Im Reich des Schneeleoparden

Schneeleopard Thomas Bauer

Begegnung mit dem Phantom der Berge.

Von Thomas Bauer.

Sie bitten um Schnee. In Gruppen sitzen sie zusammen in jenen Tagen, in gemeinsamer Rezitation, im stillen Gebet sieht man sie allerorten auf der Erde kauern. Hunderte sind es allein in Leh. Die Mönche von Ladakh beten für ihre Landsleute. Nach fünf Wochen ohne Regen, ohne Schnee wird das Trinkwasser knapp.

Hätten sie nicht einen Tag länger warten können, seufze ich, als ich das Flughafengebäude von Leh betrete, um die Heimreise nach Deutschland anzutreten. In Ladakh, jener Region im nördlichsten indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir, die dem Himmel ein gutes Stück näher ist als die meisten anderen Landstriche, werden Gebete noch erhört. Erst gleiten watteähnliche Flocken vom Himmel, besprenkeln die Start- und Landebahnen. Dann schließen sie sich zu einem weißgrauen Teppich zusammen, der sich um die Fenster des Gebäudes legt.

Der Autor

Thomas Bauer, 1976 in Stuttgart geboren, studierte in Konstanz, war Greenpeace-Mitarbeiter in Paris und Journalist in Sydney. Mittlerweile arbeitet er für das Goethe-Institut in München. Er lebt in Fellbach und in Tutzing.

Thomas Bauer umrundete Frankreich auf einem Postrad, fuhr per Fahrradrikscha von Laos nach Singapur, folgte der Donau im Paddelboot zum Schwarzen Meer, streifte ein Vierteljahr durch Südamerika, ging zweieinhalbtausend Kilometer auf Jakobswegen durch Europa, umrundete die japanische Pilgerinsel Shikoku, zog per Hundeschlitten durch Grönland und beobachtete im Himalaya einen der letzten Schneeleoparden. Zu seinen Büchern gehören „Nurbu – Im Reich des Schneeleoparden“, „Frankreich erfahren – Eine Umrundung per Postrad“ und „Die Gesichter Südamerikas“.

Weitere Informationen: www.neugier-auf-die-welt.de

Heute wird hier kein Flugzeug starten oder landen. Die Angestellten der drei vertretenen Fluggesellschaften überdecken diese Tatsache durch eine ins Groteske gesteigerte Betriebsamkeit. Als mein Reiserucksack im Sicherheitsscanner stecken bleibt, stürzen gleich vier Bedienstete herbei, tauchen ihre Oberkörper in die Maschine und zerren von allen Seiten an meinem Gepäck. Zweimal ziehen sie den Rucksack aus dem Tunnel der Maschine, zweimal bleibt er erneut darin stecken. Schließlich kommt ein fünfter hinzu, schüttelt ungläubig den Kopf und schleust den Rucksack anschließend diskret an dem Gerät vorbei. Mit einem entschuldigenden Lächeln drückt er ihn mir in die Hände. Dann erst darf ich ins Innere des Gebäudes treten.

In der überschaubaren Wartehalle wird heute ein Theaterstück namens Flughafenbetrieb aufgeführt. Gepäckstücke werden von links nach rechts und wieder zurückgetragen. Uniformierte Angestellte beziehen Posten hinter Schaltern, ziehen kurz darauf ab und kommen später wieder zurück. Von Zeit zu Zeit knacken die Lautsprecher, kommen jedoch nie gegen die voll aufgedrehten Fernseher an, in denen sich Indien seit fünf Stunden ein Cricketmatch mit England liefert.

Irgendwann bilden sich zwei Warteschlangen vor den beiden Schaltern der Fluggesellschaften. Leider erfüllen die über den Schaltern angebrachten Hinweisschilder keinen informativen, sondern lediglich einen ästhetischen Zweck, wie ich erfahre, als ich nach einer Dreiviertelstunde an der Spitze der ersten Warteschlange angekommen bin. Mein Flugticket bekäme ich nebenan, teilt mir ein adretter junger Schalterbeamter mit. Da steht aber der Name der anderen Fluggesellschaft drüber, halte ich ihm entgegen. Der Beamte zuckt die Achseln. Wichtig sei nun einmal nicht, was über ihm stehe, sondern für welche Fluggesellschaft er arbeite. Er schaut mich an wie einen besonders begriffsstutzigen Lehrling, der noch immer nicht erfasst hat, wo die Kaffeemaschine steht. Murrend verlasse ich die mühsam erkämpfte Spitzenposition in der Warteschlange, begebe mich ans Ende der zweiten Menschenmenge, und schon nach weiteren vierzig Minuten bin ich der glückliche Besitzer einer Bordkarte. Kurz darauf sagt man mir, dass ich nach Hause gehen soll. Morgen werde die gleiche Prozedur ein weiteres Mal durchgeführt, übermorgen auch und immer so weiter, bis das Wetter es zuließe, dass ein Flugzeug von hier abhebt.

Schön, wenn man das erlernte buddhistische Gelassenheitsgebot so unmittelbar anwenden kann, denke ich, als ich durch die ladakhische Hauptstadt Leh streife. Ein Mädchen malt die Umrisse eines hundeähnlichen Tieres in den Schnee. Erst als sie einen buschigen Schwanz hinzufügt, der beinahe so lang wie der Körper ist, erkenne ich, wer gemeint ist. Schan, Schneeleopard, stelle ich fest, und die Künstlerin lächelt stolz.

Bis zuletzt hatte ich nicht geglaubt, in den überschaubaren Kreis derer aufgenommen zu werden, die den grauen Berggeist zu Gesicht bekommen haben. Länger als angebracht begutachte ich die Kinderzeichnung und blättere in Gedanken die Ereignisse zurück bis zu jenem Moment, in dem ich dem König des Himalaya von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Meine Begegnung mit der Bergkatze hatte für mich wenig rühmlich begonnen. Tatsächlich hatte ich sie zu Beginn gar nicht wahrgenommen.

»Ist er das dort vorn, Sonam?«

»Ja, genau dort ist er!«

Konzentriert starre ich auf die Felswand, die sich sechzig Meter vor mir jäh erhebt. Außer Felsbrocken, vereinzelten Büschen und ein paar Erdhöhlen kann ich nichts erkennen. Plötzlich scheint sich an einer Stelle der Boden zu bewegen. Die Umrisse eines großen Tieres schälen sich aus dem schneebedeckten Hintergrund. Für einige Minuten tritt das Phantom der Berge aus der Deckung.

Sein buschiger Schweif, beinahe so lang wie sein Körper, zuckt nervös. Er dreht den Ankömmlingen seinen massigen Kopf entgegen und wittert, als wolle er herausfinden, welche Absichten sie hegen, ehe er sich würdevoll in höhere Lagen zurückzieht und schließlich in einem Felsspalt verschwindet. Niemals zuvor habe ich ein anmutigeres Tier gesehen.

»Komm, den finden wir wieder!«

Sonams Stimme reißt mich aus der Trance. Ich merke, dass ich noch immer die Stelle fixiere, an der noch vor einem Augenblick ein ausgewachsener Schneeleopard stand. Sonam, der Reiseführer, setzt indessen bereits über den Fluss, dann klettert er in atemberaubendem Tempo einen Hügel hinauf. Er ist in Zingchen, einem ladakhischen Dorf auf dreieinhalbtausend Metern Höhe, geboren und im Hochgebirge zu Hause.

»Bin auf dem Weg!«, japse ich.

Immer wieder verliere ich im glitschigen Schnee den Halt und rutsche einige Meter abwärts, die ich mir erneut erarbeiten muss. Von meiner Stirn löst sich ein Schweißtropfen und gleitet anschließend die rechte Backe hinab, obwohl das Thermometer minus fünfzehn Grad anzeigt.

Als ich endlich bei ihm ankomme, krönt Sonam ein dreibeiniges Stativ mit einem Teleskop und verfolgt dann die hundertfach näher gerückte Spur der Bergkatze, die sich klar auf der schneebedeckten Felswand abzeichnet. Ich assistiere ihm mit einem Fernrohr. Systematisch suchen wir jeden Quadratzentimeter der gegenüberliegenden Felswand ab.

»Ha!«, ruft der Reiseführer unvermittelt und zeigt mit der ausgestreckten Rechten auf einen vierhundert Meter entfernten Felsen. Ich verenge die Augen zu Schlitzen und zucke freudig zusammen, als ich den Kopf des Gesuchten ausmache. Majestätisch blickt der Gefleckte auf uns herab. Seit wir ihn das erste Mal gesehen haben, hat er sich nicht eine unserer Bewegungen entgehen lassen.

Eine halbe Stunde lang kann ich meine Augen nicht von der Katze lösen, die sich, nachdem sie sichergestellt hat, dass wir Störenfriede nicht zu ihr gelangen können, den ersten Sonnenstrahlen des Tages entgegenstreckt. Dann halte ich unvermittelt in meiner Beobachtung inne. Ich sprinte den Hügel hinab, laufe das Tal entlang und treffe im Zeltlager auf die anderen. Ich habe ihnen viel zu erzählen.

Die Hoffnung, einen der verbleibenden dreihundert Schneeleoparden Nordindiens in den rauen Berghängen des Himalaya zu entdecken, hat ein Häuflein Abenteurer nach Ladakh geführt. An der Kreuzung dreier Täler haben wir uns auf knapp viertausend Metern Höhe eingerichtet. Jeder von uns kultiviert eine andere Verrücktheit.

»Du hast ihn gesehen, nicht wahr?«, ruft Mike, als ich wie ein Wirbelwind ins Lager stürze, »ich hole meine Sachen und komme mit dir!«

Mike ist in diese Geschichte gestolpert wie dereinst Petrus ins Christentum: Einmal nicht aufgepasst, schon ist man der Fels, auf dem ein anderer seine Kirche bauen möchte. Dabei wollte Mike einfach nur etwas erleben, das sich größtmöglich von seinem durchgetakteten Arbeitsalltag in Chicago unterschied. Dass die ladakhischen Winternächte mit Schneestürmen und Temperaturen von minus dreißig Grad aufwarten, erfuhr er auf der Hinreise. In Delhi deckte er sich mit einem Anorak, Fäustlingen und einer Skimütze ein. Derart ausgerüstet stapft er regelmäßig der Gruppe voran, auch dem Reiseführer Sonam, und zuckt gleichgültig mit den Achseln, wenn er sich für einen falschen Weg entschieden hat und wieder zurücklaufen muss. Er bleibt am liebsten für sich, spricht wie Bruce Willis und achtet darauf, dass er in jeden dritten Satz ein spitzmäuliges »shit« oder zumindest ein hingerotztes »ya know« einbaut. Nur wer ihn besser kennt, weiß, dass er auf Rockballaden steht, ein exzellenter Koch und der Liebling aller Kinder seines Viertels ist.

»Ooouuuii!«

Ein Schrei, der zwischen Erstaunen und Entzücken oszilliert, eine Oktave über dem Erträglichen angesiedelt ist und daher einem zweigestrichenen Fis gefährlich nahe kommt, fällt mit Mikes letztem Satz zusammen. Joanne, die einzige Frau der Gruppe, hat ihn freigesetzt. Sie ist zum elften Mal in Ladakh. Diesmal ist sie von Bhutan aus angereist. Keiner weiß mehr über das Land als sie, auch Sonam nicht, der immerhin hier geboren wurde. Seit fünfzehn Jahren ist Joanne dabei, Buddhistin zu werden. Ihr Mann, der in Glasgow auf ihre Rückkehr wartet, runzelt die Stirn, wenn sie fernöstliche Worte in ihre Rede einstreut, die alle auf A enden: Mantra, Mandala, Siddhartha. Yoga, Tantra, Gautama. Samsara, Dharma, Buddha. Im Unterschied zu vielen anderen weiß Joanne jedoch, was das jeweils bedeutet.

»Ich habe doch immer gesagt, dass wir erlöst werden!«

Pete klatscht in die Hände und wirft David, der vor dem Lagerfeuer kauert, einen triumphierenden Blick zu. Seit dem Tod seiner Eltern reist Pete atemlos von einem Wallfahrtsort zum anderen. Fragt man ihn nach seinem Beruf, antwortet er konsequent »Jünger« oder gleich »Messias«. Jede Religion, die er kennenlernt, empfindet er als problematisch, doch ohne kann er auch nicht leben. Mit den Frauen geht es ihm ganz ähnlich. Sein Lachen kippt zuweilen ins Hysterische und setzt die Ahnung frei, dass es eine tiefsitzende Verzweiflung verdeckt. Pete möchte hier seine indischen Wurzeln finden, die ihm seine Mutter nicht zeigen konnte, da sein Vater sie noch vor Petes Geburt nach Kanada mitgenommen hatte. Den wortkargen David hat Pete augenblicklich ins Herz geschlossen. Ich kann nicht erkennen, ob das allein an dessen biblischem Namen liegt oder daran, dass David von Anfang an klargestellt hat, dass er mit Religion nichts am Hut habe.

David hat vor Kurzem die »große Fünf« getroffen und sich vorgenommen, alle Länder der Welt bereist zu haben, ehe er sechzig wird. Er ist einer jener Typen, denen man zutraut, einen Flugzeugabsturz zu überleben, einem Tsunami zu entkommen und nach einem Erdbeben als Erster den anderen zu helfen. Einer, der das Weiterziehen im Blick trägt und, sieht er einen ladakhischen Berg, bereits vom bolivianischen Altiplano spricht, auf dem er bald herumstreifen wird. Eine Ahnung dessen, was er noch sehen wird, umhüllt ihn. Sie korrespondiert gut mit dem offenen Blick, den ihm seine Heimat, das australische Outback, von der Wiege an mitgegeben hat.

Und meine fixe Idee? Welche Verrücktheit kultiviere ich? Nun, um ehrlich zu sein, treibe ich das Ganze auf die Spitze: Ich meine tatsächlich noch immer, eines Tages durch das Schreiben von Reisegeschichten Geld verdienen zu können!

Unser Häuflein Verrückter musste einige Entbehrungen in Kauf nehmen, um jene Augenblicke zu erleben, die den anderen Mitgliedern der Gruppe unmittelbar bevorstehen: eine Begegnung mit der scheuesten Raubkatze der Welt. Wenn die Sonne morgens über die Berge lugte, waren wir bereits auf vereisten Flüssen unterwegs. Wir folgten den Tälern um das Zeltlager hinauf und hinunter, überwanden rutschige Hügel und steile Felsspalten. Bei minus fünfzehn Grad biss uns jeder Atemzug in den Lungen. Das Wasser in den Trinkflaschen gefror zu Eisklumpen. Die Batterien in den Fotoapparaten gaben den Geist auf. Der Gedanke, dass der rauchgraue Räuber, den wir so innig herbeisehnten, ganz in der Nähe war und sich keine unserer Bewegungen entgehen ließ, machte unsere Suche zur Obsession. Nach wenigen Tagen im Himalaya hielten wir jeden von der Erosion verformten Felsen für einen Schneeleopardenkopf und vermuteten den Gefleckten hinter jedem noch so kleinen Gebüsch. Nachts wanderte er durch unsere Träume. Heute wurden wir endlich für unsere Beharrlichkeit reich belohnt.

»Seht ihr die rostigen Punkte dort vorn im Eis?«

Ich bleibe stehen, nehme drei rote Körner aus dem Schnee und reibe sie zwischen den Kuppen meines Zeigefingers und Daumens, wie Sonam es mir beigebracht hat. Sie tauen auf und geben sich als Blutstropfen zu erkennen.

»Hier hat der Gefleckte ein Blauschaf gerissen«, sage ich im Tonfall eines vollbärtigen Wildwest-Fallenstellers, der einer Horde Büffel auf der Spur ist. »Da vorn in der Felsmulde hat Sonam gestern Abend einen Teppich aus Schnee ausgelegt. Heute Morgen war er voller Abdrücke. Sonam hat sich zu mir umgedreht und sein Lächeln reichte von einem Ohr zum anderen. Da wusste ich, dass wir den Geist des Himalaya gefunden hatten!«

Ich sonne mich in den neidvollen »Ahs« und »Ohs«, die meine Schilderung hervorruft, ehe Mike auf den Hügel zeigt, der sich jäh vor uns erhebt. Die Spuren zweier Schuhpaare zeichnen sich deutlich am Südhang ab – eine verweist auf einen geraden, zielstrebigen Gang, die andere auf linkische Kletterversuche und mehrere Rutschpartien.

»Und wie zum Teufel seid ihr beiden da hinaufgekommen?«

»Och, weißt du, unser Reiseführer ist ja im Hochgebirge zu Hause. Und ich war so aufgeregt, dass ich ihm praktisch vorausgesprungen bin, wie ein jagender Schneeleopard war ich …«

Sechs Stunden lang beobachtet unser Grüppchen die Bergkatze, was spektakulärer klingt, als es ist. Denn der »Großkopf-Schweifige«, wie ihn der kirgisische Bestsellerautor Tschingis Aitmatov in seinem letzten Roman nennt, hat sich in der Früh sattgefressen und döst nun zufrieden in der Sonne. Nur ab und an hebt er den Kopf. Dann brechen wir Bewunderer auf der anderen Seite des Flusses in mehrstimmigen Jubel aus. Alle stürzen zu Sonams Teleskop. Alle außer mir, der noch immer von der morgendlichen Begegnung mit dem Berggeist bebt.

Stattdessen nutze ich die Zeit, um die steilen Berghänge um uns herum zu erforschen und mir Gedanken darüber zu machen, in was für eine seltsame Gegend wir hier eigentlich geraten sind. Man muss den Himalaya von weit oben sehen, auf einer Weltkugel angebracht oder vom Satelliten aus fotografiert – vom Flugzeugfenster aus genügt nicht –, um ihn zu erfassen. Dann sieht er aus wie eine gigantische, in der Bewegung erstarrte Welle, die im Halbkreis von Norden her gekommen ist. Sie trennt zwei Welten voneinander: Alles nördlich von ihr ist ockergelbe Wüste, alles südlich grünes, immerfeuchtes Tiefland.

Gewaltig trifft es nicht, denke ich beim Anblick der uns umgebenden Bergriesen. Man sagt ja auch nicht, dass die Sonne recht warm und die Niagarafälle eher feucht sind. Zwischen dem Nanga Parbat in Pakistan und dem tibetischen Namche Barma spannt sich ein sechshunderttausend Quadratkilometer großer Wall, der fünfzig Millionen Buddhisten, Muslimen und Hindus in fünf Ländern zur Heimat geworden ist. Das Erste, das mich befiel, als ich von diesem sechzig Millionen Jahre alten Superlativ aller Bergmassive hörte, war das Verlangen, einmal im Leben dort gewesen zu sein. Seit jeher gehören exotisch klingende Sehnsuchtsorte wie Kathmandu, Lhasa, der Brahmaputra und der Mount Everest zu meinen zuverlässigsten Fernweh-Erweckern. Das Zweite, nachdem mich ein Flugzeug in einer Gebirgsfalte abgesetzt hatte, war ein naiver Entdeckermut: Ich wollte etwas Außergewöhnliches leisten, eine Heldentat vollbringen und anschließend ein Buch darüber schreiben. Und das Dritte, nachdem ich einige Tage im Himalaya gelebt hatte, war Ehrfurcht: Ehrfurcht vor der Stille der Tage, die einem Abgründe des eigenen Wesens offenbart, und vor den Geräuschen der Bergnacht, die man nicht einordnen kann. Ehrfurcht vor der Kälte, die sich versteckt hält und unvermittelt hinter der nächsten Bergkuppe hervorbricht, und vor der Unerbittlichkeit der schroffen Felsen ringsum, die einen tagelang festsetzen können. Ehrfurcht vor der buddhistischen Gelassenheit der Bewohner angesichts einer alles überragenden Natur, vor dem wohltuenden Zeitverlust und vor der unbegreiflichen Klarheit, mit der man erkennt, was wirklich lebenswichtig und was verzichtbares Beiwerk ist. Ehrfurcht schließlich vor allen Lebewesen, die dauerhaft hier oben leben, die sich arrangieren mit alledem, trotz alledem. Schließlich bekam ich Furcht vor dem eigenen Mut. In genau diesem Moment war ich wirklich angekommen im Himalaya. Seither steht fest, dass ich, wenn ich die Heimat des Schnees in ein paar Wochen verlasse, eines Tages wiederkommen werde.

»Das muss gefeiert werden!« Sonams resolute Ankündigung holt mich zurück in die Gegenwart. »Ich kenne auch den perfekten Ort dafür«, fügt er verheißungsvoll hinzu. Noch am selben Tag brechen wir unser Zeltlager ab und begeben uns zu einem kleinen Bergdorf namens Rumbak. Auf dem Weg dorthin sehen wir links und rechts nur Eis und Schnee, Felswände und Berggipfel, als durchstreiften wir einen fremden Planeten, als irrten wir in einer surrealen Traumwelt umher. Inmitten dieser grandiosen Einöde sitzt wie eine Erscheinung ein junger Mönch.  

Om Ma Ni Pad Me Hum: Monoton ist der kehlige Singsang, den wir wahrnehmen, lange bevor wir die zugehörige Person sehen.

Om Ma Ni Pad Me Hum: Er wiegt seinen Oberkörper vor und zurück. Dem Umstand, dass wie aus dem Nichts eine Reisegruppe an ihm vorbeidefiliert, misst er keine gesteigerte Bedeutung zu. Augenscheinlich hat er Wichtigeres zu tun, als sich mit uns zu unterhalten, und insgeheim beneiden wir ihn dafür. Vereist ist der Wasserfall, der in seinem Rücken mit dem Boden verwächst. Hunderte knallbunte Gebetsfahnen knattern um ihn herum im Wind. Sie sind in Baumgabeln verkeilt, auf Schnüre gespannt, auf Holzpfähle geheftet, die man rund um den erstarrten Wasserfall in den Boden geschlagen hat. Alle tragen Inschriften und sind mit Windpferden, den lungtas, bedruckt, die Gebete zu den Göttern tragen. Der Wind nimmt dem Volksglauben zufolge die Hoffnungen auf und verteilt sie in alle Himmelsrichtungen. Beständig trägt er sie fort, bis die Flaggen verblassen. Manche von ihnen sind über die gesamte Fläche hinweg beschriftet, andere tragen lediglich die bekannteste Sure des buddhistischen Glaubens ohne Unterlass in die Lüfte, die da lautet: Om Ma Ni Pad Me Hum.

Das Mantra, das sich unaufhörlich wiederholende Kurzgebet, bringt auf den Punkt, was Buddhisten erhoffen. Hunderttausend Steine sind verziert mit der Formel, die Gläubige jeden Tag, jede Stunde, jede Minute mit unendlicher Geduld vor sich hersagen. Sie versenken sich in diese sechs Silben. Sie richten alle Gedanken auf sie, blenden alles andere aus – eine vorbeimarschierende Reisegruppe ebenso wie die Kälte, der der junge Mönch nicht mehr als eine purpurfarbene Kutte entgegensetzt.

»O du Kleinod in der Lotosblüte«: So steht es in vielen Reiseführern, und wörtlich übersetzt stimmt das auch. Nur: Warum um alles in der Welt sollte jemand so etwas beten? Wozu sollte er all seine Gedanken darauf richten? Wie so oft im Buddhismus, einer Religion, die beim Individuum anfängt statt bei einem Gott, sind die Theorien dazu, was der meistgehörte Satz Ladakhs bedeutet, mannigfaltig.

Ich habe mich für folgende entschieden: Om, für sich genommen bereits ein vollständiges Gebet, versinnbildlicht die Dreieinigkeit von Körper, Geist und Seele. Ma Ni, die Juwelen, die Buddha als Gebetskette in der rechten Hand hält, symbolisieren den Weg zum Heil. Pad Me nennt man die Lotosblüte, eines der kraftvollsten buddhistischen Symbole, weil sie dessen Kerngedanken kongenial auf den Punkt bringt. Sie entwächst dem schlammigen Untergrund eines Sees und strebt lebenslang an die Wasseroberfläche, wo sie sich schließlich in ihrer ganzen Pracht entfaltet. Buddha hält sie in seiner linken Hand. Hum kann übersetzt werden mit »Segne mich«.

»Du Erleuchteter mit dem Juwelenrosenkranz in Deiner Rechten und der Lotosblüte in der Linken, segne mich in Körper, Geist und Seele«: eine ganze Welt, in einer einzigen Zeile verdichtet.

»Wie kann der da nur sitzen, ohne zu erfrieren?«, tritt Mike ein Gespräch los, als wir den Asketen passiert haben. Mikes Alltag in Chicago lässt ihm wenig Gelegenheit, sich für spirituelle Feinheiten zu interessieren.

»Oh, das ist noch gar nichts!«, behauptet Joanne, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Mike bei möglichst vielen Gelegenheiten zurechtzuweisen, um die klammheimliche Bewunderung zu überdecken, die sie seiner unbekümmerten Lebensweise entgegenbringt. »Milarepa hat noch ganz andere Dinge gemacht!«, fährt sie fort.

»Welcher Rapper?«, hakt Mike nach.

Es ist ein Phänomen, dass Menschen, die innerlich am weitesten voneinander entfernt sind, einander nicht selten am meisten zu sagen haben.

»Kein Rapper, du Banause, sondern Mi-la-re-pa! Und das kam so …«

Man hört ihr an, dass sie nur darauf gewartet hat, ihr Wissen an die Männer zu bringen. Die Zeit ist auf ihrer Seite: Unsere Reisegruppe schraubt sich Schritt für Schritt höher, immer höher, als gelte es herauszufinden, aus welchem Stoff die Wolken gemacht sind, die den Himmel besprenkeln. Es beginnt zu schneien.

»Milarepa wurde in Westtibet, in der Provinz Gungthang und dort im Dorf Kja Ngatse geboren. Als er sieben Jahre alt war, starb sein Vater, und er kam mit seiner Mutter in die Obhut seiner Tante und seines Onkels. Die Verwandten waren aber nur auf den Besitz der beiden aus. Sie ließen die Mutter wie eine Dienerin arbeiten und Milarepa wie einen Hund dahinvegetieren. So schickte ihn die Mutter fort, damit er Magie lernen und sich auf diese Weise rächen konnte. Und das tat er! Auf Anraten der Mutter ließ er die gesamte Ernte durch einen Hagelsturm vernichten und ein Haus einstürzen – während sich fünfunddreißig seiner Verwandten drinnen aufhielten.«

»Und was hat dieser Massenmörder jetzt mit dem Mönch da hinten zu tun, der beim vereisten Wasserfall seine Mantras rezitiert?«, unterbricht Mike, der uns bereits wieder vorausstapfen will.

»Gemach, Mike, gemach«, empfiehlt Pete, der durch die Religionen wandert wie andere durch ihre Lieblingslieder. Da er eine ähnliche Art Ungeduld mit sich herumträgt, findet er sich in Mikes Aktivismus leicht wieder. »Es ist unhöflich, Damen nicht ausreden zu lassen …«

»Und das aus dem Mund eines Halbapostels!«, spottet David. »Weißt du überhaupt, wie deine Religionen die Frauen behandeln, die …«

»Leute, jetzt macht aber mal die Schotten dicht!«, ruft Joanne, die, wie alle Frauen, ansatzlos die Mutter in sich entdecken kann. Mit den Männern um sich herum hat sie ohnehin leichtes Spiel. »Der springende Punkt ist, dass Milarepa seine Taten bereute. Er wanderte daraufhin zwei Monate lang, um den buddhistischen Meister Marpa zu treffen. Der legte ihm zunächst auf, ein neunstöckiges Haus zu bauen, das rund sein sollte. Kurz bevor es fertiggestellt war, kam Marpa und teilte ihm mit, dass es sich leider um ein Missverständnis gehandelt habe: Ein dreieckiges Haus sollte es sein! Also riss Milarepa das Bauwerk ein und errichtete ein neues. Kurz vor dessen Fertigstellung kam Marpa erneut und riss ungläubig die Augen auf. Hatte er dreieckig gesagt? Er habe natürlich viereckig gemeint! Wer käme schon auf die Idee, ein dreieckiges Haus zu bauen? Milarepa begann also wieder von vorne und trug auf diese Weise sein schlechtes Karma ab. Er lernte, was es heißt, demütig zu sein. Eine Demut, die letztendlich befreit, merk’ Dir das gut, Mike! Milarepa lebte anschließend jahrelang in vollkommener Abgeschiedenheit am Fuße des heiligen Berges Kailash. Da er das tummo, das Yoga der inneren Wärme, beherrschte, benötigte er dort oben nichts weiter als ein Baumwollhemd. Eben darin versucht ihm der junge Mönch hier am Wegrand nachzueifern. Ernährt hat sich Milarepa vor allem von Brennnesseln, weshalb er bis heute oft mit grüner Haut dargestellt wird. Schließlich kehrte er in sein Heimatdorf zurück, begrub die inzwischen verstorbene Mutter und schenkte der bösen Tante Haus und Land. Seine als Hunderttausend Gesänge bekannte Lebensgeschichte hat in Tibet und in Ladakh ähnliche Bedeutung wie bei uns das Neue Testament. Die Tatsache, dass sich jeder Mensch ändern kann, gehört nun mal zum Kern des buddhistischen Glaubens. Selbst ein Gestrauchelter« – bei diesem Wort blickt Joanne unmissverständlich Mike an – »kann sich also jederzeit noch bessern.«

»Vor allem dieses tummo hätt’ ich echt gern«, bringt Mike demonstrativ auf den Punkt, was er aus der Geschichte gezogen hat. »Teufel noch mal, dann müsste ich mir hier oben nicht den Arsch abfrieren!«

Er kommt um die scharfe Zurechtweisung, die Joanne auf der Zunge liegt, herum, da die ersten Häuser von Rumbak wie eine Fata Morgana durch das einsetzende Schneetreiben hindurch aufscheinen. Der Weg dorthin aber ist noch lang und glitschig. Ich stelle fest, dass der Boden nicht länger stabil ist. Mein Fuß gleitet suchend über den Trampelpfad, als balanciere er auf einem Hochseil. Die Steine sind zu Aalen geworden, über die man hinwegrutscht. Rechterhand fährt eine Lawine zu Tal. Mangel an festem Untergrund bemerke ich auch bei meiner Einschätzung von Ladakh. Kaum meine ich, den Charakter dieses tief in den Falten des Himalaya verborgenen Landstrichs extrahiert zu haben, zeigt mir die Region prompt ein neues Gesicht. Die Begriffe entgleiten mir. Die Worte gehen mir aus. Die Sätze zerbrechen, bevor sie an ihr Ende kommen. Die Kategorien umfassen keine Inhalte mehr. Meine Gewohnheiten erleiden Schiffbruch. Wie oft habe ich mich auf Reisen gefragt, was wir eigentlich meinen, wenn wir Exotik suchen – und warum wir glauben, dass sich diese eher in einem ladakhischen Bergdorf versteckt halte als zum Beispiel im Stadtzentrum von Duisburg. Inzwischen weiß ich, dass Exotik bedeutet, sich über die ungewohnten Konsequenzen zu wundern, die bekannte Verhaltensweisen nach sich ziehen. Und umgekehrt.

Selten habe ich eine Region kennengelernt, die in diesem Sinne so exotisch ist wie Ladakh. Hier wird vieles völlig anders geregelt als bei uns. Betrete ich ein ladakhisches Haus, knöpfe ich die Jacke zu statt auf. Innen, wo die Sonne nicht hineinreicht, ist es in der Regel kälter als draußen. Getränke werden nicht im Kühlschrank aufbewahrt, sondern nahe des Ofens; sie müssen erwärmt werden, ehe man sie trinken kann. Unter dem goncha, einem knielangen Allzweckmantel, tragen die Bewohner Ladakhs feine Wollkleidung, im Winter auch Pelze. Statt andere durch die Kleiderwahl beeindrucken zu wollen, wird diese auf ihre Funktion reduziert. Lediglich die Frauen tragen zu besonderen Anlässen einen fünf Kilogramm schweren Kopfschmuck, den perak, der aussieht wie eine angreifende Kobra. Um Grund und Boden zusammenzuhalten, der traditionsgemäß zwischen Brüdern aufgeteilt wird, heiratet eine Frau in Ladakh die Brüder des von ihr Auserwählten gleich mit. Die Vielmännerei bringt mit sich, dass die Frauen vergleichsweise selbstbewusst und ungezwungen sind. Fällt Unglück auf ein Dorf, beauftragt man einen Bewohner damit, den Sündenbock zu mimen: Er geht ein Jahr in die Fremde und wird danach abgelöst. Von den beiden Rufnamen, die jedem Neugeborenen von Mönchen zugewiesen werden, soll einer auf dessen Haus verweisen. Beliebt sind daher Namen wie Lotosblüte vom Gebäude am Fluss. Toten stopft der onpo, eine Art Astrologe und Medizinmann, Paste in den Mund, an der die Sünden kleben bleiben. So werden jene nicht in die nächste Wiedergeburt mitgenommen, wenn der Tote verbrannt wird.

Auch wenn manche Eigenheit bei den Ladakhis inzwischen nur noch in abgeschwächter Form zu finden ist, reagiere ich automatisch mit Begeisterung auf so viel Fremdheit. Reich beschenkt hat mich dieses Land, und ich kann nachvollziehen, dass Ladakh für viele Gäste einem Märchenreich gleicht. Das Kloster Hemis habe ich beispielsweise auf den ersten Blick gar nicht erkannt, so eng schmiegt es sich in eine steile Felswand. Die Klosteranlagen von Stakna und Thikse thronen hingegen auf Anhöhen und strahlen weit ins Land hinein. Thikse beansprucht die Südseite eines ganzen Berges für sich. Alchi schließlich, das älteste Kloster Ladakhs, ist von außen kaum als solches zu erkennen, wartet aber in seinem Inneren mit tausendjährigen Wandmalereien, goldgeschmückten Amuletten und meterhohen Buddhastatuen auf. All das wirkt gerade durch seine Fremdheit so beeindruckend auf »westliche« Gäste.

Und nun stehe ich in Rumbak, einem Ort, den es meiner Karte zufolge gar nicht gibt. Um mich herum drängen sich eine Handvoll Häuser aneinander. Zwischen ihnen hat man aus Lehm und Ziegeln kleine Gehege gebaut. Überall laufen Pferde und Kühe, Schafe und Hunde herum. Von einem Dach kichert eine Mädchengruppe herab.

Da höre ich eine dröhnende Frauenstimme: »You welcome here! Yesyes, come long way you!«

Der Rest der Begrüßung besteht aus einem ladakhischen Wortschwall. Ich lächele und verbeuge mich formvollendet, dann folge ich meiner Gastgeberin zum höchstgelegenen Haus des Dorfes. Ihr Name ist Ama-Ley. Sie ist doppelt so breit und viermal so laut wie ich. Ihre Oberarme gleichen Baumstämmen. Ihr Gesicht ist ein stets lächelnder Vollmond. Gegen ihre Stimme kommt keine Feuerwehrsirene an. Trotzdem bewegt sie sich mit fast katzenhafter Leichtigkeit, als sie die Tür ihres Hauses öffnet, mich in einen steinernen Flur führt und mir schließlich mein Zimmer zeigt. Ich blicke in einen mit Teppichen und einer Matratze ausgestatteten Raum, der einen nicht von der Hand zu weisenden Vorteil aufweist: In seiner Mitte steht ein kleiner Ofen.

»Angmo! Angmo!«, ruft Ama-Ley überschwänglich, und ich frage mich, ob das wohl etwas heißt wie »Willkommen, Fremder!« oder »Da sind wir also«. Doch kurz darauf streckt eine kleinere Ausgabe von Ama-Ley ihr lächelndes Vollmondgesicht ins Zimmer. Angmo ist zurückhaltender als ihre Mutter; sie dreht erst auf, wenn sie von irgendwoher Musik hört.

Ich folge den beiden in die Küche, die unbestreitbar der Mittelpunkt des Hauses ist. Dorje, Ama-Leys Vater und Angmos Großvater, wirft dort gerade ein Stück getrockneten Yakdung in den Ofen, woraufhin das Gemüse im Topf lustvoll zu brutzeln beginnt. Wir gruppieren uns um den Ofen herum. Bald würde ich herausfinden, dass in diesem Haus ohne Unterlass gekocht wird – wie übrigens in allen Häusern der Region. Einstweilen lächele ich in die Runde und blicke zwischendurch ins angrenzende Wohnzimmer. Ein großformatiges Lhasa-Poster demonstriert dort die Verbundenheit Ladakhs mit Tibet. Direkt darunter hat jemand das berüchtigte dongmo an die Wand gelehnt, ein lang gezogenes, zylinderförmiges Gefäß mit einer Art Stock darin, der sich nach unten hin verdickt. Damit wird der Schrecken aller Gäste Ladakhs hergestellt.

»Buttertea?«, fragt Angmo, die meinem Blick gefolgt ist.

Um in den Genuss der ladakhischen Gastfreundschaft zu kommen, müssen die Besucher dieses Landstrichs eine Hürde nehmen: Wo ich auch hinkomme, wird mir Buttertee angeboten. Ich mag Schwarztee, streiche mir gern Butter aufs Brot und streue reichlich Salz in Suppen. Doch die Mischung aus Schwarztee, Butter und Salz ergibt ein ungewohntes Gebräu, das sicherlich, in Maßen genossen, hilfreich sein kann, wenn man lange Wanderungen in großen Höhen unternimmt. Ein europäischer, an geordnete Verhältnisse und reichlich Zucker gewöhnter Gaumen wie meiner kommt hingegen mit der ungewohnten Kombination nicht zurecht. Zum Glück gibt es, wie bei jedem größeren Problem, einen kleinen Ausweg, den ich zu nutzen gelernt habe: »Masala Chai«, bitte ich und registriere erleichtert, dass das Gewünschte – ein indischer Gewürztee, der auch vor meinem von Starbucks und Coffee Fellows verseuchten Geschmacksempfinden bestehen kann – bereits in einer Kanne bereitsteht.

Ama-Ley verteilt indessen das baba, eine Paste aus Gerste, Weizen und Erbsen, die man zu Schüsselchen formt und mit Buttermilch füllt. Seit jeher ist die anspruchslose und widerstandsfähige Gerste das wichtigste Nahrungsmittel Ladakhs. Die Stimmung ist gelöst; unter Gelächter klingt der Abend aus. Erst als ich Stunden später ins Gästezimmer hinüberwechsle, merke ich, dass es empfindlich kalt geworden ist.

»Keine Sorge, wir schmeißen jetzt den Ofen an und heizen das Zimmer auf minus fünf Grad Celsius. Da kannst du prima einschlafen«, versichert mir Angmo strahlend unter Zuhilfenahme eines Vokalbüchleins. Im ersten Moment hoffe ich inständig, dass sie in der Zeile verrutscht ist und plus fünfzehn Grad gemeint hat. Bald aber merke ich, dass selbst ihre Ankündigung optimistisch war. 

Ich liege auf dem Rücken und höre dem Knistern des Yakdungs zu, der neben mir verbrennt und Wärme im Zimmer verteilt. Die Ereignisse des heutigen Tages wirbeln durch meinen Halbschlaf. Im Licht des Feuers scheint der thangka lebendig zu werden, jenes aufrollbare Bild an der Wand, das vom ewigen Kreislauf des Lebens kündet. Das samsara, das leidvolle »ständige Wandern«, wird demnach von drei Geistesgiften angetrieben. Ein Hahn, der die Gier symbolisiert, jagt eine Schlange, die für den Hass steht. Diese versucht ein Schwein zu fangen, das als Zeichen für die Unwissenheit herhalten muss und seinerseits wiederum den Hahn verfolgt. Ein endloses Hinterherlaufen, eine immerwährende Flucht, ohne Anfang oder Ende. Unsere Begierden halten uns permanent auf Trab, sie sind es, die uns beständig im Kreis herumtreiben.

Wie gebannt starre ich auf das baumwollene Bild an der Wand, dessen gewebte Figuren sich im flackernden Licht der Ofenflamme über die Oberfläche zu bewegen scheinen. Um mich herum ist alles in vollkommene Stille getaucht; nur das leiser werdende Knistern des Feuers zeugt von menschlicher Anwesenheit. Kann man über Nacht zum Buddhisten werden?

Überlaut höre ich meine eigenen Atemzüge. Langsam werden sie tiefer und regelmäßiger. Es könnte eine vollendet friedliche Nacht werden. Doch ich kann nicht einschlafen. Das Gewicht von fünf Decken drückt mich in die Matratze, trotzdem friere ich nun, da der Ofen nur noch vor sich hin glimmt und die Samsara-Tiere allmählich in der Dunkelheit verschwinden. In der kurzen Zeit, in der der Yakdung verbrannte, hätte ich wohl einschlafen sollen.

Da klopft es mit einem Mal energisch an der Tür. Ich schrecke auf, springe von der Matratze und werfe das allerletzte Stück Yakdung in den Ofen, damit ich für wenige Minuten etwas Helligkeit habe. Ohne ein Wort zu sagen, streckt mir Angmo durch die offene Tür hindurch eine Wärmflasche entgegen. In jenem Augenblick kommt mir ihr Lächeln, ebenso wissend wie hilfreich, wie das wunderbarste vor, das ich jemals gesehen habe. Ich schließe die Tür, krabbele zurück in meinen Kokon, lege die Wärmflasche unter die Beine und lasse mich endlich vom Gewicht der fünf Bettdecken tief hinein in einen langen Schlaf drücken.

Die Sonne reklamiert nicht nur die Bergspitzen, sondern bereits auch die Täler für sich, als ich erwache. Ich schlüpfe in meine Thermounterwäsche, streife mir zwei Pullover und drei Jacken über und verlasse dann das Haus von Ama-Ley, Angmo und Dorje. Ich klettere auf einen nahe gelegenen Hügel und blicke von dort auf das Schauspiel hinab, das sich vor mir ausbreitet.

Linkerhand des Dorfzentrums, etwas erhöht, sitzen Ama-Ley, Angmo und die anderen Frauen des Dorfes halbkreisförmig vor einem Zelt und stricken Schneeleoparden. Rechts davon meditiert Dorje auf einem Felsen. Sein tiefer Bass ist bis zu mir herauf zu hören. Unablässig dreht sich die Gebetsmühle in seiner Hand im Uhrzeigersinn. Zwei Kinder jagen einander die vereisten Wege des Dorfes entlang. Ihre spitzen Schreie mischen sich mit dem Blöken der Schafe, dem Wiehern der Pferde, pflichtbewusstem Hundegebell und dem gelegentlichen Schnauben des Yaks.

Als ich dort oben in der Sonne sitze, frage ich mich, wie das bei aller Beschaulichkeit und Übersichtlichkeit so quirlige, so quietschlebendige Rumbak in zehn Jahren wohl aussehen mag. Bereits jetzt gibt es Bestrebungen, eine Straße von Leh hier herauf zu bauen. Werden bald Touristen in Jeeps nach Rumbak fahren, das bislang lediglich durch einen mehrstündigen Fußmarsch zu erreichen ist? Werden sie den fünffachen Preis für eine Übernachtung bezahlen? Werden die strickenden Frauen das Merchandising-Unternehmen »Hand Made Snow Leopards From Rumbak« gründen? Wie lange können die Ladakhis in den Dörfern ihre aus der Zeit gefallene Lebensführung noch beibehalten, parallel zum globalisierten Einheitsbrei, in dem das Immer-mehr zur neuen Religion bestimmt worden ist? Was setzt sich langfristig durch, Bescheidenheit oder Gier, Spiritualität oder Materialismus? Oder kann man die beiden Pole am Ende doch miteinander verbinden? Gibt es einen dritten Weg, den wir finden werden, wenn die Menschen in Ost und West endlich anfangen, aufeinander zu hören?

Unser letzter Abend in Rumbak ist geeignet, einen solchen Weg aufzuzeigen. Alle Dorfbewohner sind im größten Haus der Siedlung zusammengekommen, um uns gebührend zu verabschieden. Im Rhythmus alter Volksweisen singen und tanzen sie ausgelassen herum. Ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist, dass auch ich plötzlich durch den Raum wirbele. Dass ich nicht länger auf einzelne Worte achte und stattdessen lautstark ladakhische Texte mitsinge, deren Sinn mir verborgen bleibt.

Irgendjemand hat mich in einen mit Goldfäden bestickten Rock gesteckt und mir eine Art Krone aufgesetzt, die ich jetzt überschwänglich hin und her schwenke, ehe ich sie auf Ama-Leys Kopf absetzte. Besser gesagt: auf ihrer Perücke aus verfilzten Rastalocken, die perfekt mit ihrem angeklebten Bart und dem künstlichen Buckel korrespondiert.

Ama-Ley hat sich verkleidet und sich dadurch in den Räuber Hotzenplotz verwandelt. Ihre Hände schreiben Achten in die Luft. Ihre Füße scheinen über den Boden zu schweben. Ihre Stimme ist eine Oktave höher gewandert und überfistelt die Lieder, die den Kehlen der anderen entschlüpfen. Ama-Ley tanzt hemmungslos und kümmert sich nicht sonderlich darum, welches Lied gerade gesungen wird. Ihre Tochter wirbelt an ihr vorbei, klatscht rhythmisch und lässt von Zeit zu Zeit ein glockenhelles Tremolo ertönen, ohne auch nur einen Moment lang den Rahmen zu verlassen, den die Musik vorgibt. Von Ama-Ley abgesehen singen die Frauen nicht schlecht, wir Männer sind aber lauter und nutzen den Interpretationsspielraum der Musik zur Gänze aus. Dadurch geraten unsere Gesangsversuche mitunter in gefährliche Nähe des Hundegebells, das von draußen ins Haus dringt. Niemand kümmert sich darum.

Ich schon gar nicht, da ich vollauf damit beschäftigt bin, mit einer Fünfundachtzigjährigen Schritt zu halten, die wie ein Kreisel durchs Zimmer fegt. Ich bemerke, dass der Raum um mich herum beginnt, sich zu bewegen. Das berüchtigte dongmo an der Wand scheint spontan die Position zu wechseln, als sei es von der allgemeinen Tanzlust angesteckt worden. Auf dem großformatigen Wandposter erwacht Lhasa zum Leben. Die tief hängende Decke, an die ich stoße, wenn ich die Arme allzu impulsiv emporreiße, wellt sich, ehe sie ozeangleich verschwimmt. Die Vollmondgesichter von Ama-Ley und Angmo werden zu Schwämmen, an deren Rändern der Schweiß in Schlieren austritt. Selbst Sonams anmutige Bewegungen gleichen mittlerweile den Beschwörungsritualen maskierter Schamanen, die um Regen flehen.

Der vielstimmige Gesang, das Hundegeheul von draußen, das Klatschen und Schnipsen unzähliger Hände, das Dröhnen stampfender Füße, das Knarren und Knirschen der hölzernen Bodendielen, die vereinzelten Rufe der Männer, die ein neues Lied ankündigen, und das gelegentliche Kreischen der Frauen, die einem Mann, aus Versehen oder absichtlich, näher gekommen sind, als es sich ziemt, ist lediglich die Geräuschkulisse, die ein mannigfaltiges, ununterdrückbares Lachen in Szene setzt.

Ama-Ley wiehert pferdegleich und holt zwischendurch prustend Luft. Angmo kichert ohne Unterlass, sie erinnert an eine Maschinenpistole. Die Fünfundachtzigjährige lässt eine Art Stottern hören, da ihre Versuche, etwas zu sagen, bald von Lachsalven konterkariert werden. Mike lacht hart und abgehackt, als würde er spanisch sprechen. Pete setzt ganz auf durchgezogene, sirenenartige Töne, die er nur zum Luftholen unterbricht. Ich halte mir das schmerzende Zwerchfell, lasse Quarten und Quinten in den Raum regnen.

Irgendwann in dieser Nacht, wenige Minuten oder eine halbe Ewigkeit nach Beginn unserer Trance, hebe ich den Kopf und reibe mir verwundert die Augen. Mike, der ansonsten kaum zu halten ist, schläft inmitten des anhaltenden Trubels neben dem Ofen, den die Fünfundachtzigjährige gerade mit einem neuen Stück Yakdung füttert. Pete scheint sich ausnahmsweise auf weltliche Dinge zu konzentrieren; er sitzt auffällig nah bei Angmo, die ihren Oberkörper im Takt der Lieder schlangengleich hin und her wiegt. Rhythmustrunken wanke ich hinüber zu Joanne und David, die es sich auf einem Teppich bequem gemacht haben.

»Wie lange tanzen wir schon umher?«, frage ich die beiden.

»Keiner von uns weiß es, das ist ein gutes Zeichen«, befindet David. »Heute Abend haben wir den tanzenden Mönchen von Likir Konkurrenz gemacht!«

Zwei Wochen zuvor waren wir in jenem beeindruckendsten aller Klöster Ladakhs gewesen. Dort hatten wir das Privileg, den Mönchen zuzuschauen, die sich in Vorbereitung auf das Dosmochey-Festival der Reihe nach in Trance tanzten. Angetrieben von zwei Mitbrüdern, die dumpfe Töne aus langen Rohren pressten, und einem dritten, der von Zeit zu Zeit auf eine Trommel einschlug, sprangen und hüpften die heiligen Männer wie Kinder herum.

In genau jenem Augenblick meinte ich den Bruchteil einer Sekunde lang, das Wesen des Buddhismus verstanden zu haben. Entsprechende Hinweise sind überall in Likir zu finden. Sie liegen wie Staub über den harten, mit je einer roten Decke versehenen Betten im Gemeinschaftsschlafraum der Mönche, die beständig eines der Betten, ein besonders großes, frei halten, falls seine Heiligkeit, der Dalai Lama, das Kloster beehrt. Sie stecken in der Körperhaltung der riesigen goldfarbenen Buddhastatue, die vor dem Klostergebäude thront und, wie alle anderen, die drei Kennzeichen dafür aufweist, dass jemand zu Höherem geboren ist: einen spitz zulaufenden Kopf, lange Ohrläppchen und das »dritte Auge«, ein Muttermal auf der Stirn. Sie sind auch in jedem der kleinen Schätze zu finden, die in Vitrinen im obersten Stockwerk des Klosters aufbewahrt werden. Der wahre Schatz aber, der das Wesen des Buddhismus selbst verkörpert, das sind die tanzenden Mönche von Likir. Denn was ist deren Tanz anderes als eine Bewegung um der Bewegung willen? Was auf dieser Welt könnte das Nichtanhaften an den Dingen besser symbolisieren, die Konzentration auf den Augenblick klarer darstellen, die Leichtigkeit unseres »Da-seins« unverfälschter spiegeln?

So meinte ich, in Likir für einen Lidschlag das Wesen dessen verstanden zu haben, an das die Menschen in Ladakh glauben. Jetzt aber, an unserem letzten Abend in Rumbak, schaue ich Joanne und David an und weiß im selben Moment, dass wir alle dasselbe denken. Heute Abend sind wir selbst die tanzenden Mönche von Likir.

Als der Ofen nur noch vor sich hin glimmt, die Sänger und die Hunde verstummt und die Kerzen heruntergebrannt sind, begebe ich mich langsam zur Tür. Bevor ich aus dem Raum gehe, drehe ich mich ein letztes Mal um und lasse meinen Blick von einem zum anderen wandern.

Wie eine Bilderfolge rauschen meine neuen Freunde in mein Gedächtnis. Sonam, dessen mandelbraune Augen selbst jetzt noch Wärme ausstrahlen. Angmo, deren Gesicht im letzten Kerzenlicht rotorange herüberleuchtet. Ama-Ley mit zerlaufener Restschminke erinnert an eine Kämpferin nach der Schlacht. Mike döst friedlich neben dem Ofen, als habe er in Ladakh endlich Ruhe gefunden. Ich möchte blinzeln und auf diese Weise ein Foto dieser Szene schießen, ich möchte das Potpourri an Eindrücken und die Stimmung dieses Augenblicks mitnehmen in mein weiteres Leben.

Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass dies letztlich recht unbuddhistisch wäre, und lächele. David, der Schweigsame, nickt mir vom anderen Ende des Raumes zu, als wolle er verdeutlichen, dass es diese raren Augenblicke sind, die er zu finden trachtet. Dass er Tausende von Stunden auf sich nimmt, in denen er wartet, sich anstrengt, nicht mehr weiter weiß und beinahe verzweifelt, nur um ab und zu einen solchen Moment der Klarheit erleben zu können.

Joanne blickt mich mit unverhohlener Neugier an, als wolle sie herausfinden, ob ich mir des Geschenks bewusst bin, das ich heute Abend bekommen habe. Nur Sonam lächelt wissend zu mir herüber. Als ich mich schließlich resolut umdrehe und zur Tür hinausgehe, weiß ich, dass ich den heutigen Abend nie mehr vergessen werde.

Und ebenso wenig meine Begegnung mit dem Schneeleoparden: Um den spannendsten Lebewesen unseres Planeten zu begegnen, müssen wir nicht selten die abgelegensten und extremsten Gebiete unserer Erde aufsuchen.

Und von dort wieder wegkommen. Zwei Tage nach dem avisierten Termin nutzt ein kleines Flugzeug eine Schneefallpause, um sich durch die Wolken hindurchzuschrauben, ehe es zu einem gewaltigen Satz über den Himalaya ansetzt. Ein mächtiger Sturm rüttelt an seinen Tragflächen, Blitze zucken um es herum, die Bergspitzen scheinen von unten nach dem Flugzeug zu greifen. Ladakh will mich nicht mehr hergeben, es nimmt mir die Heimkehrversuche persönlich übel. Ich aber habe nur Augen für die weiß bepuderte Bergwelt unter mir.

Als ich mein Gesicht an das vereiste Doppelglas des Flugzeugfensters presse, meine ich einen Lidschlag lang, dort unten »unseren« Schneeleoparden zu erspähen, wie er scheinbar schwerelos die Bergflanken emporklettert. Natürlich ist das absurd. Doch ich verfüge nun einmal über das famose Instrument der Fantasie, von dem ich mich allzu gern an der Nase herumführen lasse. So kann sie mir vorgaukeln, dass ich einen Schneeleoparden, den ich, selbst als er kaum siebzig Meter vor mir stand, erst nach einem expliziten Hinweis des Reiseführers entdeckt habe, durch das verdreckte Bullauge eines zehn Kilometer über Meereshöhe im Sturm schaukelnden Flugzeugs aus erspähen könnte.

Andererseits, wer weiß hier oben schon, was realistisch ist und was nicht. Beim Verlassen der Heimat des Schnees ist mir nur eines klar: Ladakh ist mit Sicherheit die geeignetste Region für Wunder.

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