Die Mongolei und wir – Antworten von Franziska und Felix Consolati

© Franziska und Felix Consolati

Interview von Janna Olson.

Franziska (ehemals Bär) und Felix Consolati kündigten 2015 ihre Wohnungen, verkauften das Auto und alles, was sie nicht mehr brauchen würden, und starteten eine Weltreise auf der Suche nach einem ganz besonderen Ort: 

Sie suchten das Nirgendwo. 

Im Weltwach-Interview sprechen sie darüber, wie sie ihren Fußmarsch durch die Leere der mongolischen Wildnis erlebten, was ihnen die Stille bedeutet und ob sie das Nirgendwo gefunden haben. 

Außerdem verraten sie, was sie sich aus ihren Reiseerfahrungen zu Coronazeiten zu Nutze machen können.

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Janna Olson: Wie und wann seid ihr das erste Mal auf die Mongolei als Reiseland gestoßen?

Felix Consolati (lacht): Ich glaube die Mongolei ist auf meinem Mist gewachsen.

Franziska Consolati: Würde ich auch sagen, ja. Der Gedanke ist nach deiner ersten Weltreise entstanden. Wir hatten damals das Gefühl: je fremder, desto besser, je weiter und unbekannter, desto besser. 

Felix Consolati: Mich faszinieren Länder, über die ich wenig weiß, und in denen das Leben so komplett anders zu sein scheint als alles, was ich bisher kenne. Das Nomadentum und die mongolische Kultur ist so unbekannt, das wollte ich entdecken. 

Außerdem reizte mich die Vorstellung, fernab von allem zu sein und nicht die Möglichkeit zu haben, schnell wieder in die Komfortzone und das gewohnte Leben zurückkommen zu können. Wir waren auf der Suche nach dem Gefühl, losgelöst zu sein. Das birgt ein riesiges Abenteuer.

Janna Olson: Wie hat sich euer Reiseverhalten über die Zeit verändert? Was sucht ihr heute auf euren Reisen?

Felix Consolati: Im Vergleich zu meinen Reisen früher habe ich heute nicht mehr das Gefühl, das Reisen etwas ausgleichen oder einen Drang stillen muss. Heute stehen die Begegnungen mit Menschen, das Entdecken fremder Kulturen und auch die Zeit nur für uns im Mittelpunkt. 

Das Verständnis hat sich verändert. Als ich vor acht Jahren in Nicaragua ein Paar am Strand kennenlernte, das mir erzählte, es würde drei Wochen am gleichen Strand verbringen, habe ich mich gefragt, was die dort so lange machen. Ich wollte damals möglichst viel sehen und konnte überhaupt nicht verstehen, wie man so viel Zeit an einen Ort “verschwenden“ kann. Als ich dann selbst irgendwann vom vielen Reisen so übersättigt war, dass ich nicht mal mehr Lust hatte, ein Foto zu machen, hat sich das langsam verändert.

Franziska Consolati: Es gibt natürlich nach wie vor das Gefühl von Fernweh, aber es geht nicht darum, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel vom Land zu sehen. Das Reisen ähnelt nicht mehr dem Bedürfnis, auszubrechen, sondern ist eine Sehnsucht, eine fremde, faszinierenden Kultur und was Unbekanntes zu entdecken. Ich würde sagen, dass jetzt das Reisen intensiver stattfindet. Vielleicht sehen wir nicht mehr ganz so viele Orte, wenn es nur nach der blanken Zahl gehen würde – aber die Zeit an einem Ort erleben wir dafür viel intensiver, weil man vielleicht mal vier Stunden nur im Dschungel sitzt und nur den Geräuschen zuhört.

© Franziska und Felix Consolati

Janna Olson: Ihr habt mit dieser Reise einen gewaltigen Schritt aus eurer persönlichen Komfortzone gewagt und habt euch physischen Gefahren ausgesetzt, seid aber auch Risiken auf der Beziehungsebene eingegangen. Gehört diese vergleichsweise große Risikobereitschaft für euch zum Abenteuer dazu?

Franziska Consolati: Ich glaube, die Entscheidung, diese Risiken einzugehen, hatte viel damit zu tun, dass wir beide zu diesem Zeitpunkt in gewissen gesellschaftlichen Rollen steckten – mit allen Pflichten und auch Vorurteilen, die zu einer solchen Rolle eben dazugehören. Die Idee, in die Mongolei zu reisen, war schon eine Art Ausbruch aus diesem Konstrukt. Und dieser Ausbruchsgedanke brachte mit sich, dass wir ganz bewusst nicht erreichbar sein wollten. Wir wollten diese Reise fern ab von allem und nur für uns allein machen. Wir wollten unseren Weg finden, egal, ob er gesellschaftlichen Vorstellungen entspricht, oder nicht. Wir haben uns die Frage gestellt: was findet man eigentlich und wie fühlt es sich an, wenn man nicht denkt, irgendwer sein zu müssen?

Felix Consolati: Ich persönlich wollte unbedingt das Gefühl haben, bei mir zu sein.  Mir war die Möglichkeit wichtig, äußere Einflüsse, die mich in irgendeiner Art beeinträchtigen könnten, auszublenden. Um so herauszufinden, wohin der Weg gehen kann. In der Mongolei ist man so weit weg von allem, dass das Gefühl entsteht, dass das Einzige, was von außen an dich herankommt, die absolute Funkstille ist.

Franziska Consolati: Und wo gibt es das noch? Wo gibt es noch diese unberührte, wirklich riesige Wildnis, ohne Strommasten und irgendwelche kleinen Dörfer? Wir hätten dort vier Wochen nackt wandern können, es hätte niemanden interessiert, weil einfach niemand da ist (Franziska grinst). Das ist eine Vorstellung von Abgeschiedenheit, die wir überhaupt nicht kannten. Das Gefühl, sich in einer weiten Wildnis zu bewegen, haben die wenigsten schon einmal erlebt. Das ist wirklich etwas ganz Besonderes. 

Felix Consolati: Um so etwas in dieser Dimension zu finden, dafür gibt es nur noch wenige Reiseziele. Um eine solche Abgeschiedenheit und Wildnis zu finden, muss man schon in eher lebensfeindliche Regionen gehen, wie beispielsweise in die Wüste oder die Arktis. Weil wir aber keine Extrem-Abenteurer sind, die bei -50°C durch Russland radeln wollen, brauchten wir ein halbwegs realistisches Ziel für unser Vorhaben.

© Franziska und Felix Consolati
© Franziska und Felix Consolati

Janna Olson: Welche abenteuerliche Situation hat sich euch am nachhaltigsten ins Gedächtnis gebrannt?

Felix Consolati: Ich fand den Moment, in dem wir im Nirgendwo abgesetzt wurden, am abenteuerlichsten. Wir hatten einen Fahrer, der uns an unserem Startpunkt in der mongolischen Weite ausgesetzt hat. Diesen Punkt hatten wir ausgewählt, weil er verschiedene Kriterien erfüllt hat. Zum Beispiel war Trinkwasser nie weit und wir konnten unsere Etappen so einteilen, dass wir alle 10 bis 14 Tage Vorräte auffüllen konnten. In der Mongolei haben wir allerdings erfahren, dass der Sommer eine Dürreperiode war. Wir waren nicht sicher, ob es dort also überhaupt noch Wasser geben würde.

Als uns der Fahrer dann aber wirklich ausgesetzt hat – dieser Moment hat sich mir ins Gedächtnis gebrannt. Die Grashalme wehten nach links und nach rechts und ein riesiger Greifvogel zog über unsere Köpfe. Der Fahrer, Oonoo, stieg dann ins Auto, warf den Motor an. Das war es dann. 

Der aufgewirbelte Staub legte sich langsam. Wir starrten uns nur an. Das war eines der intensivsten Gefühle, die ich jemals erlebt habe. 

Du bist dann einfach da in diesem Moment. Und du hast in einer solchen Situation keine Möglichkeit wegzurennen, zurückzulaufen oder Hilfe zu rufen. Du kannst nichts machen. Außer Loslaufen. 

Rückblickend betrachtet man einen solchen Moment wohl eher besorgt. Stell dir vor du läufst los und brichst dir nach zwei Schritten den Fuß. 

In diesem Moment damals haben wir nicht über sowas nachgedacht. Solche Gedanken kommen erst im Nachhinein.

Franziska Consolati: In den ersten zwei Jahren nach der Reise haben wir die Erlebnisse dieses Abenteuers eher für uns behalten. Die tendenziell eher besorgten Gedankengänge, wie beispielsweise: „Was wäre passiert, wenn sich einer von uns verletzt hätte?“, wurden erst angestoßen, als wir viele solcher Rückmeldungen nach dem Erscheinen des Buches bekamen. Erst als sich andere darüber Gedanken gemacht haben, fing dieser Prozess bei uns auch an. 

Die für mich abenteuerlichsten Momente während der Reise waren die zwei Gletscherflüsse, die wir durchqueren mussten. Bei der ersten Flussdurchquerung waren wir körperlich und auch mental schon völlig am Ende. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt eigentlich überhaupt keine Kraft mehr, solche Strapazen zu meistern. Bei der zweiten Durchquerung war Felix krank, da war es also eigentlich noch schlimmer für mich, weil ich ihm das Gepäck abnehmen musste. 

Komischerweise fühlt sich dieser zweite Moment im Nachhinein aber weniger abenteuerlich an als die erste Durchquerung. Vielleicht, weil ich zumindest im Kopf stark war? Das musste ich ja. Ich war dort in einem Durchhaltemodus. 

Janna Olson: Trotz des schweren Gepäcks und einiger Risiken, wie beispielsweise die weit entfernte Möglichkeit der ärztlichen Versorgung im Notfall, habt ihr euch für eine Reise als Selbstversorger zu Fuß entschieden. Warum?

Franziska Consolati: Der Westen der Mongolei hat irgendwie sofort zu unserem Vorhaben gepasst. Von den drei Millionen Menschen, die in der Mongolei leben, wohnen 1,7 Millionen in der Hauptstadt Ulan Bator, ein paar Hunderttausend in anderen großen Städten oder den Provinzhauptstädten und der Rest lebt als Nomaden. Da es im Westen der Mongolei kaum eine Infrastruktur oder Straßen gibt, schlossen sich automatisch ein paar Fortbewegungsmittel aus. Da wir so viel wie möglich von der Wildnis erleben wollten und das Wandern von Zuhause in die Berge gewohnt waren, sind wir mehr oder weniger im Ausschlussverfahren zur Zu-Fuß-Durchquerung gekommen. 

Felix Consolati: Das Reisen mit einem Allrad wäre sicher auch möglich gewesen, aber hätte für uns in dem Moment überhaupt nicht gepasst. 

Franziska Consolati: Wenn du bei so einem Vorhaben auf äußere Faktoren angewiesen ist, wie beispielsweise die Technik eines Autos, und du selbst nicht in der Lage wärst, das Auto zu reparieren, dann bist du aufgeschmissen. Wenn du aber von Anfang an deine Strecke so planst, dass du sie allein bewältigen kannst, musst du dich “nur“ auf dich selbst verlassen.

Wir hatten uns das Ziel gesetzt, aus eigener Kraft voranzukommen.

Felix Consolati: Im Nachhinein betrachtet, haben wir uns damit bewusst einer gewissen Gefahr ausgesetzt. Wir hatten nicht die Möglichkeit, jemanden anzurufen oder einen Notfallknopf zu drücken. Aber diese Situationen jetzt anzuschauen und festzustellen, dass es eigentlich genau das war, was es so schön und einzigartig gemacht hat, finde ich sehr wertvoll. 

Janna Olson: Wie ihr zu Beginn eurer Planung feststellen musstet, gab es vergleichsweise wenig Informationen oder Berichte über die Mongolei als Reiseland. Trotzdem habt ihr euch verhältnismäßig akribisch vorbereitet. Wie sah diese Vorbereitung aus?

Felix Consolati: Die Vorbereitung hatte ein bisschen was von Rätselraten. Gezwungenermaßen haben wir uns nicht mit ganz üblichen Karten vorbereitet, sondern mit GPS-Daten und alten russischen Militärkarten, auf denen wir uns Punkte gesetzt haben. Mit Satellitenaufnahmen auf Google Earth haben wir zwischendurch immer wieder versucht, uns ein genaueres Bild der Landschaft zu verschaffen. 

Franziska Consolati: Es war auf jeden Fall nötig, sich so akribisch vorzubereiten. Wir haben uns vorher und nachher nie wieder so sehr auf eine Reise vorbereitet. Je tiefer wir in diese Vorbereitung eingestiegen sind, desto mehr Probleme sind aufgekommen. Oft war es zum Verzweifeln. Und im Rückblick finde ich es unglaublich, dass wir uns von unserer Reiseidee nicht haben abbringen lassen. Wir haben es nie in Frage gestellt, dass wir es trotzdem machen werden. Nur ich hatte einen kleinen, unsicheren Moment. Der war nach unserem Probemarsch, zwei Wochen vor Abflug. Der ist leider ganz schön in die Hose gegangen. 

Felix Consolati: Ich habe nicht gezweifelt. Ich habe auch erst Jahre später durch das Buch erfahren, dass Franzi kurze Zweifel im Vorfeld hatte (lacht). 

© Franziska und Felix Consolati

Janna Olson: Wie habt ihr eure Begegnungen mit den Mongolen erlebt? Gab es Situationen, in welchen kulturelle Diskrepanzen spürbar wurden? 

Felix Consolati: Ich hatte das Gefühl, die Mongolen sind einerseits ein sehr neugieriges Volk, andererseits aber auch eher zurückhaltend und schüchtern. Sie haben eine sehr ausgeprägte Kultur der Gastfreundlichkeit. Dass du in der Mongolei in eine Jurte eingeladen wirst, gehört in der Steppe dazu – manchmal hat es sich aber genau nach so einer Pflicht angefühlt. 

Franziska Consolati: Ich würde sagen sie sind Beobachter. Ihre Ausstrahlung war oft eher skeptisch. Im Gegensatz zu asiatischen Ländern, wo ganz viel mit Händen und Füßen passiert. Viele wollen mit dir reden, sie kommen zu dir, dich berühren, dir etwas zeigen und dich mitnehmen. Das ist in der Mongolei eher die Ausnahme. 

Dort liefen die Begegnungen eher so ab, dass direkt eine ganze Familie oder eine Gruppe von Menschen zu uns kam und sich neben uns setzte. Und dann einfach erst einmal gar nichts machte. Sie haben uns einfach angeschaut, ohne Regung. 

Wenn wir nicht selbst noch ein Stückchen weiter auf sie zugegangen und interagiert hätten, dann hätten wir ganz oft wahrscheinlich nur nebeneinandergesessen und sie hätten uns einfach angeschaut.

© Franziska und Felix Consolati
© Franziska und Felix Consolati
© Franziska und Felix Consolati

Janna Olson: Eine große Herausforderung auf eurer Reise stellte die Sprachbarriere dar. Wie habt ihr euch in der Mongolei verständigt? 

Felix Consolati: Ich finde es nie so schwer, mich mit anderen Menschen, mit denen ich keine gemeinsame Sprache habe, zu verständigen. Wenn du jemanden kennenlernst, geht es oftmals um ein Gefühl, das du dem anderen vermitteln willst. Und Emotionen. Da brauchst du keine Worte für. Aber auch das war in der Mongolei nicht ganz einfach. 

Das Eis haben wir meistens gebrochen, als wir mit den Bildern im „Ohne-Wörter-Buch“ grob gezeigt haben, was wir in der Mongolei vorhaben. Außerdem haben wir beispielsweise unser Alter in den Sand gezeichnet und Handzeichen verwendet. Aber irgendwann kommt es dann zu einer Grenze und zu einem Moment, wo keiner mehr etwas sagen oder fragen kann. Und dieser Moment war in der Mongolei etwas schneller erreicht, als wir es sonst gewohnt waren. Wir haben dort Gastfreundschaft erlebt, wir haben viel zusammen gelacht, aber es war nur ganz selten möglich, thematisch tiefer zu gehen.

Franziska Consolati: Was ich sehr spannend fand, war, dass wir uns auch oft schwer getan haben, weil die Mongolen ungern Mimik zeigen. Es ist schwer, eine Situation zu deuten, wenn du nicht einmal durch Mimik oder Gestik eine Rückmeldung von deinem Gegenüber bekommst. Wenn es keine gemeinsamen Worte gibt und auch Metaebene und Softskillkomponenten wegfallen, dann bleibt wirklich nicht mehr viel übrig an Kommunikationsmöglichkeiten.

Janna Olson: Wie habt ihr die Kommunikation unter den Mongolen selbst wahrgenommen?

Felix Consolati: Wirklich viel haben sie auch untereinander nicht geredet.

Franziska Consolati: Ja. Ich vermute, weil wir dabei waren. Aber ich schätze eine Gruppe Mongolen ist untereinander nicht so quirlig, wie eine Gruppe Spanier. Mongolen halten sich schon generell eher bedeckt. 

Janna Olson: Durch die sehr dünne Besiedlung der Mongolei entstehen scheinbar unendliche Weiten und eine „Leere“, welche du, Franziska, in deinem Buch eindrücklich in Worte fasst:

„Wie leer sich diese Landschaft anfühlt, kann man sich nicht vorstellen. Der Platz im Kopf würde nicht ausreichen.“

Diese „Leere“ habt ihr bewusst als ein Kriterium bei der Suche nach einem Reiseziel gewählt. Auch der Buchtitel „Ins Nirgendwo, bitte!“ spielt auf die Leere an. 

Habt ihr das Nirgendwo gefunden?

Franziska Consolati: Ja, wir haben das Nirgendwo in der Mongolei tatsächlich gefunden. Wenn nicht dort, wo dann? (Franziska grinst)

Wie habt ihr die „landschaftliche Leere“ letztendlich erlebt? 

Felix Consolati: Wie einsam es dort war, wird mir vor allem jetzt im Nachhinein klar. Denn als wir unterwegs waren, sind wir in einer Art Überlebensmodus gewesen. Man läuft, man isst, man entwickelt eine Routine und abends sitzt man vielleicht noch kurz vor dem Zelt und genießt die Stille. Während dieser Momente habe ich natürlich gemerkt, dass es unglaublich guttut, und wie schön und selten das ist. Aber wie oft im Leben merkt man erst hinterher so richtig, wie wertvoll es eigentlich war. Es ist etwas Unbekanntes und ich konnte erst danach wirklich zuordnen, was dieses Gefühl bedeutet. Das Wohlfühlen in der Stille. 

Franziska Consolati: Ich erinnere mich gut daran, dass uns das Herz ganz schön in die Hose gerutscht ist auf dem Flug von Ulan Bator in den Westen der Mongolei. Da haben wir aus dem Fenster des Flugzeugs geschaut und zum ersten Mal diese Weite und Leere begriffen. Erstmal wussten wir nicht, wie wir damit umgehen sollten. Es gibt eben überhaupt nicht so viel Platz im Kopf, der reichen würde, um das wirklich zu verarbeiten. 

Janna Olson: Wie habt ihr euch durch diese Reise verändert?

Franziska Consolati: Was mir diese Reise gegeben hat, ist eine große Demut der Natur und der Welt gegenüber. Und dass die Natur immer größer und stärker sein wird als der Mensch. Das war ein Gefühl, was ich so ähnlich schon früher mal beim Wandern hatte. Aber das ganze Ausmaß dieses Gedankens, wie klein man selbst und wie groß die Welt ist, das habe ich erst in der Mongolei begriffen. Seither wissen wir umso mehr, wie wichtig es ist, diese wilden Ecken zu bewahren. 

Felix Consolati: Ich denke, diese innere Veränderung bemerken wir momentan besonders. In Zeiten von Corona werden wir nicht so schnell hektisch oder panisch. Wenn man eine solche Reise geschafft hat, besitzt man ein größeres Durchhaltevermögen als vorher. Es gab immer wieder zwischendurch scheinbar aussichtslose Situationen, aber wir haben gelernt, es gibt immer einen Weg.

Franziska Consolati: Ja, das sehe ich auch so. Ich denke, wir waren vorher schon sehr positive Menschen, sonst tritt man eine solche Reise wahrscheinlich gar nicht an. Aber durch die ganzen Proben und die vielen Hürden haben wir noch einmal die Bestätigung gefunden für die Dinge, die wir vorher schon wussten. Es gibt immer eine Lösung. Die Mongolei hat uns beiden eine ganz große Portion Selbstbewusstsein geschenkt, weil wir gemerkt haben, was wir gemeinsam schaffen können und wie stark auch jeder einzeln sein kann. Hätte mir vorher jemand erzählt, dass Felix krank werden und ich das Gepäck so weit alleine tragen würde, hätte ich das nicht für möglich gehalten. Diese Situation hat mir gezeigt, dass man in der Lage ist, sehr viel mehr zu schaffen als man denkt.

Felix Consolati: Die Mongolei hat mir auch gezeigt, was es heißt, wenn es absolut still ist. Wie es ist, wenn nichts passiert. Für mich gibt es nichts Tolleres als Orte, an denen es absolut still ist. Deswegen liebe ich Wüsten und abgelegene Bergregionen auch so sehr.

Janna Olson: Welche Veränderungen habt ihr speziell während des Laufens in der Leere für euch wahrgenommen?

Felix Consolati: Wir sind ruhiger geworden mit der Zeit. Die ersten Tage waren unsere Gedanken überall. So wie jetzt, wir hören immer überall mit, das Handybimmeln im Hintergrund am Nachbartisch. Nach ein paar Tagen fällt das Außen immer mehr weg und du kommst weiter zu dir. Alle Probleme, über die man vorher nachgedacht hat, relativieren sich. All die Grenzen, die wir uns selbst setzen und die unseren persönlichen Freiraum einschränken, werden durchsichtiger und verblassen langsam. Das klingt vielleicht etwas philosophisch, aber so ist es wirklich. Dein Kopf klingelt nicht mehr ständig. Ich finde du kannst diesem Kopfklingeln in der Stadt und im Alltag nicht entfliehen. Ich bewundere Menschen, die es schaffen, in solch einer lauten und stressigen Umgebung wie ein Buddha dazusitzen. Für mich ist es unglaublich schwierig in einer solchen Gesellschaft dem Außen zu entfliehen und sich aufs Innen zu besinnen. Es gibt so viel Chaos im Kopf durch diese vielen Einflüsse von allen Seiten. Manchmal liege ich abends da und kann nicht einschlafen, weil ich an diesen ganzen Stress denke. Wie oft wir uns dabei ertappen, über unsere Leben zu reden, zu philosophieren und Wege zu suchen, und wie selten wir einfach mal dasitzen und nichts tun.

Franziska Consolati: Ich glaube, dass man sagen kann, je mehr Abstand du zu der Zivilisation und den zugehörigen Problemen schaffst, desto größer wird auch der Abstand in deinem Kopf dazu. Wenn du länger läufst, bist du irgendwann so weit weg davon, dass es einfach keine Rolle mehr spielt. Gleichzeitig bist du dann so nah bei dir selbst, dass du merkst, was eigentlich wirklich wesentlich ist. 

Nach ein paar Tagen Laufen hat es sich wie selbstverständlich angefühlt, dass man in der Natur ist und umgeben von nichts als dieser Weite.

Janna Olson: Welche Erfahrungen habt ihr durch die Reise für euch als Paar gemacht?

Franziska Consolati: Wir haben gelernt, dass wir gut gemeinsam funktionieren. 

Felix: Ja, nach so einer Reise trennst du dich, oder du bist so nah zusammen wie noch nie. Man ist so sehr angewiesen auf den anderen und entweder funktioniert es, oder nicht.

Janna Olson: Franziska, welche Intention hattest du, als du entschieden hast ein Buch über eure Reise zu schreiben?

Franziska Consolati: Es war nie geplant ein Buch zu schreiben und ich hätte es mir während der Reise ehrlich gesagt auch nicht vorstellen können. Aber hinterher gab es die meisten neugierigen Fragen zu unserer Reise in der Mongolei, obwohl wir eine ganze Weltreise gemacht hatten. Nachdem ich meinen ersten Autorenwettbewerb von „The Travel Episodes“ gewonnen hatte, mit einem Text über die Mongolei (www.travelepisodes.com/reise/wandern-mongolei/), bekam ich zum ersten Mal Nachrichten von Lesern. Ich habe gemerkt, wie groß das Interesse an diesem Land und diesem Abenteuer ist.
Mit dem Buch, möchte ich gerne Mut machen. Ich möchte zeigen, dass es möglich ist, seine Ziele zu erreichen, auch ohne zehn Sponsoren im Hintergrund und ohne zehn Jahre trainiert zu haben. Und auch, wenn die eigenen Träume für andere völlig absurd unerreichbar erscheinen. Macht es trotzdem.

Über Franziska und Felix Consolati

Franziska Consolati, ehemals Bär, ist Autorin, ausgebildete Redakteurin und Journalistin. Außerdem arbeitet sie als Pressesprecherin einer Umweltorganisation. 

Felix Consolati ist Abenteurer, Filmemacher und Seminarleiter.

Falls ihr neugierig geworden seid: Auf ihrem Reiseblog https://ins-nirgendwo-bitte.de/ erzählen sie von ihren vielen kleinen und großen Abenteuern. Zum Beispiel von dem Ausbau und den Ausflügen mit ihrem Bulli „Willi“, von ihrer Fahrradtour durch Island und davon, wie es ist in Aserbaidschan zu zelten. 

Instagram & Facebook: insnirgendwo.bitte 

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