Abenteuer Wentorf – Ein kleiner Apokalypse-Trip

© Tim Oettel

Von Tim Oettel.

„Abenteuer!“, schreie ich in mein Telefon, während ich durch den Garten laufe. Leon meldet sich aus der Stille am anderen Ende der Strippe: „Woran hast du denn gedacht?“ Ich brauche erst einmal einen Moment, der Plan ist noch jung und ich will mir so überstürzt nichts aufhalsen, was ich später bereue. Egal, das Wetter ist gut und Corona macht jeder Ausrede den Garaus.

Die Abenteueridee ist wahrscheinlich das Ergebnis vieler Paddel- und Floßtouren durch die hiesige Seenlandschaft. Denn die Gegend hier hat viele schöne Blicke zu bieten und inspiriert mich immer wieder. Dann sehe ich eine Szenerie oder ein Bild, aus dem ein Funke springt und die Idee entzündet. Ein schneller Anruf bei Leon und der Abenteuerplan steht – meistens auf sicheren Beinen … 

Gegen sechzehn Uhr sind wir an der Brücke über dem Wentorf-Graben verabredet. Ich bin noch damit beschäftigt alles in meinem Kajak zu verstauen, als ich merke, dass mir die Zeit davonrennt und ich immer noch zuhause bin. Mit dem Kajak breche ich auf. Leon trödelt zum Glück auch und so kommt es, dass ich als Erster am Treffpunkt bin. Ich lege bei einer Brücke an und warte auf ihn. Für gewöhnlich kommt er mit dem Rad. Ich stehe also wie ein menschlicher Blitzer in der Mitte der Brücke und blicke in die Richtung, in der ich Leon vermute. Einige Autos fahren hupend vorüber. 

Endlich kommt er die Straße entlang. 

Der Schlüssel zu einer guten Nacht an der frischen Luft liegt als allererstes darin, die richtige Jahreszeit zu wählen. Da wir neuerdings coronabedingt sehr viel Freizeit haben, begannen wir die Camping -Saison dieses Jahr schon sehr früh. Junge Hunde brauchen schließlich Auslauf! Also planten wir eine Übernachtung an einem kleinen Waldsee . Es sollte nichts Großes werden, nur ein Feuerchen, gefüllte Paprika von Leons Mutter (für mich sogar vegan!) und selbstgebackenes Brot von meiner Mutter. 

© Tim Oettel

Leon, der alte Profi, hat seine Hängematte eingepackt, während ich mit dem kargen Waldboden Vorlieb nehmen musste. „Respekt! Wenn die Wildschweine kommen, bin ich ehrlich gesagt ganz happy ein Stückchen weiter oben zu liegen“, ertönt es aus der Hängematte, die zwei Meter über mir baumelt. Anstelle eines Wildschweins, soll ich in dieser Nacht Besuch von einem kleineren Störfaktor auf vier Beinen bekommen. Leise Schritte nähern sich meinem Kopfkissen aus der Dunkelheit. Ich warte ab, bis ich meinen Besucher auf zwei Meter Entfernung schätze , dann reiße ich den Kopf hoch und starre angestrengt ins Leere. Natürlich ist es zu dunkel, um etwas sehen zu können. Ich vergrabe meinen Kopf wieder im Schlafsack. Wer bei Temperaturen um den Gefrierpunkt schon draußen geschlafen hat, weiß, dass man mit seiner Wärme haushalten muss, damit es nicht unangenehm wird. Mit einem Ohr richte ich meine Aufmerksamkeit nach draußen. Wenig später höre ich wieder ein sich mir näherndes Geräusch. Diesmal lasse ich meinen Besucher noch näher an mich herankommen. Bei einem vermuteten Abstand von ungefähr einem Meter schnelle ich in die Höhe und bin zu allem bereit. Aber ich erkenne wieder nichts. Ich inspiziere den Waldboden und nehme einen Ton wahr: „Üühh.“ Als ich erkenne, was mich da erschrocken hat, entspannen sich meine Muskeln wieder. Ich beuge mich zu dem Stimmungskiller herunter. Es ist eine Kröte. Ich muss lachen und rufe Leon eine Entwarnung zu. Im Laufe der Nacht findet die Kröte Gefallen an meinem provisorischen Kopfkissen aus einem gefalteten Handtuch und macht es sich dort auch gemütlich. So lange sie sich nicht vom Fleck bewegt, sehe ich keinen Grund meine Arme aus dem warmen Schlafsack zu strecken und womöglich noch kostbare Wärme zu verschwenden, um sie zu entfernen. Meinetwegen können wir ohne Weiteres koexistieren. Doch dann vernehme ich wieder Geräusche aus der Dunkelheit und dann eine Art “Kratzen” am Handtuch. Als ich aufsehe, hält das Krötenweibchen auf dem Weg zu ihrem Artgenossen erschrocken inne.  “Mir ist das alles jetzt egal”, denke ich. “Ich muss jetzt schlafen, bevor es zu kalt wird, denn sonst kann ich den nächsten Tag vergessen.” Kaum, dass ich mich in Embryonalstellung gebracht habe, ertönt ein liebliches Duett von meinem Kissen: „Üh-…Üh-„. “Nicht gerade ein Schlaflied”, denke ich noch, bevor ich schließlich doch einschlafe. Als die Enten um 3.45 Uhr beginnen ihre Konkurrenzkämpfe auszutragen, ist die kalte Nacht beendet. 

Ein anderer Tag, eine andere Tour. Leon hat sein Fahrrad unter der Wentorf-Brücke versteckt und wir laufen das Ufer  auf der Suche nach dem perfekten Schlafplatz ab. „Genau das habe ich heute gebraucht“, sagt er vorfreudig. Er hatte wohl einen schlechten Tag – auch, weil seine neue Jeans eine der wenigen war, die ihm bei der Flucht aus Dresden hierher in unser Corona-Exil geblieben war. Jetzt hatte sie einen Kettenöl-Fleck. Ich kenne dieses Problem. Trotzdem kann ich es mir nicht verkneifen, ihm noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, dass sein Dresscode bisher ziemlich selten adäquat ausgefallen sei. Bei einer stürmischen November-Paddeltour trug er ein Hemd und eine Jeans. Er saß ganz vorn im voll beladenen Kanu, der Wind peitschte uns die Gischt von den Wellen direkt ins Gesicht und wir hatten Mühe nicht zu kentern. Aber wenigstens war die Galionsfigur Leon fein angezogen.

Die Sonne steht noch hoch genug, sodass uns gut drei bis vier Stunden zum Sonnenuntergang bleiben, um für diese Nacht einen besseren Schlafplatz zu finden. Dieses Mal habe auch ich meine Hängematte mit Moskitonetz und Isomatte dabei. Wir halten Ausschau nach einer geeigneten Stelle, wo wir unsere Hängematten über dem Kanal positionieren können. Ich könnte dann die Füße baumeln lassen in ausreichender Höhe, damit die Stand-Up-Paddler mich nicht erwischen würden. Schließlich finden wir die perfekte Stelle für unser Vorhaben. Ein kleiner Strand bietet Platz für unser Kajak. Außerdem lehnt dort ein umgestürzter Baum an einem Baum des gegenüberliegenden Ufers. “Dort ließe sich meine Hängematte gut befestigen”, denke ich. Während ich mir Gedanken über die genaue Konstruktion meines auserkorenen Schlafplatzes mache, durchkämmt Leon penibel das Ufer nach Bäumen, die im richtigen Abstand und in der richtigen Ausrichtung stehen, damit er sowohl den Sonnenuntergang als auch den Sonnenaufgang aus seinem Himmelbett würde sehen können. Da der umgestürzte Baum keine Äste im unteren Bereich hat, muss ich auf eine weniger elegante Klettertechnik ausweichen. Zum Glück ist die Rinde der Erle relativ scharfkantig, sodass ich mich gut festhalten kann. Den Baum umarmend klettere ich bis in die Baumspitze. Oben angekommen, umklammere ich den Baum mit den Beinen und verschränke die Füße so, dass  ich die Hände frei habe, um das Seil der Hängematte zu befestigen. 

Jetzt ist Leon am Zug. Er soll das andere Seilende mit dem Kajak auf die andere Seite des Grabens fahren. Voller Tatendrang paddelt er los. Ich steige aus der Baumkrone herab und renne bis zu einer nahegelegenen Brücke, um die Uferseite zu wechseln und das Seil in Empfang zu nehmen. Als die ganze Konstruktion einige Zeit später provisorisch angebracht ist, überprüfe ich noch die Knoten. Damit man es am nächsten Tag leichter hat beim Abbau, empfiehlt es sich schlaufenförmige Knoten zu machen, die sich unter Zug von selbst lösen. Diese Schlaufen blockiert man mit einem fingerdicken Stock, den man später einfach rausziehen oder zertreten kann, damit der Knoten platzt. Wer schon einmal eine Hängematte in größerer Höhe aufgehängt hat, weiß, wieviel Vertrauen man in seine Knoten haben muss. Daher müssen diese auch noch einmal gründlich überprüft werden – gerade bei einem Höhen-Experiment wie diesem. Obwohl unter mir der Fluss liegt, welcher an dieser Stelle schätzungsweise eine Tiefe bis zwei Meter erreicht, fühle ich mich in vier Metern Höhe nicht gerade wohl, als ich mich erstmals am gespannten Seil zur Hängematte hangeln will. Ich gehe den Bauplan im Kopf noch einmal durch und versuche mich an die Knoten zu erinnern, die ich eigentlich nur provisorisch gemacht hatte. “Den Teil, an dem unsere Berechnungen versagen, nennen wir Zufall”, hat schon Einstein gesagt. Ich lasse mich auf dieses Experiment ein. Meine Konstruktion hält und die provisorischen Knoten tragen mich.

© Tim Oettel

Leon bekommt gar nicht mit, dass ich schon am Seil hänge. Er erzählt mir irgendetwas, während er hinter einem Baum seine eigenen Knäuel knotet. Als ich in der Mitte der Hochseilkonstruktion angekommen bin, guckt er hoch und bricht in staunendes Gelächter aus. Der Anblick von mir auf dem Hochseil scheint ihn zu belustigen. Als er auch seinen optimalen Platz gefunden hat – rebellisch wie er ist genau über dem Weg – kommen ein paar Angler zu uns an den Fluss. „Äh, wir wollten hier eigentlich angeln“, sagt einer von ihnen. “Eleganter Gesprächseinstieg”, denke ich. Nachdem sie mich in meiner Hängematte gemustert haben, breiten sie ein paar Meter weiter ihr Zeug aus. In der Erwartung, die Jungs noch die ganze Nacht neben uns zu haben, frage ich, worauf sie denn aus seien. “Aal”, sagt einer und betont, wir mögen bitte leise sein, damit wir die Fische nicht verscheuchen würden. Wir scherzen, dass sie noch was viel Größeres an Land ziehen können, sollte ich durch einen Gleichgewichtsverlust ´die Fische verscheuchen´. Alle lachen – wenngleich die Angler nur einen kurzen Moment der Freude mit uns teilen. Immer wieder kommen Leute vorbei und schauen sich unsere Schlafsituationen an. Dann schmunzeln sie und unterhalten sich mit uns. “Wir haben hier definitiv eine bessere PR als die Angler”, denke ich. Zum Sonnenuntergang gehen wir zu der Mündung, wo der Kanal aus der Kühle des dichten Waldes in den weiten See fließt. Die freie Fläche eröffnet uns den Blick auf ein Wolkenpanorama, wie das eines kitschigen Gemäldes. Wir setzen uns ans Ufer und sind still, saugen die Atmosphäre auf. Die Dämmerung taucht den Wald hinter uns in ein schwaches, orangenes Licht, und ich richte eine Frage an Leon, die mir in solch atemberaubenden Situationen immer wieder in den Kopf schießt und meist unbeantwortet bleibt: „Ist das Leben nicht schön?“

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Der Mond ist noch nicht aufgegangen und der Wald liegt schwarz und groß vor uns. Wir laufen über die Landstraße, die zwischen den großen Bäumen mäandriert und grüßen einen einsamen Radfahrer, der uns erst im letzten Moment bemerkt. Wir beschließen uns noch die großen Villen weiter oben auf dem Berg anzuschauen. Ein typisches Fernsehturm-Phänomen: Ich lebe schon ewig hier und war noch nie dort oben. Wenn ich so durch die Nacht laufe, fühle ich mich komischerweise immer besonders leicht. Vielleicht, weil weniger Informationen auf mich einströmen. Wir kommen im Villenviertel an, bleiben wie bei einer Vernissage, vor jedem Grundstück stehen und diskutieren die Architektur. Vom Wendekreis in der Einfahrt über wasserumspielte Gehwege, bis hin zur voll verglasten Fassade mit Blick über den ganzen See, ist alles dabei und wir schwelgen in gedanklicher Dekadenz. Wir fällen die Entscheidung, noch weiter bis zur großen Baumgartenbrücke zu gehen. Wenig später stehen wir in der Mitte des Betonriesen, als zwei Polizeiautos an uns vorbeirasen. Dann ist es wieder still. Ein orangeroter Streifen zieht sich zu unserer Rechten am Horizont entlang, während am dunkelblauen Firmament die Venus, als Vorreiter aller Sterne des Nachthimmels, Licht ins Dunkel bringt. An dieser Stelle waren wir schon einmal. Das letzte Mal, als wir hier standen, kamen wir gerade von einer Probetour mit den Rädern aus Rathenow zurück. Wir wollten sehen, ob wir es schaffen zweihundert Kilometer am Tag mit dem Rad zu fahren Denn das hatten wir uns im Rahmen einer geplanten Tour nach Amsterdam vorgenommen. Völlig am Ende und durchgefroren vom immerwährenden Gegenwind, standen wir damals vor der Entscheidung, die mir Leon darlegte: “Wir haben jetzt 197 km geschafft. Links abzubiegen würde bedeuten: über die Brücke zu fahren und in fünfzehn Minuten Zuhause zu sein. Rechts abzubiegen würde bedeuten: Durch drei weitere Orte fahren und damit die drei noch fehlenden Kilometer zu fahren, um die zweihundert Kilometer vollzumachen.” Eine Entscheidung, die uns in diesem Zustand wirklich nicht leicht fiel. Wir gaben uns einen Ruck, fuhren rechts und machten die Zahl rund. 

„Wenn wir hart drauf wären, würde ich vorschlagen, wir laufen jetzt einmal um den See“, witzelt Leon. Ich willige ein, und wir gehen los. Die Magie des Ortes reißt uns mit. Zeit ist schließlich genug, unser Kajak und unsere Ausrüstung wissen wir bei den Anglern in guten Händen. Nach einigen hundert Metern stehen wir vor einem merkwürdigen Apparat. Der Land-O-Mat leuchtet in seinem Holzverhau neben der Straße und zieht uns an. Wie ein Getränkeautomat ist er aufgebaut, surrt leise vor sich hin und ist bis zum Rand mit Imkereiprodukten aufgefüllt. Von getrocknetem Pollengranulat über Propolis, Gelee Royal, Bienenwachskerzen bis hin zur Honigseife ist alles zu haben. Leon ist angetan und beginnt zu rechnen. Dann zieht er dramatisch einen Geldschein hervor und fragt mich, welchen Honig ich gerne haben würde. Überrascht bestelle ich ein Glas stark kristallisierten Rapshonig, während Leon sich ein Glas Blütenhonig zuschieben lässt. Wenig später laufen wir durch die Dunkelheit, mit angeschnitzten Robinienzweigen den Honig löffelnd. 

An einem großen unbestellten Feld lassen wir den Blick über den ungewöhnlich klaren Sternenhimmel schweifen. Ich erinnere mich, dass der Schulterstern Beteigeuze bald erlöschen soll, wie einige Astronomen vermuten. Wir diskutieren im Rahmen unserer Kompetenzen über Astrophysik und Sternenbilder, löffeln Honig, der nie besser schmeckte als genau hier und  jetzt. Nach einer Weile erreichen wir den nächsten Ort. Alle Parks sind abgesperrt, also wir müssen den unschönen Weg nehmen, welchen wir in der Dunkelheit zunächst kurz suchen müssen. Im nächsten Ort setzen wir uns ans Wasser. Hinter dem See zeichnet sich die dunkle Silhouette einer Hügelkette ab, auf der sich ein ovales Gebäude erhebt, das rostrot erscheint und von starkem Licht bestrahlt wird. Ich wundere mich über den seltsamen Bau und wir diskutieren die merkwürdige Erscheinung, bis wir darauf kommen, dass es der Mond ist, der sich uns da ganz langsam offenbart. Ein roter Supermond erhebt sich vor unseren Augen und zieht in seinen Bann. Wir sitzen und staunen und strahlen vor Begeisterung. Wieder entfleucht mir meine fast überstrapazierte Aussage, wie schön das Leben doch sein könne. 

Wir müssen weiter. Das Vertrauen in die Angler an unserem Schlafplatz ist ein leichtes Misstrauen gewichen und so beschleunigen wir unbewusst. Die anstehenden 1,5 Kilometer Rückweg vergehen wie im Flug, während wir uns über Träume und Esoterik unterhalten. Außerdem geht es darum, wie viele Kilometer wir in der Stunde schaffen und um welche Zeit wir uns verbessert oder verschlechtert haben – der alte Sportlergeist ist unsterblich. Am Ende der Runde sehen wir schon, wie die Angler gerade einpacken. Keiner fragt, wo wir gewesen seien, überhaupt stellt niemand Fragen. Als wir näherkommen, erkundige ich mich, ob der Abend für sie ein Erfolg gewesen sei. Sie haben nichts gefangen.

Jetzt bleibt nur noch das Klettern in die Hängematte. Es ist gegen ein Uhr nachts und wir spüren die Wanderung noch in den Beinen, als Leon sich elegant in seine Hängematte schwingt. Ich hingegen praktiziere meine ungelenke Baumumarmung. Im Dunkeln sieht alles noch höher aus. Als ich endlich die Hängematte erreicht habe, muss ich noch die Isomatte und den Schlafsack hochziehen. Mit letzter Kraft gelingt mir dieses Unterfangen mehr oder weniger ohne meine Sachen nass werden zu lassen. Nun kann ich mich in meine Decke und meinen Schlafsack einwickeln, mir die Mütze aufziehen und endlich versuchen einzuschlafen. Ich blicke noch eine Weile aus meinem hängenden Lager auf den Fluss und höre genau auf die Geräusche in unserer Umgebung. Eine Bisamratte will uns keine Ruhe gönnen und macht sich an einem (von uns unbenutzten) Baum zu schaffen. Ein paar Enten streiten sich – es ist immer noch Paarungszeit. Einige der Enten nehmen dann und wann lauthals Reißaus. In der Nacht passiert es dann. Ich wache  auf, denn der Lärm, der von den streitenden Vögeln ausgeht, ist mal wieder unerträglich. Ich blicke auf, und genau in diesem Moment erfährt die Hängematte einen heftigen Ruck. Ich muss mich bemühen das Gleichgewicht zu halten. Eine Ente war aus vollem Flug am Kopfende meiner Hängematte eingeschlagen (keine Angst, es geht ihr gut). Leon und ich lachen uns die Seele aus dem Leib, dann wird wieder alles naturstill und wir sinken endgültig in die Nacht.

Der Sonnenaufgang holt mich am nächsten Tag aus den Laken. Alles tut weh, mein Arm ist eingeschlafen – ich wundere mich, dass ich ihn noch bewegen kann – und die Gelenke sind nicht zu gebrauchen. Da der Schmerz nicht nachlassen will, drehe ich mich einfach noch einmal um und schlafe weiter – es hilft etwas. Als wir beide gegen 9.30 Uhr wach sind, kommen die ersten Boote durch den Kanal geschippert. Sie bemerken mich erst nicht, sehen nur Leon und schwenken dann zwangsläufig mit dem Blick auf meine “Situation”. Oft müssen sie lachen. Gemütlich sitze ich über dem Fluss, die Beine aus der Hängematte baumelnd, dick in den Schlafsack eingepackt und lese ein Buch von Rüdiger Nehberg. 

© Tim Oettel
© Tim Oettel

Im Vorwort, welches im Rahmen eines Schreibwettbewerbs entstanden ist, schreibt eine Neunzehnjährige: “Wir sind auf dem sicheren Weg in den Tod, nicht in den natürlichen Tod, sondern in den von Menschenhand gebauten, maschinellen Tod.” Ich lese Leon den Satz laut vor und er bezieht ihn sofort auf meine Hangelaktion. Ein älteres Paar kommt im Kanu unter mir herangefahren. Ich grüße sie und sie erzählen, dass sie diesen Kanal fast täglich entlangfahren würden, sowas allerdings noch nie gesehen hätten. Das freut mich natürlich. Sie müssen laut lachen, als ich symbolisch die Beine anziehe, um sie durchzulassen. Alle Spaziergänger und Kanuten, welche uns passieren, lassen uns wissen, dass sie das, was wir tun, ziemlich cool finden würden, dass sie das noch nie gesehen hätten und fragen uns, wie man denn auf sowas käme. Gegen zehn Uhr packen wir zusammen. Das geht alles sehr schnell, und schon verabschieden wir uns. Leon fährt mit seinem Fahrrad, das sich alle zwei Meter einmal selbst auseinandernimmt und wieder zusammenschraubt, den holprigen Waldweg nach Hause. Ich setze mich mit meinem kaputten Arm ans Paddel und quäle mich den spiegelglatten, hell erleuchteten See entlang in Richtung Heimat. Als ich am Gemünd wieder anlege, warten schon die nächsten Fragensteller. Ich nehme mir Zeit, grüße andere Kajakfahrer und unterhalte mich mit ihnen über das Wetter. Insgeheim freue ich mich schon auf eine Scheibe Brot mit dem jüngst erworbenen Honig.

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