Melbourne: Leben in der besten Stadt der Welt

Australien

Für mich ist Melbourne schon seit fünf Jahren die beste Stadt der Welt. Doch jetzt ist sie es auch offiziell.

Melbourne wurde zur lebenswertesten Stadt gewählt, und das bereits zum zweiten Mal hintereinander. Ein Forschungsinstitut der britischen Zeitung The Economist hat Merkmale wie das Kultur- und Sportangebot, die Infrastruktur sowie die Kriminalität unter die Lupe genommen. Was die Einheimischen schon vorher wussten, haben sie nun also auch schwarz auf weiß: Melbourne landete – insgesamt bereits zum fünften Mal – auf Platz eins, vor Wien und Vancouver. Eine deutsche Stadt ist nicht mal in den Top Ten vertreten. Doch wie fühlt es sich an, in der besten Stadt zu leben, zu arbeiten und seinen Alltag zu verbringen?

Melbourne ist sicher eine faszinierende Stadt mit tollen Stränden, ausgezeichneten Restaurants und vor allem den wohl freundlichsten Menschen der Welt. Der Alltag hingegen ist oft alles andere als lebenswert: Die Straßenbahnen sind überfüllt, die Immobilienpreise explodieren, das Leben ist teurer als in New York und in einigen Vororten rät die Polizei davon ab, spät abends alleine durch die Straßen zu gehen. Doch warum boomt Melbourne wie keine andere Stadt und wird Sydney in den nächsten Jahrzehnten sehr wahrscheinlich als bevölkerungsreichste Stadt Australiens ablösen?

Der Autor

Niels Büngen lebt seit 2008 in Melbourne und arbeitet als freier TV-Korrespondent für die RTL Mediengruppe für Australien, Neuseeland und den Südpazifik. Dazu ist er Moderator beim deutschen Programm von Radio SBS in Australien. Nach seiner kaufmännischen Ausbildung beim ZDF Fernsehen studierte Niels Büngen Sport, Medien und Kommunikation in Köln. Anschließend besuchte er die RTL Journalistenschule für TV & Multimedia und arbeitete u. a. als Redakteur bei RTL Nord. www.nielsbuengen.com

Niels Büngen

Im Dezember 2007 besuchte ich Melbourne zum ersten Mal. Nach dem schmuddeligen Winterwetter in meiner Heimat in Wipperfürth im Bergischen Land begrüßte mich Australiens zweitgrößte Stadt mit 44 Grad im Schatten. Die Sonne schien, alle Menschen waren gut drauf, die jungen Frauen liefen in Shorts durch die Stadt … Wärmer, freundlicher, einfach besser – größer hätte der Unterschied kaum sein können.

Es war Liebe auf den ersten Blick. Zwei Tage war ich erst in Melbourne, der Jetlag war noch nicht überwunden, da rief mich eine Bekannte an. Was ich denn an Silvester mache, wollte sie wissen. „Ich werde mir das Feuerwerk anschauen“, antwortete ich. Was sollte ich auch anderes tun in einer fremden Stadt, 16.000 Kilometer von Freunden und Familie entfernt? Bis zum Beginn meines Praktikums, für das ich hergekommen war, dauerte es schließlich noch ein paar Tage.

Am nächsten Tag holte mich die Bekannte ab. Sie sammelte zwei Freundinnen ein und setzte die Fahrt zu einem entlegenen Stadtteil Melbournes fort. In Deutschland wären wir bereits längst in einer anderen Stadt gewesen. Aber Entfernungen sind in Australien, und das weiß jeder, der schon da war, eine ganz andere Nummer. Wir kamen an einem Ferienhaus ihrer Freundin an. 50 Meter dahinter lag eine tolle Bucht, auch spät abends waren es weit über 30 Grad. Dazu erwarteten uns acht gutaussehende Australierinnen sowie ein Australier mit jeder Menge Alkohol. Ich konnte kaum fassen, was ich da erlebte …

An diesem Abend lernte ich auch Elizabeth kennen, meine heutige Frau. Meine ganz persönliche Liebesgeschichte mit dieser aufregenden Metropole am anderen Ende der Welt hatte begonnen.

Australien wie wir es sehen

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Australien, wie wir es sehen – 18 Einheimische, Zugewanderte und Reisende erzählen von ihrem Down Under“, herausgegeben von Erik Lorenz und Thomas Bauer.

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Australien wie wir es sehen

Zum Zeitpunkt der Volkszählung vom 31.12.2011 fehlten Melbourne noch genau 18 Einwohner bis zum Erreichen der Vier-Millionen-Marke. Die Stadt im Südosten Australiens liegt zwar von der Einwohnerzahl her noch hinter Sydney, doch Melbourne ist flächenmäßig die größte Stadt des fünften Kontinents, mehr als doppelt so groß wie Berlin. Da mag es überraschen, dass ich Berlin schon immer als viel zu groß und weitläufig empfunden hatte. Melbourne besteht zwar aus mehr als 200 Stadtteilen, doch spielt sich das Leben meist rund um das Zentrum ab. Was den Deutschen ihre Innenstadt ist, nennen die Australier kurz CBD, Central Business District. Das gilt auch, wenn in der Stadt nur ein paar Tausend Menschen leben. Ein CBD gibt es überall.

Von der einen bis zur anderen Seite der Stadt bin ich mit dem Auto manchmal bis zu zwei Stunden unterwegs – und da kommen wir auch direkt zum ersten Problem der Stadt: dem Verkehr. Es gibt mittlerweile wohl kaum eine Großstadt auf der Welt, die kein Verkehrsproblem hat, doch in Melbourne scheint es extrem zu sein. In Metropolen wie New York, Bangkok oder London, in denen Platzmangel herrscht und viel mehr Menschen auf engstem Platz zusammenleben, kann ich es verstehen. In Melbourne jedoch haben die Stadtplaner schon vor Jahrzehnten den jetzigen Bevölkerungsboom völlig verschlafen. Nur wer morgens vor sieben Uhr im Auto sitzt, hat noch eine Chance, ohne großen Stau zur Arbeit zu kommen.

Wer sich in Deutschland über volle und unpünktliche Züge beschwert, den erwartet in Melbourne noch eine Steigerung. Straßenbahnen und Vorortzüge sind morgens und abends voller Pendler. Da das Wohnen im Zentrum immer unerschwinglicher wird und jeder Australier stolz darauf ist, in seinem eigenen Haus mit Garten zu wohnen, ziehen immer mehr Menschen in die Vororte. Dementsprechend überlastet sind die Bahnen. Zur Rush Hour zwischen acht und zehn Uhr morgens öffnen die Zugführer nicht einmal mehr die Türen, da die eingepferchten Pendler wahrscheinlich herausfallen würden.

Wenn es um die Bahn geht, hat der Australier viel mit dem Deutschen gemein. Das Meckern über die schlechte Infrastruktur gehört einfach zum Leben dazu. Schwarzfahren, das sei an der Stelle noch erwähnt, tun in Melbourne nur die ganz Mutigen. Eine Strafe von umgerechnet etwa 150 Euro droht all denjenigen, die kein Ticket haben.

Vom Schwarzfahren kommen wir schnell zu einer meiner Lieblingsgeschichten. Die erzähle ich immer, wenn es darum geht, wie freundlich und hilfsbereit die Melbournians sind, wie sich die Einwohner hier selbst nennen.

Es war auf einer meiner ersten Fahrten mit der Melbourner Straßenbahn, der Tram. Fahrkarten konnte man damals während der Fahrt nur mit Kleingeld am Automaten bezahlen. Ich stand in der Bahn und fand in meinem Portemonaie nicht genügend Münzen. Als ich mich gerade darauf einstellte, dieses eine Mal schwarz zu fahren, tippte mir ein Australier von hinten auf die Schulter.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er. Ich erklärte ihm, mir würden 50 Cent für eine Fahrkarte fehlen, aber ich sei sowieso gleich am Ziel. Doch er drückte mir ein 50 Cent-Stück in die Hand, mit den Worten: „Nimm die ruhig. Das wäre doch wirklich blöd, wenn die dich erwischen würden. Wenn du einmal 50 Cent zu viel hast, gibst du sie einfach jemandem, der auch Hilfe braucht.“

Nichts könnte die Mentalität der Australier besser erklären als dieses eine kurze Erlebnis. Alle sind nun einmal Mates. Während man in Deutschland oft erst einmal misstrauisch gegenüber Fremden reagiert, habe ich in Australien das Gefühl, die Menschen halten zusammen. Nicht, dass so etwas in Deutschland nie passieren würde, aber es scheint mir dort eher eine Ausnahme.

Die Menschen gehen offen miteinander um. Für viele Touristen oder Neuankömmlinge ist das tägliche How are you? (Wie geht es dir?) dagegen eher oberflächliches Gemurmel. Die Antwort darauf interessiert tatsächlich kaum jemanden, weshalb auf die Frage so gut wie immer direkt die Gegenfrage folgt: Good, how are you? (Gut, wie geht es dir?). Beliebt ist auch immer wieder ein Not too bad! (Nicht schlecht!). Noch nie habe ich gehört, dass jemand antwortet, es gehe ihm heute schlecht. Für so etwas ist im lockeren Vorbeigehen oder am Telefon dann doch keine Zeit, und mal ehrlich, wen interessiert, ob das Gegenüber gerade erkältet ist oder einen schlechten Tag hat?

Das How are you? gibt es selbstverständlich auch im Supermarkt. Je nach Lust und Laune der Kassierer entwickelt sich daraus oft sogar ein kurzes Gespräch. Neulich antwortete der junge Mann an der Kasse mir, er habe in drei Stunden endlich Feierabend und werde dann mit seinen Kumpels die neue Bar an der Ecke ausprobieren. Darauf freue er sich schon die ganze Woche.

Ob ich beim Einkaufen Lust auf ein Gespräch hatte oder nicht, meine Laune war jedenfalls besser. Tage später ging ich mit unserem Hund spazieren und ein Junge, um die 15 Jahre alt, sprach mich an. Was für ein toller Tag es für einen Spaziergang sei, und überhaupt sei der Frühling ja in diesem Jahr besonders sonnig. Dann wünschte er mir noch einen schönen Tag und ich blieb erstaunt zurück, erstaunt über so viele freundliche Menschen in einer Stadt.

Besonders amüsant ist der ständige Wettbewerb zwischen Melbourne und Sydney. Sydney glänzt seit Jahren als bekannteste Stadt Australiens. Es zählt nicht nur mehr Einwohner und Touristen, man ist auch zurecht stolz auf die Harbour Bridge und die Oper, die es zu Weltruhm gebracht haben. Ein weltbekanntes Wahrzeichen Melbournes sucht man dagegen vergeblich. Dazu wirft Sydney auch noch den größten und für viele schönsten Naturhafen der Welt in die Waagschale. Große Firmen haben ihren Hauptsitz in Sydney, das etwa eine Flugstunde von Melbourne entfernt liegt. Melbourne und Sydney konnten sich nicht einigen, wer Hauptstadt Australiens sein sollte, weshalb die kleine Stadt Canberra diesen Status erhielt, die ziemlich genau in der Mitte zwischen beiden Metropolen liegt. Die gegenseitige Abneigung ist vergleichbar mit der Rivalität zwischen Hamburg und Bremen oder Köln und Düsseldorf. Auch ich habe mich erwischt, beide Städte viel zu oft miteinander zu vergleichen. Sydney ist einzigartig mit seinen Stränden und dem Hafen, doch für mich ist Melbourne gemütlicher und nimmt sich nicht so wichtig. Ich sage oft: Stehst du in Melbourne mit dem Stadtplan in der Hand und weißt nicht weiter, nimmt dich der Melbournian ein Stück im Auto mit. Der Sydneysider, wie er heißt, ist dagegen im Stress und hat leider keine Zeit – „too busy, mate“.

Melbourne gilt als Kulturhauptstadt Australiens: Die Stadt ist voller Museen, Theater, Konzerte und Restaurants. Dazu lockt einmal im Jahr das Melbourne Comedy Festival die besten Comedians der Welt in die Stadt. Für Touristen wie Einheimische gibt es viel zu erleben: Der botanische Garten ist einer der schönsten der Welt, der Yarra River durchzieht die Stadt. Ihm hängt übrigens das Sprichwort an, der einzige Fluss der Welt zu sein, der verkehrt herum fließt, mit dem Matsch nach oben. Selbst im Hochsommer landen meist nur Betrunkene in der braunen Brühe, oder der Tennisspieler Jim Courier, als er die Australian Open gewann. Dafür locken die Strände entlang der Port Philipp Bay. Der Stadtteil St Kilda gilt als der trendigste Ort der Stadt; entsprechend touristisch ist er mittlerweile, von den Mietpreisen ganz zu schweigen.

Vom Melbourne Observation Deck des Rialto Towers gibt es einen 360-Grad-Blick aus 248 Metern Höhe, ein hervorragender Überblick für eine Stadtbesichtigung, deren Ausgangspunkt häufig der Federation Square ist. Am Platz nahe des Bahnhofs Flinders Street hat der Radiosender SBS seinen Sitz, der auch in deutscher Sprache sendet. Zudem beherbergt er die ausgezeichnete Touristeninformation. Hier kann man auch Rundgänge durch die Stadt buchen. Einheimische zeigen einem dabei die besten Ecken der Stadt, sogar auf Deutsch und das völlig kostenlos. Ein Ziel sind dann auch die kleinen Gassen der Stadt. Viele von ihnen sind voller Graffiti, in anderen werden Jazzkonzerte gespielt. Dazu gibt es – Achtung, noch eine Superlative – den besten Kaffee der Welt. Schuld sind die Millionen italienische Einwanderer. Gleich gegenüber der Touristeninformation fährt ein Reisebus ab, der die Touristenhighlights abklappert. Ebenfalls kostenlos – und uriger – ist die Tram Nummer 12: Sie fährt im Rechteck um die Stadt, und nebenbei werden die schönsten Ecken erklärt. Ein Muss für jeden Besucher.

Mein Lieblingsplatz in Melbourne liegt am südwestlichen Rand der Bucht. Williamstown heißt der Stadtteil. Vor über 100 Jahren war Williamstown quirliger Hafenplatz. Dort erstreckt sich ein fantastischer Sandstrand ohne große Wellen. Dazu gibt es eine beträchtliche Auswahl an Bars, Pubs und Restaurants und einen kaum zu übertreffenden Blick auf die Skyline der Stadt. Einziger Nachteil: Williamstown mit seinen rund 15.000 Einwohnern ist mit dem Zug eine halbe Stunde vom CBD entfernt. Aber der Ausflug lohnt sich.

Wer in Melbourne lebt oder Urlaub macht erlebt einen bunten Mix der Kulturen. Multikulti wird hier täglich gelebt. Rund 140 Nationen sind in der Stadt vertreten, etwa jeder zweite Bewohner wurde im Ausland geboren. Derlei verschiedene Einflüsse bestimmen auch die Küche der Stadt. Die Auswahl der Restaurants, von klassisch italienisch in der Lygon Street bis vietnamesisch in der Victoria Street, überrascht mich jeden Tag aufs Neue. Melbourne ist der Inbegriff für gute Küche. Darauf sind die Melbournians stolz und nennen die City nicht umsonst Food Capital of Australia. Die besten Köche des Landes haben hier ihre Restaurants, teilweise muss man in diesen Fünf-Sterne-Restaurants mehrere Monate im Voraus einen Tisch bestellen. Wer es günstig und lecker mag, geht nach Richmond. Hier, in der Victoria Street, reiht sich ein vietnamesisches Lokal ans nächste. Das typische asiatische Flair gibt es dort inklusive: In diesem Teil Melbournes leben und arbeiten fast ausschließlich Asiaten.

Essen aus aller Welt gibt es auch auf dem Queen Victoria Market, einem riesigen Marktgelände im Zentrum der Stadt. Seit dem Jahr 1850 verkaufen auf dem Markt die Händler neben dem typisch touristischen Kram vor allem eins: ausgezeichnete Lebensmittel aus allen Ecken der Erde. Von frischem Fisch über deutsche Fleischwurst bis zu französischem Weichkäse, es gibt fast nichts, was es hier nicht gibt. Jeden Mittwochabend im Sommer ist es besonders voll: Dann wird neben Snacks auch Live-Musik geboten, natürlich auch aus der ganzen Welt. Der Markt ist eine der Touristenattraktionen der Stadt.

Spätestens wenn mich Freunde fragen, wie lange sie für ihren Melbourne-Besuch einplanen sollen, gerate ich ins Schwärmen. Für die Stadt mit dem Zentrum, den Museen, Parks, kleinen Gassen und Stränden sollte man mindestens fünf Tage reservieren. Richtig spannend wird es aber erst um Melbourne herum. Dann sprudelt es aus mir heraus. Pinguininsel, Küstenstraße, Weingüter, Naturparks, Regenwald … all das liegt nur ein oder zwei Stunden von Melbourne entfernt. Mein Lieblingsplatz ist der Wilsons Promontory National Park. Bei dem Buschfeuer im Jahr 2009 teilweise abgebrannt, hat sich die Vegetation mittlerweile wieder erholt. Der riesige Park liegt gut zwei Stunden Autofahrt südlich von Melbourne. Am Ende der Sackgasse wartet ein gemütlicher Zeltplatz, sauber und gepflegt, direkt an einer malerischen Bucht, natürlich mit feinstem Sandstrand – wir sind schließlich in Australien. Es gibt von einfachen Hütten bis luxuriösen Herbergen alle Übernachtungsmöglichkeiten, dazu ein Café und einen kleinen Shop. Kostenlose, saubere Gasgrills stehen überall zur freien Benutzung. Paradiesisch!

Kängurus hüpfen abends zwischen den Besuchern, etwas entfernt überquert gelegentlich eine Gruppe Emus den Waldweg und die Wombats wagen sich bei Dämmerung aus ihren Höhlen hervor. Die kugeligen Tiere sehen aus wie kleine Wildschweine. Bereits am Eingang warnen die Rangers davor, Essen im Zelt zu lassen. Die hungrigen Wombats machen auch vor einer Zeltwand nicht Halt – unser Zelt ist mittlerweile wieder geflickt. Richtig voll wird es im Hochsommer: Für den Januar werden die Zeltplätze bereits ein halbes Jahr vorher im Internet verlost. Die Gegend wird überragt vom Mount Oberon. Der rund 600 Meter hohe Berg bietet fantastische Ausblicke auf die Küste und die Wälder mit den mehr als 700 Pflanzenarten. Übrigens auch ein hervorragender Platz für eine Verlobung …

Weiter östlich liegt die Great Ocean Road. Sie zählt zu den schönsten Küstenstraßen der Welt. Vorbei an kleinen Ortschaften, Buchten mit bizarren Felsformationen sowie Sand- und Surfstränden schlängelt sich die Straße fast 250 Kilometer am Meer entlang. Mein Lieblingsort dort liegt etwa drei Stunden von Melbourne entfernt: Apollo Bay. Hier verzichtet man auf große Hotelburgen und hat sich ein entspanntes Flair behalten. Voll wird es hier im Hochsommer aber auch. Ideal für einen Besuch sind der März oder April, dann ist weniger los, und das Wasser ist noch angenehm warm.

Im Landesinneren verbirgt sich das Yarra Valley: ein Weinanbaugebiet der Extraklasse. Eine Autostunde im Norden der Stadt wird die Landschaft sanfter. Hier einen schlechten Wein zu finden, ist fast unmöglich. 

Sport ist für die Melbournians das Größte. Wohl kaum eine andere Stadt ist so sportverrückt. Seit Jahren erreicht Melbourne erste oder zweite Plätze als World’s Ultimate Sports City – die Sportmetropole der Welt. 2012 wurde Melbourne nur knapp von der Olympiastadt London geschlagen. In den Parks und am Strand joggen die Menschen oder fahren mit dem Rad. Footy, für Laien eine Mischung aus American Football und Rugby, ist für die Menschen hier schon fast eine Religion. „Was ist dein Team?”, ist oft die erste Frage beim Small Talk. Mein Team war am Anfang Richmond, da ich dort zuerst hingezogen bin. Dann merkte ich, dass Richmond in der Tabelle ganz lange ganz unten war … und hielt mich erst einmal zurück.

Footy, oder die AFL, ist ein Wettbewerb, in dem fast 20 Mannschaften aus ganz Australien gegeneinander spielen. Die meisten Vereine kommen aus Victoria, dem Bundesland, in dem auch Melbourne liegt. So kommt es oft vor, dass 90.000 Menschen ein Spiel besuchen, in dem zwei Stadtteile gegeneinander antreten. Ziel ist es, den ovalen Ball durch zwei Stangen zu kicken oder zu schlagen. Selbst wer die inneren Stangen knapp verfehlt bekommt noch einen Punkt. Ein im Vergleich zu unserem Fußball brutales Spiel, deren Regeln einfacher sind als die des Crickets, das immer noch Nationalsport der Australier ist. Fußball wie wir es kennen, in Australien Soccer genannt, finden die meisten Menschen hier langweilig, auch wenn zu den Spielen von Melbourne Heart oder Victory manchmal über 20.000 Zuschauer in die Stadien kommen. Ist es zu heiß, wird nach 20 Minuten erst einmal eine Trinkpause eingelegt. An die Beliebtheit des Footys wird Fußball wohl nie heranreichen. Doch nur durch Footy allein wird man nicht Weltsportstadt …

Zum Jahresauftakt gibt es die Australian Open. Nachdem die Politiker das Tennis Grand Slam Turnier 1988 von Adelaide in die Stadt holten, wollen sie es gar nicht mehr hergeben. Immer wieder versucht Sydney das erste Grand Slam des Jahres auszutragen, doch vergeblich. Fast jährlich gibt es einen Besucherrekord und die Stimmung ist bei Spielern wie Fans einzigartig. Die Tage der Australian Open zählen zu den heißesten des Jahres.

Nur zwei Monate später folgt das nächste sportliche Highlight. Dann ist die Formel 1 zu Gast. Donnerstag bis Sonntag dröhnen die Motoren durch die Stadt, noch in unserem kilometerweit entfernten Garten höre ich den Lärm: Dolby Surround beim Rennen im Fernsehen einmal anders. Jedes Jahr entflammt dabei die Debatte, ob es Sinn macht, das Event mit über 50 Millionen Dollar an Steuergeldern zu unterstützen. Der Imagewinn ist jedoch gewaltig, und so langweilt die Diskussion die meisten Einwohner nur noch. Man ist stolz, die Formel 1 in der Stadt zu haben.

The race that stops a nation. Einen Tag Anfang November schaut ganz Australien nach Melbourne. Das Pferderennen Melbourne Cup ist so populär, dass der Tag des Rennens in Victoria sogar ein Feiertag ist. Millionen Menschen auf dem ganzen Kontinent wetten dann auf ihren Favoriten über die 3,2 Kilometer lange Distanz. Die 100.000 Besucher des Rennens machen sich schick. Die Männer tragen traditionell Anzug und Krawatte, die Frauen präsentieren die buntesten und schrägsten Hüte, die es gibt. Im Fernsehen erreichen die Einschaltquoten Rekordwerte.

Footy, Tennis oder Pferderennen – Sport ist die Nummer eins. Die Menschen mit ihrem Stolz für das tolle Essen und die sportlichen Events machen diese Stadt so besonders – und zur liebens- und lebenswertesten Stadt der Welt.

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