Rezension: „Ganesha macht die Türe zu“ von Andreas Brendt

Andreas Brendt
© Conbook Verlag

Von Denise Chen.

Indien, Sex mit Socken und immer wieder sterben“ – der Untertitel des Buches von Andreas Brendt erreichte sein Ziel … und ließ mich, während ich nach einer neuen Lektüre über Reisegeschichten stöberte, stutzen. Der erste Satz des Klappentextes hielt die Spannung, denn er versprach: „Eine wahre Geschichte und ein göttlicher Streifzug durch das Zauberland der Suchenden.“

Bei „Ganesha macht die Türe zu“, erschienen im Conbook Verlag, handelt es sich um den mittlerweile dritten Reiseroman von Andreas Brendt, der sich selbst in seinen Büchern einfach „Andi“ nennt. In seiner ersten Veröffentlichung „Borderlines“ nahm er den Leser mit auf verschiedene Reisen von 1996 bis 2005 rund um die ganze Welt, welche stets geprägt waren von seiner Leidenschaft für das Surfen. Im Nachfolger „Borderlines – Fuck You Happiness“ ging es nach einer kurzen Phase der Reisemüdigkeit und des Wunsches nach Sesshaftigkeit weiter mit neuen Abenteuern. Auf seinen bisherigen Reisen verschlug es ihn unter anderen nach Asien, Afrika und Lateinamerika.

Sein aktueller Roman beschäftigt sich nun ganz konkret mit einer Reise nach Indien. Hier legt Andreas das Surfbrett bewusst eine Weile beiseite und setzt sich auf der Suche nach sich selbst mit Themen wie Yoga oder Tantra auseinander.

Seine Erkundungen führen ihn von den Esoterikjüngern in Goa zu den Tempeln von Hampi. Und auf seinem Weg zur Pilgerstadt Rishikesh am Fuße des Himalaya erstarrt er vor den brennenden Leichenhaufen Varanasis. Was er in Indien erlebt, wirft ihn aus der Bahn und hilft ihm zu sich selbst: ein Blick, der eine Stunde dauert; ein Orgasmus ohne Berührung; ein Äffchen, das ihn ausraubt; und ein bekiffter Heiliger, der ihn in die Geheimnisse des Hinduismus einweiht.

Inmitten all dieser Action muss sich Andi seinen Dämonen stellen: seiner Unsicherheit, seiner Einsamkeit, seiner Unzufriedenheit – all jenen Gefühlen, die ein Teil von ihm sind, die ihn anspornen und ihm zu neuen Abenteuern verhelfen. Die vielen Momente, die ihm Indien schenkt, lassen etwas in ihm zurück. Er kommt als anderer Mensch nach Hause.

Dieser Auszug aus dem vorderen Klappentext von „Ganesha macht die Türe zu“ gibt kompakt wieder, was man als Leser von dem Buch zu erwarten hat. Es handelt sich nicht um Berichte einer typischen Reise nach Indien, die von malerischen Erläuterungen der besuchten Orte nur so strotzen und dem Leser auf jeder Seite den Alltag der Inder näher bringen. Sondern … Ja, was?

Jeder Schritt auf diesem Subkontinent ist ein Erlebnis. Heilige Kühe, Nagelbretter statt Matratzen, Götter mit Elefantenkopf. Indien macht es einem leicht, ein Kind zu sein. Ich will alles sehen, spüren, aufsaugen, berühren und berührt werden.
(Seite 37)

Aller Anfang ist schwer

Es gibt Bücher, die man nach der ersten Seite nicht mehr aus der Hand legen kann und welche man in Windeseile zu Ende gelesen hat. „Ganesha macht die Türe zu“ gehörte für mich nicht dazu. Schon über die ersten Seiten hinaus zu kommen, dauerte Wochen. Persönlich hatte ich bislang kein großes Interesse an Indien und habe daher auch nie nach einer Lektüre über dieses Land gegriffen. Es war die Aufmachung von „Ganesha macht die Türe zu“, die mich neugierig machte.

Kein Buch hat mir zuvor das Lesen so erschwert wie „Ganesha macht die Türe zu“. Nicht, weil es kompliziert geschrieben wäre, sondern weil es Themen anspricht, deren Verarbeitung ich im Alltag meistens verdränge. Zudem gelang es Andreas mit seinem Schreibstil, dass ich bereits nach kurzer Zeit selbst die Reise antrat und seine Geschichte, inklusive aller Gedankengänge, miterlebte. Obwohl wir komplett unterschiedliche Lebensläufe und Interessen aufweisen, fand ich unendlich viele Parallelen. Es war, als begegnete ich jemandem, der die gleichen Gedanken wie ich hat und durch ähnliche Existenzkrisen geht. 

Glücklicherweise durfte ich diese Person in drei Teilen bei der Bewältigung seiner Probleme begleiten und anschließend gestärkt zu verschiedenen, unbewussten Kämpfen mit mir selbst antreten. Andreas nahm mich zuerst barfuss mit durch Indien, ließ mich anschließend an bizarren Geschichten wie Sex mit Socken, sowie zum Schluss seinen immer wiederkehrenden Gedanken zum Thema Sterben teilhaben. Beim Lesen hielt ich häufig inne, um Sätze, oder Passagen heraus zu schreiben, die mich besonders bewegt haben. Diese Zitate entfalten selbst ohne ihren ursprünglichen Kontext bemerkenswerte Kräfte.

“Wie viele natürliche Antennen, wie viel Gespür verkümmert, weil sich der Mensch auf Technik verlässt, weil er der Rationalität die Totalgewalt über das Leben lässt. Dann wird alles im Leben von dem Geplapper in unserem Kopf bestimmt.“ (Seite 51)

„Denn es macht mehr Sinn, sich selbst zu verändern, als Systeme zu bemängeln.“ (Seite 138)

„Würde ich mir bei allem, was ich tue, diese Zeit und Muße und Liebe und Langsamkeit nehmen. Ich weiß nicht, was dann passieren würde. Aber noch viel weniger weiß ich, warum ich das nicht einfach mache. Einfach.“ (Seite 196)

„Vergänglichkeit, sie ist grauenvoll, aber auch das, was jeden Augenblick so wertvoll macht.“
(Seite 231)

Fazit: stets ehrlich

Ein Buch mit einer detaillierten Beschreibung einer Magenverstimmung zu beginnen, mit allen unschönen Aspekten, muss man sich erst einmal trauen. Und genau dies tut Andreas zu Beginn von „Ganesha macht die Türe zu“.

Alles ist schwarz.

Eine tiefe Dunkelheit füllt den Raum. Meine Augen könnten geöffnet sein oder geschlossen, das macht keinen Unterschied. Ich sehe Nichts. Wunderschönes, weites Nichts. Ich treibe, schwebe, bin leicht und schwerelos. Umgeben von Unendlichkeit.

Alles ist still.

Jeder Ton, jede Vibration, jede Bewegung ist verschwunden in den wundersamen Weiten der Finsternis. Frieden, Behaglichkeit, Leere. Ich fühle mich geheimnisvoll geborgen und gleite durch ein Meer aus Dunkelheit. Ohne Aufgabe, ohne Erinnerung, ohne Zeit …

Aber dann. Plötzlich.

Und.

Ohne.

Vorwarnung!

Ein Vorschlaghammer aus Stahl kracht mit brutaler Wucht auf meine Stirn. Zertrümmert meinen Schädel, vernichtet jede Ruhe und reißt mich mit einem grellen, silbernen Blitz aus der zarten Trance heraus in furchtbaren Schmerz. Ich kauere auf allen Vieren, mein Kopf klebt auf den vergilbten Badezimmerfliesen. Die Atmung scheucht mit kurzen, schnellen Stößen durch meine Brust. Was zur Höll…?

Mit letzter Kraft hebe ich mein Haupt ein paar Zentimeter an. Meine verklebten Augen versuchen etwas zu erkennen und sehen Blut. Mein Blut.
(Seite 8)

Andreas‘ unverblümte Art mag nicht jedem Leser gefallen, doch macht dies seine Geschichten umso ehrlicher und anschaulicher. Er erzählt einem nichts vom Pferd, sondern bleibt bei den harten Fakten und berichtet von all seinen Erlebnissen, egal wie unangenehm diese werden können. Hierdurch gelingt es ihm gekonnt das Indien wiederzugeben, das er auf seiner Reise kennengelernt hat. Eines, welches sich manchmal bizarr und verrückt zeigt, es jedoch immer wieder vermag, Andreas – und mit ihm den Leser – zum Staunen und Schmunzeln zu bringen. 

Allgemeines

  • 288 Seiten, Premium-Paperback mit Einbandklappen
  • 14,95 €
  • ISBN: 978-3-95889-244-6
Ganesha macht die Türe zu Andreas Brendt

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