Über das Glück als Familie im Camper zu reisen – Antworten von Tina Jacobsen

Tina Jacobsen
© Tina Jacobsen

13 Quadratmeter, 28.000 Kilometer und 12 Monate Zeit: In diesem Interview erzählt Tina Jacobsen von ihrer einjährigen Reise mit ihrer Familie via Camper durch Europa und Nordafrika.

Weltwach (Janna): Tina, schön, dass es mit unserem Interview klappt! Ich würde gerne einsteigen, mit einem Zitat aus deinem kürzlich erschienen Buch “OUR LIFE IS BETTER OUTSIDE – Über das Glück als Familie im Camper zu reisen” (Notiz-Verlag), das aus der Zeit vor eurer Reise stammt, über die wir heute sprechen möchten:

“Wir waren erschöpft. Am besten wäre es gewesen mal kurz auf Pause zu drücken. Aber das ging leider nicht.” (Hamburg, 2019)

Warum erging es dir und deiner Familie damals so? Warum wolltet ihr auf “Pause” drücken?

Tina: Zu diesem Zeitpunkt haben Arne und ich mit unseren zwei Söhnen mitten in Hamburg Altona gewohnt. Wir haben beide gearbeitet, die Kinder waren zu der Zeit fünf und zwei Jahre alt und waren beide in der gleichen Betreuungseinrichtung, in der sie sich auch sehr wohl fühlten. Mit unserem Alltag in Hamburg waren wir eigentlich alle total zufrieden. Allerdings haben wir uns auch immer wieder die Frage gestellt, wie und wo wir denn eigentlich langfristig leben wollen. Und auch wenn wir Hamburg wirklich sehr lieben, war für Arne und mich eigentlich schon klar, dass wir nicht für immer in der Stadt wohnen wollten. Allein wegen der hohen Kosten. Wir hatten eine tolle Wohnung, aber auch eine saftige Miete und sahen keine realistischen Optionen daran etwas zu ändern.

Aber wie es eben so ist, berufstätig mit zwei kleinen Kindern in der Großstadt – zu einer Entscheidung sind wir nicht wirklich gekommen. Dafür hat uns letztendlich immer die Zeit gefehlt.

Von einer langen Reise mit dem Camper durch Europa haben wir eigentlich schon immer geträumt. Zunächst in der ersten Elternzeit, dann wieder nach der Geburt unseres zweiten Sohns. Aber irgendwas war immer, warum es doch nicht gepasst hat, loszufahren.

Ein Schicksalsschlag in der Familie hat uns damals dann ziemlich unsanft auf den Boden der Tatsachen geholt. Wir haben gemerkt, wie kostbar die Zeit ist und dass wir eine Entscheidung für uns und unsere Kinder treffen müssen.

Also kam die Idee mit der Reise wieder auf. Irgendwie hat sich der Gedanke plötzlich richtig angefühlt und wir haben es geschafft, jedes „aber“ aus dem Weg zu räumen.

Als Familie habt ihr dann einen großen Entschluss gefasst … Wie sah dieser Entschluss aus?

Der Plan stand ziemlich schnell fest: Wir wollten gerne mindestens 12 Monate mit dem Camper durch Europa reisen. Arne war zu der Zeit beruflich ziemlich eingespannt und arbeitete wahnsinnig viel. Eine Auszeit war für ihn also eine krasse Vorstellung.

Als wir angefangen haben, von unseren Plänen zu erzählen, haben viele gesagt, wie mutig sie das finden würden. Ich weiß gar nicht, ob das wirklich so viel mit Mut zu tun hat. Ich glaube, es geht eher darum, den richtigen Moment zu erwischen und eine Entscheidung zu treffen.

Wir haben uns von Anfang an gut gefühlt mit der Entscheidung. Wir wussten, wir wollen die Zeit für uns nutzen, um herauszufinden, was wir als Familie eigentlich wollen und was uns wichtig ist. Fernab von der Stadt und den ganzen Verpflichtungen um uns herum.

Was nach der Reise kommen sollte, haben wir versucht, uns so gut wie möglich offen zu halten. Arne hat seinen Job in Hamburg nicht aufgegeben, sondern nur für ein Jahr Elternzeit genommen – komplett frei waren wir also nicht. Es war gut, das als Sicherheit zu haben, aber wir wollten trotzdem gerne abwarten und schauen, was das Reisen mit uns macht.

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“Von 110 auf 13 Quadratmeter innerhalb von 3 Monaten”

Wie habt ihr euch auf diesen großen Schritt vorbereitet?

Wir haben den Entschluss für die Reise ganz final im Dezember gefällt und sind Anfang April losgefahren. So wahnsinnig viel Zeit hatten wir also gar nicht für die Vorbereitung. Wir haben beide in den drei Monaten auch noch sehr viel gearbeitet und uns eher nebenbei um die Reisevorbereitungen gekümmert. Arne hat sich um alles rund ums Auto gekümmert; Solar auf dem Dach verlegt, einen W-Lan-Router eingebaut und sich verschiedene Sachen einfallen lassen, um den Stauraum im Auto möglichst effektiv zu nutzen.

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“Manchmal muss man etwas Schönes zurücklassen, um neuen Dingen Platz zu geben.” (Tina Jacobsen)

Wie schwer ist es euch gefallen euch zu minimieren? Und wie sind die Kinder damit umgegangen, viele ihrer Spielsachen zurücklassen zu müssen?

Wir haben entschieden, die Wohnung aufzugeben und ich habe mich um die Wohnungsauflösung gekümmert. Das meiste haben wir verkauft und wirklich nur die Sachen behalten, an denen wir sehr hängen. Das Minimieren war gar nicht so schwierig, wie ich gedacht hätte – eigentlich hat es sogar Spaß gemacht und uns auch weiter darin bestärkt, dass unser Plan eine gute Idee ist.

Wir haben das große Glück, dass die Kinder unseren Camper über alles lieben. Daher ist es ihnen auch nicht so schwergefallen, sich auf diesen Umzug einzulassen. Wir haben eine große Kiste in ihr Zimmer gestellt und abgemacht: Alles was da reinpasst, kann mit! Das hat überraschend gut funktioniert! So hatten die Jungs die Sachen dabei, die ihnen wichtig waren und damit waren sie  dann auch unterwegs happy.

Neben den ganzen Vorbereitungen haben wir noch über eine mögliche Route gesprochen, aber auch da war es uns wichtig, nicht zu viel zu planen. Es war klar, dass wir in den Süden wollen, möglichst viel Zeit am Wasser verbringen möchten und insgeheim war Portugal schon auch unser Ziel.

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Wir wollten schon immer mal mit dem Camper nach Portugal! Von Hamburg aus mit nur zwei oder drei Wochen Urlaubszeit ist Portugal als Ziel aber einfach echt weit entfernt und daher haben wir dieses Vorhaben immer wieder aufgeschoben. Neben dem Traum von einer Reise nach Portugal hatte ich die romantische Vorstellung von einem Frühling in der Toskana – also war Italien unser erstes Ziel. Von dort sollte es dann grob über Frankreich nach Spanien und Portugal gehen. Ein weiterer Wunsch war die Weiterreise nach Marokko. Ob und wann wir dorthin fahren würden, haben wir uns komplett offen gelassen. Wir hatten schon Lust darauf, aber noch keine Vorstellung, ob es letztendlich passen würde – oder nicht.

Und dann ging es los. Wie habt ihr den Tag des Aufbruchs erlebt?

Wir sind wie geplant am 01. April losgefahren und waren super happy. Die Wochen der Vorbereitung waren natürlich auch echt anstrengend gewesen und als wir dann endlich im Auto saßen und alles, was wir gerne mitnehmen wollten, einen Platz gefunden hatte, war das ein krasses Gefühl.

Zu wissen, was jetzt mit diesem Aufbruch vor uns liegt und auf der anderen Seite keinen Plan zu haben, was in den nächsten Wochen passieren wird und wo es uns hinverschlägt, war echt aufregend.

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Wie habt ihr das Lebensgefühl “on the road”, das Unterwegssein, erlebt?

Die ersten Wochen haben sich angefühlt wie ein langer Urlaub. Zwischendurch überkam uns dann immer mal ein plötzliches Glücksgefühl: Wir haben es echt gemacht, wir sind unterwegs – und nicht nur für ein paar Wochen, sondern für ein ganzes Jahr!

Im Nachhinein würde ich sagen, wir sind schneller in unserem neuen Alltag angekommen als gedacht. Wir haben zwar ständig die Umgebung gewechselt, immer neue Stellplätze gehabt und neue Menschen kennengelernt, aber trotzdem hat sich in unserer kleinen Blase relativ schnell ein Alltag etabliert. Nur sah der eben komplett anders aus als unser Alltag zu Hause.

Ich hätte ja gedacht, dass die größte Herausforderung für uns der Umgang mit dem geringen Platz in unserem Camper sein würde – aber die Umstellung war für uns alle gar nicht so schwer. An unsere neu gewonnene Freiheit dagegen mussten wir uns erst mal gewöhnen – obwohl das ja genau das war, was wir uns gewünscht hatten.

Wir sind mit der Zeit viel bewusster im Umgang miteinander geworden. Wir haben uns mehr Zeit genommen, Dinge als Familie zu besprechen und gemeinsam Regeln und Strukturen festzulegen. Genau wie zu Hause gab es mal bessere und mal schlechtere Tage, was die allgemeine Familienharmonie anging. Alles in allem haben wir das aber total gut hinbekommen und selbst die wenigen Regentage, die wir unterwegs hatten, haben wir gut zusammen auf 13 qm gemeistert.

Mit dem Unterwegssein geht auch einher, dass man sich immer wieder von neuen Bekanntschaften und liebgewonnenen Orten verabschieden muss. Und gleichzeitig jede Menge Eindrücke sammelt, die erst einmal verarbeitet werden wollen… Das kann bekanntermaßen auch mal anstrengend werden. Wie habt ihr das für euch wahrgenommen? Wie seid ihr – und vor allem auch die Kinder – mit dem ständigen Unterwegssein klargekommen?

Ich glaube, für die Kinder war es am Anfang schon manchmal schwer, die ganzen Eindrücke zu verarbeiten. Vor allem für Anton, der zwei Jahre alt war, als wir losgefahren sind. Wir haben nie lange auf einem Platz gestanden, maximal 3-4 Tage und dann ging es schon wieder los. Das heißt, sobald die Kinder wahrgenommen hatten, wo wir sind und wie die Umgebung aussieht, ging es schon wieder weiter. Eine große Hilfe war da natürlich der Camper – das war unsere Basis, unser Zuhause und auch für die Kinder ein guter Rückzugsort. Auch wenn sich alles um uns herum schnell veränderte, die Base war die ganze Zeit die gleiche.

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6 Länder, 124 Spots und fast 28 000 Kilometer… Ihr seid ganz schön herumgekommen! Wie sah letztendlich eure Route aus?

Wir sind wie geplant über Südtirol zuerst nach Italien gefahren und blieben dort ungefähr einen Monat. Von dort ging es dann einmal quer durch Frankreich, mit vielen Stopps im Inland, bis an die Atlantikküste. Und dann haben wir es nicht mehr so richtig geschafft, vom Meer loszukommen und sind die spanische Nord- und Westküste entlang gefahren bis nach Portugal.

Als wir im Herbst gemerkt haben, dass die Zeit reicht und wir alle noch Lust auf ein kleines Abenteuer haben, ist der finale Plan entstanden, die Wintermonate in Marokko zu verbringen.

Von Spanien aus ging es dann also mit der Fähre Anfang Dezember nach Afrika und von da knapp 2.000 km in den Süden – in die Westsahara. In Tarifa haben wir ein paar nette Leute kennengelernt, die alle vorhatten, Weihnachten in Dakhla zu verbringen. Da Arne auch super gerne kitet, die Bedingungen dafür dort oft perfekt sind und wir das ohnehin angedacht hatten, haben wir also entschieden, weit in den Süden zu fahren und dort auch mal für längere Zeit an einem Platz zu stehen. Insgesamt waren wir vier Wochen in der Westsahara, haben dort die Feiertage verbracht und bei 26 Grad am Heiligabend Geschenke ausgepackt. Das war ein komplett anderes Weihnachtsfest für uns, als wir es gewohnt waren, aber genau so war es perfekt!

Was habt ihr durch diese Reise für euch gelernt?

Wir haben die Zeit zu viert so sehr genossen und die Kinder haben sich unheimlich gut entwickelt. Den ganzen Tag an der frischen Luft und in der Natur sein zu können, war für die beiden ein riesiges Geschenk und das hat man ihnen auch schnell angemerkt. Die Zeit unterwegs hat es uns ermöglicht, mit ein bisschen Abstand und freiem Kopf auf das zu schauen, was wir haben und was uns wirklich wichtig ist. Die wohl bedeutendste Erkenntnis, die wir aus der Zeit mitgenommen haben, ist, dass wir vier als Familie gut zusammen funktionieren.

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Wir können auf engem Raum und rund um die Uhr beisammen sein und fühlen uns wohl und sicher, wenn wir uns gegenseitig um uns haben. Tatsächlich sind wir vier uns an vielen Stellen auch genug – das ist, finde ich, eine sehr schöne Erkenntnis. Wenn wir also auf unsere Bedürfnisse und Wünsche achten, dann brauchen wir gar nicht viel mehr, um als Familie glücklich zu sein.

Die Kinder sind durch diese intensive Zeit auch noch enger miteinander geworden. Klar gab es auch mal Streit, den hätte es in Hamburg aber genauso gegeben. Die beiden haben gemerkt, dass es gut ist, dass sie sich gegenseitig haben. Auch wenn wir immer andere Kinder und Familien unterwegs getroffen haben, waren die beiden ein ganz schönes Team – und sind das auch heute noch.

Den Entschluss, diese Reise zu machen, haben wir nie bereut. Ganz im Gegenteil! Jetzt im Nachhinein betrachtet, denke ich, war es das Beste, was wir machen konnten.

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Wie ging es euch nach einem Jahr auf Tour? Wäret ihr gern noch weitergefahren – oder gab es auch den Wunsch irgendwo anzukommen?

Im Nachhinein betrachtet ging die Zeit natürlich viel zu schnell um. Heimweh hatten wir tatsächlich nie und auch nie den Gedanken, dass wir das Ganze besser abbrechen sollten. Wir sind aufgrund der Corona-Pandemie am Ende unserer Reise drei Wochen früher zurückgefahren als geplant. Da haben uns viele Nachrichten erreicht, wie schade es sei, dass unsere Reise nun so enden müsse. Das stimmt natürlich, aber ich war andersrum wahnsinnig dankbar dafür, dass wir elf Monate so frei reisen konnten. 

Wir haben so viel erlebt, so viel gesehen und so viele tolle Menschen unterwegs kennengelernt – ein richtiges Highlight zu benennen ist da echt schwierig. Und wir haben viel über uns gelernt. Jeder einzeln für sich, aber eben auch als Familie und als Paar. Ich glaube, Arne und mir war superschnell klar, dass wir die neu gewonnene Zeit, die wir plötzlich zusammen hatten, auf keinen Fall wieder kampflos aufgeben wollen.

Ihr seid aufgebrochen zu einer Reise, auf der ihr gemeinsam herausfinden wolltet, wo euer Platz sein kann und wie ihr ihn füllen möchtet. Habt ihr diesen Platz nun gefunden?

Ja, ich glaube wir haben diesen Platz für uns gefunden – zumindest für jetzt gerade fühlt es sich absolut richtig an. Wir sind im März nach Deutschland zurückgekommen und Emil wurde im selben Jahr im September schulpflichtig. Uns war also klar, dass wir relativ schnell eine Entscheidung treffen müssen. Die Pandemie hat das Ganze dann natürlich auch noch beeinflusst, und auf einmal hatten Arne und ich die Möglichkeit, ortsungebunden arbeiten zu können. Die Vorstellung, dass Emil auf eine Schule in Hamburg kommt, mit Hunderten von anderen Kindern und die meiste Zeit in einem vollen Klassenzimmer verbringen wird, fand ich schrecklich. Während unserer Reise hatten wir uns total in die Algarve in Portugal verliebt und eine besonders lange und intensive Zeit dort verbracht. Außerdem hatten wir vor Ort bereits eine tolle alternative Schule kennengelernt und mit der Zusage für den Schulplatz war die Entscheidung dann endgültig klar:

Nach nur fünf Monaten in Deutschland packten wir wieder unsere Sachen und fuhren erneut los:  in Richtung unseres neuen Zuhauses – nach Portugal!

Ob das der Platz ist, an dem wir für immer bleiben werden, weiß ich nicht, aber gerade passt es einfach richtig gut. Wir fühlen uns in Portugal sehr wohl und haben das Gefühl, dass wir hier unseren Alltag, unsere Arbeit und das Familienleben sehr gut miteinander vereinbaren können.

Liebe Tina, herzlichen Dank, dass du uns einen Einblick in euer Leben als Familie “on the road” geschenkt hast! Wer mehr über “das Glück als Familie im Camper zu reisen” erfahren möchte, dem sei Tinas Buch “OUR LIFE IS BETTER OUTSIDE” ans Herz gelegt, das mit vielen Tipps und Tricks zum Reisen mit dem Camper durch Europa und Nordafrika inkl. einiger der schönsten Stellplätze und Fernweh erweckenden Bildern aufwartet.

Mehr Informationen

OUR LIFE IS BETTER OUTSIDE – Familien und Reiseblog

       

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