut zerstören will. Auch vor der Muttergotteskathedrale Ljeviška treffe ich auf eine Wache. Hier es anstelle eines Polizisten ein Kosovo-Serbe, der vom Feuer 1999 erzählt, das die Kirche zerstörte. „Auch mein Haus wurde von den Albanern zerstört. Sie haben die Serben vertrieben“, berichtet der etwa 70-jährige. „Aber ich hab’s mir wieder aufgebaut und bewache nun freiwillig jeden Tag die Kirche. Bei den Albanern weiß man nie!“ Ich denke an meine drei Kosovo-albanischen Freunde, an unsere Gespräche über die Freiheit. Möchte dieser alte Mann im Grunde nicht dasselbe, frei seinen Glauben leben in seiner geliebten Kirche und seinem Haus, ohne als Angehöriger einer Minderheit vertrieben zu werden?

Prizren
Prizren
Prizren
Prizren
Prizren
Prizren

Dass unter anderem das berühmteste serbische Kloster im Kosovo, Dečani, nicht nur von der Polizei oder von Freiwilligen geschützt wird, sondern von der KFOR, der Kosovo-Truppe, einer seit 1999 aufgestellten militärischen Formation der NATO, die für ein sicheres Umfeld von zurückkehrenden Flüchtlingen sorgen soll, spricht für sich. Es geht vorbei an Stacheldrahtzaun, hinter dem sich das Kloster Dečani erhaben und schneeweiß von den umgebenden Hügeln und Wiesen abhebt. Am Eingang gebe ich meinen Pass ab und bekomme dafür einen Besucherausweis.

Dečani
Dečani

Gespannt betrete ich das Klostergelände aus dem 14. Jahrhundert, das die Serben noch heute als Teil ihres Staatsgebietes betrachten und das seit 2004 zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Es ist schwer vorstellbar, dass dieser verträumte Ort seit 1999 vier Mal Ziel von Mörserattacken geworden sein soll sowie von weiteren Angriffen. Außer mir streifen lediglich schweigende Mönche in schwarzen Roben umher.

Gespannt betrete ich das Klostergelände aus dem 14. Jahrhundert, das die Serben noch heute als Teil ihres Staatsgebietes betrachten und das seit 2004 zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Es ist schwer vorstellbar, dass dieser verträumte Ort seit 1999 vier Mal Ziel von Mörserattacken geworden sein soll sowie von weiteren Angriffen. Außer mir streifen lediglich schweigende Mönche in schwarzen Roben umher.

Erfüllt mache ich mich auf den Rückweg zur Hauptstraße. In Gedanken verloren bemerke ich nicht den alten Mercedes, der plötzlich neben mir hält. „Soll ich dich mitnehmen?“, fragt ein alter Mann durchs Fenster, in fast akzentfreiem Deutsch. Ich steige ein, frage nach seinen Deutschkenntnissen. „Mädchen, jeder hier hat noch eine Schwester oder einen Bruder in Deutschland. Aber wir bekommen jetzt kein Visum mehr, um sie zu besuchen.“ Er schüttelt den Kopf. Nicht resigniert, eher wie jemand, der sein Schicksal ohne Murren annimmt. An einer Bushaltestelle steige ich aus. „Ich gehe Kastanien suchen. Dir auch ein schönes Leben.“

Beim Sargmacher

Unweit von Dečani liegt Peja, wo ich mich inmitten eines Bazaars wiederfinde, mit schräbbeliger Musik und einer Menge für mich nicht brauchbaren Gebrauchsgegenständen an den Ständen.

Neugierig mache ich mich auf den Weg den Fluss runter, in Richtung des ebenfalls als UNESCO Weltkulturerbe aufgenommenen Patriarchenklosters von Peć, wie Peja auf Serbisch heißt. Zuerst geht es durch das urbane Zentrum mit Geschäften und Bars, vorbei an einem Schäfer mit seiner Herde, dann ist Schluss. In den wenigen übrig gebliebenen Häusern sind fast alle Vorhänge zugezogen. Schon bald bin ich mir nicht mehr sicher, auf dem richtigen Weg zu sein. Dann tauchen drei Gestalten vor mir auf, die sich nach mir umdrehen. Jetzt schon zum dritten Mal. Ich habe den Eindruck, sie verlangsamen ihren Schritt. Drehen sich schon wieder um. Wollen die was von mir? Geld? Ich schaue hinter mich, doch da ist sonst niemand.

Ich umklammere den Fotoapparat in meiner Tasche. Aber wirken die Drei vor mir nicht ganz harmlos? Zumindest sind zwei Frauen dabei, nur ein Mann. Sie stecken die Köpfe zusammen. Ach du Schreck! Eine der Frauen dreht sich um, kommt geradewegs auf mich zu. Sie ist jung, vielleicht 20 Jahre alt. Lächelt. „Hallo“, sagt sie auf Englisch, „meine Mutter, mein Bruder und ich fragen uns die ganze Zeit, ob du Hilfe brauchst.“ Wir schließen zur Familie des Mädchens auf, das sich als Ardita vorstellt, und ich erzähle vom Patriarchat, das ich besuchen möchte. Oder sollte ich vor Kosovaren gar nicht zugeben, dass ich zu einer serbischen religiösen Einrichtung will? „Ich war schon mal vor langer Zeit im Patriarchat“, erklärt mir die Mutter, Nel, die fast so gut Englisch spricht wie ihre Tochter. Eigentlich darf man dort nur mit Pass rein, aber weil die Drei mich begleiten, dürfen sie mit. Was, wenn das jetzt doch albanische Kämpfer sind, die das Kulturgut in die Luft sprengen wollen?

Nel, die auch Serbisch spricht, lässt sich von den Wächtern die Geschichte des serbisch-orthodoxen Klosters aus dem 13. Jahrhundert erzählen und erklärt mir dann wie eine Klosterführerin die Fresken vom Begräbnis des Heiligen Sava II. Ich erfahre, dass das Patriarchenkloster als heiligster Ort der serbisch-orthodoxen Kirche gilt. 

Ardita hält sich treu an meiner Seite, erzählt, dass sie 1994 geboren wurde und die Familie, als sie vier war, von Albanien in einem kleinen Boot nach Italien geflohen sei und weiter nach Deutschland. Noch heute habe sie Panik vor Wasser, weil sie damals beinahe gekentert und ertrunken seien. „Alle in meiner Familie haben einen serbischen Pass, nur ich nicht“, berichtet sie weiter, „weil im Krieg alles untergegangen ist. Aber jetzt will ich auch einen haben. Ein serbischer Pass bedeutet, dass ich reisen kann. Frei bin.“ Ich muss an Computerfreak, Valon und den Journalisten denken. Sie würden ganz bestimmt nicht zustimmen.

Nel hat den Ehrgeiz, mir in ein paar Stunden möglichst viel von ihrer Heimatstadt zu zeigen. Ich könne unmöglich abfahren, ohne den Hammam besucht zu haben. Leider ist dieser wegen Umbaus geschlossen, doch Nel gibt nicht auf, bittet im Kramladen nebenan um den Schlüssel. Der sei doch beim Sargmacher, lautet es. So werde ich Pejas Sargmacher vorgestellt, einem knollnasigen Mann, aber auch er kann den Hammam-Schlüssel nicht rausgeben.

Enttäuscht von der Abfuhr lädt mich die Familie auf einen Drink in den Semikomplex beim Busbahnhof ein. Oben rotiert ein Restaurant auf einer Plattform. Bei untergehender Sonne betrachten wir die winzig erscheinenden Häuser und die sich dahinter erhebenden Berge.

Ardita plant bereits meinen nächsten Peja-Besuch, lädt mich zu ihrer Familie ein. Ich weiß schon, dass ich wiederkommen möchte, als ich am Busbahnhof „Tung“, tschüss in kosovarischem Albanisch sage und mir die Familie zuwinkt, bis der Bus um eine Ecke biegt.

Mein Kosovo-Fazit

Ich habe nur wenige Tage im Kosovo, an denen ich einen so tiefen Einblick in die Kultur und Menschen bekomme wie ein Taucher im Kinderplanschbecken in die Unterwasserwelt eines Ozeans. Bald stehe ich wieder mit meinem Koffer am Busbahnhof, zwischen rauchenden, knittergesichtigen Männern, die mich anstarren. Ich habe Raki gefrühstückt, was es nicht unbedingt einfacher macht, meine Eindrücke auf einen Nenner zu bringen. Oder vielleicht doch. Denn ich mag sie, diese „gefährlichen Kosovaren“, vor denen mich viele gewarnt haben. Die albanischen und die serbischen, die oftmals in ihrer Sturheit noch immer glauben, dass sie verschieden sind und dem jeweils anderen irgendwas kaputtmachen müssen, um ihre Überlegenheit zu behaupten. Sage ich, aber was verstehe ich schon davon? Doch eins glaube ich, kapiert zu haben: Dass jeder im Kosovo seine eigene Definition von Freiheit hat. Der eine die, seine Identität wahren zu können. Der andere, physisch frei zu sein. Ich wünsche ihnen allen, dass sie eines Tages ihren Traum von Freiheit leben können. Denn ich fühle mich ganz wohl im Kosovo, trotz allem. Irgendwie zu Hause, willkommen. Ich lächle die alten Männer an. Sie sehen mich überrascht an. Dann lächeln sie zurück.

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