Rente, Rucksack, Abenteuer – mein afrikanisches Tagebuch

Marianne Haynold
© Marianne Haynold

Von Marianne Haynold.

Afrika! Im südlichen Hochland von Tansania, abseits jeglichen Touristenrummels, bei den Ärmsten der Armen, wird eine Dorfschule gegründet. Für einige Wochen arbeite ich dort und lerne eine Schule der ganz anderen Art kennen: ohne Schulmaterial, ohne Schulglocke, ohne Geld – doch mit neugierigen, lernbegeisterten, aufgeweckten Kindern. Ganz selbstverständlich werde ich von einer afrikanischen Großfamilie aufgenommen, gehöre dazu, lerne ihre Sitten, ihren Glauben, ihre Nöte, Sorgen und Freuden kennen. Der Alltag ohne fließendes Wasser wird zur Gewohnheit, der Tag ohne Zeit bleibt eine Herausforderung und die Reisen in schrottreifen Bussen quer durchs Land lassen an Wunder glauben.

Von meinem Aufenthalt, von Komik und Tragik des Alltags in einer der ärmsten Gegenden der Welt, von afrikanischer Gastfreundschaft und täglichen Überraschungen berichte ich in „RENTE, RUCKSACK, ABENTEUER – mein afrikanisches Tagebuch“. Hieraus die folgende kleine Kostprobe.

Mein afrikanisches Abenteuer

Das Buch

Marianne Haynold: Rente Rucksack Abenteuer: Mein afrikanisches Tagebuch.

Taschenbuch. 2016. Books on Demand. ISBN/EAN: 9783842337756. EUR 12,99

Kindle Edition. 2016. Books on Demand. EUR 7,99

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Unterwegs mit Marta

Stunde um Stunde warten Marta und ich zusammen mit einer Gruppe bunt gekleideter Männer, Frauen und Kinder, umgeben von Hühnern in Pappkartons und unzähligen Körben und Eimern im nächtlichen Morgen von Mbeya auf den Bus, der vom südlichen Hochland Tansanias ins Kilimandscharo-Gebiet fahren soll. Die Osterfeiertage stehen bevor und die Menschen zieht es in ihre Heimatdörfer.

So lädt mich Marta, eine junge Kollegin an der entlegenen Dorfschule, an der ich für einige Zeit mitarbeite, ein, sie zu Ihren Eltern zu begleiten. Seit Jahren war sie nicht zu Hause. „No money“, sagt sie und in ihren großen funkelnden Augen sehe ich erwartungsfreudige Hoffnung. Der Vater ist inzwischen alt und krank, sie möchte ihn unbedingt besuchen.

Scheu und schüchtern stand sie damals bei meiner Ankunft am Flughafen, stellte sich mit kaum hörbarer Stimme vor, wollte unbedingt meine Tasche und all den anderen Krempel schleppen, lief ehrfürchtig ein paar Schritte hinter mir. Doch schnell wurde sie eine enge Vertraute, die mich Tag für Tag durch das afrikanische Chaos lotste.

„Die Weißen haben die Uhr, die Afrikaner die Zeit“, sagt ein Sprichwort und so bin ich auch die Einzige, die ungeduldig und genervt an der Haltestelle hin und her tippelt. Plötzlich geht es schnell. Ein „gut-aussehender“ Bus braust heran, hält, das Begleitpersonal drängt zur Eile. Ein Helfer schleudert schwungvoll das Gepäck in den Kofferraum, ein anderer schiebt die Fahrgäste ins Innere und bugsiert sie zu ihren Plätzen. Der Fahrer landet mit einem eleganten Satz auf seinem Sitz, startet den Motor, düst los. Größer könnte der Kontrast kaum sein: Geduldiges Ausharren bis in alle Ewigkeit und eine Winzigkeit später zählt jede Sekunde.

Marta und ich ergattern Plätze in der ersten Reihe, schräg gegenüber dem Chauffeur. Helfer und Ablösefahrer machen es sich hinter ihm bequem. Alle Sitzplätze sind belegt, ausnahmsweise muss niemand stehen. Wild entschlossen möchte der Busfahrer die verspäteten Stunden zurückholen und die asphaltierte Verbindungsstraße von West nach Ost verwechselt nicht nur er mit einer Rennstrecke. Fünf Verkehrskontrollen – mit ein paar Scheinchen für die Beamten geht die Fahrt flugs weiter – vorbei an vier im Straßengraben liegenden Schwertransportern und zwei überfahrene Ziegen, die nicht schnell genug mit ihrer Herde auf die andere Straßenseite rennen konnten, sind die Bilanz der ersten Stunde. Ohne ein Versuch des Bremsens werden die Tiere von unserem Bus überrollt. Ich sehe es, höre es knacken, spüre den Druck im Magen und wünschte, ich hätte einen hinteren Sitzplatz. Marta zuckt kurz, der Busfahrer zeigt keinerlei Reaktion, die anderen Mitreisenden auch nicht.

Berge bis dreitausend Meter Höhe flankieren die Landschaft, wir streifen einen Nationalpark, Antilopen grasen, Giraffen holen sich ihre Mahlzeit von den Bäumen, Elefanten wandern umher. Idylle, so scheint es. Doch die Elefanten sind bedroht, ihre Stoßzähne begehrt und Wilderer zahlreich.

Sechs Stunden später der heiß ersehnte Stopp an einer Raststätte. „Fünfzehn Minuten!“, so die widerspruchslose Ansage. Und wir sind nicht die Einzigen hier. Ein unüberschaubares Gewusel, ein Rennen und Boxen auf der Suche nach Nahrung und Toilette sind eine echte Herausforderung.

An offenen Feuern wird gebrutzelt und gebraten: Hühner, Maiskolben, Bananen, Undefinierbares. Wir decken uns mit Getränken und Süßigkeiten ein, feilschen ein bisschen und spurten los, als wir die Hupe des Busses hören. Der Motor läuft, exakt nach fünfzehn Minuten steuert der Fahrer die Ausfahrt an und donnert weiter. Keiner schaut, ob alle wieder da sind, keiner fragt, keiner zählt nach. Marta sagt, dass, wer nicht rechtzeitig hier sei, eben Pech hätte. Jeder wisse das. So wird auch niemand vermisst, keiner schimpft oder mault. Jeder richtet sich wieder ein für die nächsten Stunden.

Am späten Nachmittag verlassen wir die West-Ost-Route und nehmen die schmale Straße gen Norden, via Moshi, via Kilimandscharo. Serpentinenartig geht es bergauf, bergab, meist steil, unübersichtlich. Immer wieder ist in dicken weißen Buchstaben „Pole! Pole!“ – „Langsam!“ – auf den Asphalt geschrieben. Die Unfallgefahr, sichtbar an den zahlreich liegengebliebenen Fahrzeugen aller Art, ist groß. Die Landschaft einzigartig: bergig, Dschungel, grün in allen Schattierungen. Dazwischen riesige Felsblöcke. Eine Achterbahnfahrt. Adrenalin und Anspannung, bibbern, hoffen und federleicht die grandiose Umgebung bestaunen. Und Erleichterung und durchatmen, als wir uns wieder in der Ebene und auf überschaubarer Straße befinden. Die Dörfer werden zahlreicher, immer wieder steigen Menschen zu oder aus, es wird geschäftiger und allmählich dämmerig, Nacht, Mitternacht. Um vier morgens trudeln wir in Moshi ein. Nach zwanzig Stunden und 1200 Kilometern.

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Niemand wartet auf uns an der stockdunklen, menschenleeren Haltestelle. Nicht Martas Bekannte aus der Stadt, die uns abholen und beherbergen wollten und auch niemand von ihrem Familienclan aus dem abgelegenen Dorf. Die Wege stehen unter Wasser. Der Vater hat die Nachricht geschickt.

Doch Marta weiß ein Hotel in der Nähe, und so machen wir uns zu Fuß auf den Weg durch das finstere Viertel. In der ersten Seitenstraße zwingt uns ein kläffender Hund zur Umkehr und urplötzlich erinnert sie sich, dass das Hotel ja in der anderen Richtung liegt.

Ein Rollerfahrer hält neben uns, fragt: „Wohin?“ Marta nennt den Namen der Unterkunft, er nickt eifrig. Schnell handeln die Beiden einen Preis aus, dann klettern wir mitsamt unserem Gepäck auf den Rücksitz, quetschen uns eng aneinander, ich mich an den Rücken des Fahrers, Marta an mich, umklammern unser herumhängendes Hab und Gut und preschen durch die rabenschwarze Nacht. Für Einheimische ist das nichts Ungewöhnliches, so ein Roller ist Familienkutsche und meist mit viel mehr Personen und Besitztümern beladen. Für mich ist es Nervenkitzel pur.

Nach einer gefühlten kleinen Weltreise – entweder hat Marta sich in der Entfernung verschätzt oder unser Pilot kurvt absichtlich kreuz und quer durch die Gegend – hält er vor dem gesuchten Hotel. Ein Security-Mann lehnt gelangweilt an der Eingangstüre. Wortlos, mit einem lässigen Wink, lässt er uns eintreten. Sacht wecken wir die Dame an der Rezeption, sie hebt den Kopf von den verschränkten Armen und schickt uns für die restliche Viertelnacht und zwei weiteren in ein Zimmer: sauber, groß, zwei Betten mit Moskitonetz, ein Fernsehapparat und eine Dusche mit warmem Wasser. Seit Wochen habe ich weder geduscht noch Haare gewaschen und der Luxus von fließendem warmem Wasser ist Wohltat pur. Bei meiner Gastfamilie gibt es kein fließendes Wasser. Jetzt seife und schrubbe ich eine halbe Ewigkeit.

Martas Familie gehört zum Stamm der Dschaggas, die im Nordosten Tansanias, zu Füßen des Kilimandscharo, leben und vorwiegend Landwirtschaft betreiben. Durch Rodung des Regenwaldes verödet der Boden immer stärker, die Kaffee- und Bananenplantagen befinden sich überwiegend in fremder Hand, die Einheimischen haben nicht mehr genügend Grund und Boden. Viele junge Menschen verlassen deshalb die Region und versuchen irgendwo anders im Land einen Neuanfang. Zurück bleiben viele ältere Menschen und Kinder, die von ihren HIV-infizierten sterbenden Eltern wieder zu den Großeltern geschickt werden. Auch Martas neun Geschwister haben die Heimat verlassen, nicht die Eltern.

Am Morgen streife ich mit Marta durch die Straßen von Moshi. Hier spielt sich das Leben draußen ab: Markt, Buden, Lärm, Rempeleien. Ein Schneider rattert mit seiner vorsintflutlichen verrosteten Nähmaschine an einem Kleidungsstück. Der Schuster neben ihm klebt Schuhsohlen fest. Zwei Frauen knien auf dem Boden und fädeln bunte Perlen zu originellen Ketten, an einem schrottreifen Fahrzeug versuchen junge Burschen zu retten, was zu retten ist. Dazwischen Berge westlichen Plunders: Handys, Kofferradios, ausgelatschte Turnschuhe, Klamotten, Plüschtiere, zerflederte Bücher, Krempel aus aller Herren Länder und frustrierte Verkäufer, die laut schreiend den Ramsch loswerden wollen.

Zum Glück habe ich Marta bei mir. Die flycatcher sind hier massenhaft unterwegs. Und sie haben viel zu tun, Moshi ist Ausgangspunkt für Safari-Touren und Kilimandscharo-Besteigungen. Natürlich stürzen sie sich auf die Weißen, und so bin ich in Sekundenschnelle von einer Horde umzingelt.

Einer überrascht mich mit ein paar deutschen Wörtern, ich schaue ihn an, will ihm antworten, doch Marta ist sofort zur Stelle, stellt sich vor mich und versucht, den Kerl zu verjagen. Lautstark weist sie ihn zurück, schimpft, sagt, er wäre gefährlich und zieht mich energisch weg. Ich, ziemlich verdattert, frage, warum sie so vehement vorgehe, woher sie wisse, dass die Lage brenzlig sei. Martas dunkle Augen funkeln, hier versteht sie keinen Spaß und sagt, sie sehe es den Typen an, sie kenne ihre Tricks. Und sie sollte recht behalten. Der Kerl verfolgt uns bis wir Zuflucht in einem Hotel finden.

Flycatcher ist ein Job in den Touristenhochburgen. Sie arbeiten für die zahlreichen Touristenbüros und halten in der Stadt nach Kunden Ausschau. Sehen sie einen Fremden, so sind sie sofort zur Stelle, umgarnen ihn, wollen Freund und Helfer sein. Natürlich ist ihr Auftraggeber der beste weit und breit, mit den interessantesten Angeboten, den günstigsten Konditionen und zuverlässigsten Führern. Gerne helfen sie auch sonst aus: SIM-Karte kaufen, Taxipreis aushandeln, um Preise feilschen, Taschendiebe fernhalten. Die meisten sind nicht böse, aber unendlich lästig. Hat man einen abgeschüttelt, tauchen fünf andere wie aus dem Nichts auf und kauderwelschen mit Händen und Füßen auf die armen Fremden ein. Wer wen dringender braucht und wer von wem übers Ohr gehauen wird, so genau lässt sich das wohl nicht klären.

Den Namen flycatcher verdanken sie dem klebrigen gelben Papierstreifen, der in Räumen hängt und an dem Fliegen chancenlos kleben bleiben, wenn sie ihm zu nahekommen. Genauso gnadenlos kleben die flycatcher an ihrer Beute. Ein Entrinnen ist nahezu unmöglich.

Marianne Haynold
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Mit einem dalla-dalla, einem Minibus, fahren wir zu Martas Familie. Eine Stunde Fahrt, raus aus der Stadt, vorbei an Kaffee- und Bananenplantagen so weit das Auge reicht. Irgendwo an der Straße gibt Marta dem Kondukteur ein Zeichen. Wir wollen aussteigen. Es gibt keine festgelegten Stopps. Ist man am Ziel, meldet man sich und der Fahrer hält. Will man zusteigen, wartet man an der Straße und gibt ein Zeichen.

Ein junger Mann, Martas Bruder David, begrüßt uns. Er kam von der drei Kilometer entfernten Hütte und gemeinsam stapfen wir durch die Wildnis. Über holprige, rutschige Trampelpfade, vorbei an ärmlichsten Hütten, schlagen wir uns zu Martas Zuhause durch. Unterwegs begrüßt sie alte Bekannte. Eine Familie lädt uns zu einem Mbege ein, einem Bier, das die Einheimischen aus Bananen herstellen. Schon beim ersten Schluck wird mir klar: Hier ist Vorsicht geboten! Das ist hochprozentig

Wir nähern uns Martas Elternhaus. Vater, Mutter und ein weiterer Bruder warten, alle festlich gekleidet. Auf ihren rechtwinklig gebeugten Unterarmen hat die Mutter diverse Sachen gestapelt, überdeckt von einer Blumenkette. Nach der Begrüßung überreicht sie zuerst Marta ein Geschenk, dann mir. Wunderschöne farbige Tücher hat sie für uns ausgesucht. Die einheimischen Frauen verwenden sie als Rock, Kleid, Babytragetuch, Decke, Rucksack … Ich werde sofort damit umwickelt!

Wir gehen ins Haus. Stein auf Stein, ohne Fenster. Das wenige Licht kommt durch den Eingang. Der einfache, selbst zusammengenagelte Tisch im einzigen Raum ist gedeckt, daneben steht ein Plastikstuhl für mich, Holzklötze für Marta und die Eltern. Wir essen, was der Eigenanbau hergibt: Bananen, roh, gekocht und gebacken, dazu Avocados, Spinat, Eier, Erdnüsse. Es schmeckt und macht satt!

Marta erzählt die Familiengeschichte. Die Mutter wurde elfjährig! verheiratet. Jetzt sei sie 45 Jahre alt, der Vater 65. Die Familie ist kinderreich, acht Söhne und zwei Töchter, alle außer Haus. Ich frage nach dem Alter, das jüngste Kind ist achtzehn und in Daressalam. Das Mädchen geht dort zur Schule, der Zweitjüngste studiert Medizin. Marta überweist ihnen regelmäßig Geld. Auch sie hat für den Schulbesuch als Achtjährige das Zuhause verlassen und bei der Familie eines älteren Bruders in der Stadt gelebt. Er, damals Anfang 20, hatte immerhin einen schlecht bezahlten Job und sie, die Drittjüngste, war die erste in ihrer Familie, die lernen konnte. Wer etwas erreicht hat, wer verdient, hilft der Familie. Und so unterstützt Marta mit ihrem bescheidenen Lehrergehalt auch noch vier ihrer älteren Brüder, die in großer Armut leben. Den Eltern möchte sie ein Haus bauen, ein Haus mit Fenstern. Damit es hell wird in ihrem Heim und in ihrem Leben.

Das Alter der anderen Geschwister bleibt mir verschlossen, zu bizarr, zu wirr. Zahlen, Zeiten, Daten: Was soll’s? Marta ist heute 24, war gestern 25, hat irgendwann im Mai Geburtstag und wird 26! Hier und Jetzt und Geld sind die entscheidenden Faktoren.

Mit dem Vater durchstreife ich das Gelände mit den vielen Bananenstauden und den wenigen Kaffeepflanzen. Er sagt, dass er ein alter Mann sei, dass er es liebe, so zu leben wie es eben ist. Als Selbstversorger, vom Eigenanbau, fern der Zivilisation. Nur selten fahre er in die Stadt, für Bier und Zigaretten. Er wirkt zufrieden, bei sich angekommen. Der Alte spricht einigermaßen Englisch, ich frage ihn, wo er das gelernt hat. Von den Engländern, sagt er. Teile des Landes waren in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts unter britischem Mandat. Die Schulsprache war Englisch. Nur kurze Zeit durfte er sie besuchen. Früh musste er, wie alle Eingeborenen, für die Kolonialherren arbeiten. Bildung wurde auf ein Minimum reduziert.

Wir verabschieden uns, versprechen, noch einmal vorbeizukommen, und waten im strömenden Regen zur Straße. Zum Glück kommt schnell ein dalla-dalla.

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Marta ist römisch-katholische Christin. Irgendwann landeten die Missionare auch bei ihrem Stamm in der Kilimandscharo-Region. Sie möchte zum Gottesdienst. Weil sie daheim ist und weil Ostern ist. Natürlich werde ich sie begleiten. Ich frage nach dem Beginn – und Marta lacht schallend. Es gibt keinen Anfang. Nonstop-Gotteslob, den ganzen Tag und die Nacht. Man geht hin und entweder ist gerade ein Procedere im Gange, dann wartet man draußen auf das Ende. Haben die Einen das Gotteshaus verlassen, ist Einlass für die Nächsten. Wenn die Kirche voll ist, beginnt eine neue Runde. So wiederholt es sich. Immer wieder.

Fröhlich schallen uns die Osterchoräle aus Christo Mfalume, der größten Kirche der Stadt, entgegen. Laut, begeistert, inbrünstig. Nach Gottesdienstende strömen viele Menschen nach draußen in den parkähnlichen Hof: Teenager, Kinder, Ältere und auch ganz Alte. Nicht wenige der schätzungsweise Fünfzehn- bis Sechszehnjährigen haben schon wieder eigenen Nachwuchs umgeschultert.

Das großräumige Gotteshaus füllt sich schnell wieder. Hundert, vielleicht zweihundert Menschen sitzen in den Bänken. Das Spektakel beginnt. Wäre ich blind, wüßte ich nicht, dass ich mich gerade in einer Kirche befinde, ich könnte auch in einem deutschen Bierzelt sein. Singend und tanzend zieht der Chor ein, mit ihm Pfarrer, Ministranten und sonstige Helfer. Fröhliche Stimmung, klatschen, schunkeln. Ich verstehe nichts von alldem, was gesagt, gepredigt und gesungen wird, trotzdem genieße ich die heitere Atmosphäre. Zwischendurch im Gänsemarsch nach vorne, etwas Geld in den Opferstock geben, den Nachbarn per Handschlag alles Gute wünschen. Ende. Draußen warten die Nächsten. Ausnahmslos kommen sie in ihren besten Kleidern und Anzügen, sauber, adrett, herausgeputzt. Eine neue Runde kann beginnen.

Aus allen Richtungen strömen am frühen nächsten Morgen die Menschen Richtung Busterminal: zu Fuß, mit Motorrollern, Autos, sonstigen Vehikeln. Die Osterfeiertage sind vorüber, der Familienbesuch beendet, die Heimfahrt angesagt. Viele Busse fahren ein und aus, die Leute rennen und suchen nach der passenden Mitfahrgelegenheit. Es ist unübersichtlich, chaotisch, laut, Hochbetrieb.

Am Office sagt uns die Dame, dass wir noch Zeit hätten, sicherlich eine Stunde. Unser Bus sei noch nicht präpariert für die lange Fahrt. So suchen wir uns ein Plätzchen abseits der Hektik, warten und lassen unser Gepäck nicht aus den Augen.

Die Sonne findet zum ersten Mal während unseres Aufenthalts hier im Norden des Landes einen Weg durch die Wolken. Kein Regen, kein Nebel. Marta nimmt mich plötzlich an der Hand, zieht mich einige Meter weg und – ich sehe ihn! In seiner ganzen Pracht zeigt sich der Berg, er leuchtet in der Sonne, die ihn voller Kraft anstrahlt. Die weiße Schneekappe blendet fast. Wir sind ganz nah dran am Kilimandscharo. So schön, so imposant, so ergreifend ist der Berg.

Der Bus kommt. Eine Schrottkiste, und ungefähr hundert Menschen wollen mit. Hastig drängeln und schieben sie sich mit Kind und Kegel immer weiter ins Businnere. Marta und ich teilen unseren reservierten Sitzplatz mit vier Anderen. Als zur Türe auch drückend, boxend und stoßend niemand mehr hereinkommt, steigen ganz Dreiste durchs Fenster zu. Und keiner schimpft. Es ist in Ordnung. Kein anderer Bus fährt heute nach Mbeya.

Wie Ölsardinen in der Büchse, so eng sind wir aneinander gequetscht. Ich sehe nichts. Die vielen Leiber eng um mich herum lassen keine Bewegung zu. Meine eingeschlafenen Füße spüre ich nicht mehr, dafür einen Ellenbogen in den Rippen. Drei Unterbrechungen, Erlösungen gleich, erlebe ich während der nächsten zwanzig Stunden. Das erste willkommene Highlight nach fünfstündiger Rüttelfahrt ist eine Panne. Der steinalte Klapperbus streikt mitten in der Pampa. Keinen Meter bewegt er sich mehr. Wir steigen aus, es ist heiß und dreckig, kein Dorf, keine Werkstatt oder sonstige Hilfe in Sicht. Aber wir können unsere Gliedmaßen bewegen, durchatmen, ein paar Schritte gehen, den Körper strecken und dehnen, Geduld üben. Dann bekommen die Fahrer, ihre Begleiter und zufällig Mitreisende das Gefährt doch wieder in Schwung. Ein Hupton und alle steigen ein, schnell, durch Türen und Fenster, sortieren sich. Weiterfahrt!

Der nächste Stopp ist Absicht. Eine Raststätte, zwanzig Minuten Pause: den Menschenknoten lösen, aussteigen, essen, Toilette, haraka-haraka, dalli-dalli, einsteigen, ordnen, Weiterfahrt! Exakt nach zwanzig Minuten!

Der Abend kommt, es dämmert allmählich und es wird bequemer. In Morogoro, einer Viertel-Million-Einwohner-Stadt, steigen viele Fahrgäste aus und nur wenige zu. Endlich habe ich einen Sitzplatz für mich allein.

Um zwei Uhr morgens erreichen wir unbeschadet Mbeya, sechs Stunden später beginnt der Schulunterricht. Marta und ich sind uns noch ein Stück nähergekommen.

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