Marrakesch – rote Stadt mit blinden Wänden

Bahia-Palast - Copyright Karsten-Thilo Raab (9)

Mehr 1.000 Jahre alt und doch überaus jung geblieben – keine Frage, Marrakesch gilt mit seinen Prachtbauten, verwinkelten Gassen, Basaren, Gärten und der ansteckenden Lebensfreude nicht von ungefähr als die wohl faszinierendste Stadt in Marokko.

Von Karsten-Thilo Raab.

Welche eine Kulisse! Rote Bauten soweit das Auge reicht, Moscheen, Minarette, Paläste und Mauern, dazwischen hoch aufragende Palmen und am Horizont die schneebedeckten Gipfel des Atlas-Gebirges. Inmitten einer weiten Ebene erweist sich Marrakesch als eine faszinierende Oasenstadt, durch die an jeder Ecke der Hauch einer mehr 1.000-jährigen Geschichte weht. Trendy, cool, megahip, verführerisch und vielfältig sind nur einige Attribute, mit denen die Königsstadt im Südwesten Marokkos gerne beschrieben wird. Worte, die nur erahnen lassen, welch magische Anziehungskraft und Faszination die „Rote Stadt“ ausübt.

Umrahmt wird die Medina, die historische Altstadt, die seit 1985 zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört, von einer zwölf Kilometer langen Stadtmauer. Je nach Tageslicht wirken die Wände des Schutzwalls mal rosa, mal ocker und dann wieder rot. Insgesamt 16 Tore, deren Durchfahrt gerade einmal für ein Fahrzeug reicht, unterbrechen das beeindruckende Mauerwerk. Entsprechend staut sich auf beiden Seiten jeweils der Verkehr. Eine Geduldsprobe nicht nur für diejenigen, die es eilig haben.

„Das ist eine moderne Form der Verkehrsberuhigung“, lacht Mohamed Ait Brahim. Der charmante Guide, der am Goethe-Institut nahezu akzentfrei Deutsch gelernt hat, schiebt schmunzelnd hinterher, dass die Tore ein idealer Ort seien, um die Kuriositäten des Verkehrs aus nächster Nähe zu beobachten.

Und tatsächlich, zwischen Bussen und Taxen bahnen sich voll gepackte Eselskarren ihren Weg. Dann wieder sausen Motorroller mit einer kompletten Familie bestehend aus Mann, Frau und zwei Kindern vorbei; mitunter auch mit einem Flachbildschirm oder einem geschlachteten Schaf als wenig bis gar nicht gesichertes Gepäck auf der Sitzbank.

„Bei Euch sind Straßenschilder fakultativ – bei uns nur dekorativ“, räumt Mohamed ob der wilden Fahrweise einiger seiner Landsleute augenzwinkernd ein. Selbst in einigen Souks, wie die überdachten Basare heißen, sind die Roller sehr zum Leidwesen der Flanierenden hupend und knatternd inmitten der Menschenmenge unterwegs.

Basar in Marrakesch - Copyright Karsten-Thilo Raab (8)

Aber unabhängig davon, ist der Besuch der Souks ein absolutes Muss. Die Augen, die Ohren und die Nase leiden garantiert unter akuter Komplettverwirrung und wetteifern darum, wem oder was zuerst die Aufmerksamkeit gewidmet werden soll. Ein Meer an fremden Gerüchen und Düften, Gebrabbel und Arbeitsgeräuschen mischt sich mit einem Gewusel, das von oben betrachtet sicher wie eine gigantische Ameisenstraße anmuten dürfte.

Basar in Marrakesch - Copyright Karsten-Thilo Raab (1)

Es duftet nach Safran und Rosenwasser, nach frischen Orangen und Datteln. Neben Gewürzen, Kräutern, Lederwaren, Schmuck und Kleidung wird auch Kunstvolles aus alten Autoreifen und Souvenirs feilgeboten. Darunter Exportschlager wie Arganöl oder das sogenannte „Berber-Nutella“, ein süßer Brotaufstrich aus Arganöl, Honig und Mandeln, der eigentlich „Amlou“ heißt. Hoch im Kurs steht zudem „Berber Viagra“, wohinter sich schlicht Ginseng verbirgt.

Basar in Marrakesch - Copyright Karsten-Thilo Raab (2)
Basar in Marrakesch - Copyright Karsten-Thilo Raab (7)
Basar in Marrakesch - Copyright Karsten-Thilo Raab (5)

Einige Ladenlokale und Stände sind so winzig klein, das Fliegen hier Start- und Landeerlaubnis benötigen, um sich zwischen Waren und Händlern für einen Moment niederlassen zu können. Und die Händler selbst müssen allesamt Origami-Falttechnik oder zumindest eine Form von Limbo-Tanz beherrschen, um irgendwie zwischen die Warenberge zu gelangen und sich einen Sitz- oder Stehplatz zu erobern.

Tief verwurzelt in der Kultur der Marokkaner ist das Handeln und Feilschen. Niemand zahlt in den Souks von Marrakesch – oder anderswo in Marokko – den ursprünglich geforderten Preis. Der Händler pokert traditionell immer hoch; der Kunde versucht derweil den Preis so weit wie möglich zu drücken.

„Manchmal ist es schlau, einfach weiter zu gehen, denn nicht selten kommen die Händler hinter einem her und lassen sich doch noch auf den Preis ein“, erklärt Mohamed, dass auf den Märkten das Klappern zum Handwerk gehöre und Teil des Vergnügens sei. Flachsend schiebt der mit Hemd und blauem Jackett gekleidete Stadtführer hinterher, man solle mal spaßeshalber eine komplette „Händlerverwirrung“ probieren. Wenn der Standbetreiber 300 Dirham fordere, solle man einfach mal 600 Dirham bieten, statt wie üblich nur die Hälfte.

Während die Gewürze meist zu kunstvollen kreiselartigen Türmchen aufgehäuft sind, wirkt insbesondere die Darbietungsform für Fleisch doch etwas gewöhnungsbedürftig. Da hängt die Haut eines Kuhkopfes und bei geschlachteten Schafen werden die Hoden gut sichtbar drapiert.

„Das Fleisch von männlichen Tieren ist bei uns wesentlich beliebter als das von weiblichen“, unterstreicht Mohamed, dass so sichergestellt wird, das niemanden eine Schafsdame als Bock angedreht würde.

Das im Jahre 1069 gegründete Marrakesch, neben Meknès, Fès und Rabat eine der vier Königsstädte Marokkos, hat aber noch weit mehr zu bieten, als geschäftige Basare. Dazu gehören etwa die kunstvollen Saadiergräber, die eindrucksvolle Ruine des Palais el Badi, dem einst größten Palast in Marokko, oder die zu den schönsten Koranschulen des Landes zählende Madrase Ben Youssef aus dem 12. Jahrhundert. Weithin sichtbares Wahrzeichen ist das Minarett der 1158 errichtete Koutoubiya-Moschee, die nur von Muslimen betreten werden darf.

Königlicher Palast - Copyright Karsten-Thilo Raab

Königlicher Palast

Koutoubiya-Moschee - Copyright Karsten-Thilo Raab (1)

Koutoubiya Moschee

Nur einen Steinwurf entfernt findet sich der markanteste, belebt- und beliebteste Platz von Marrakesch: Der Djemaa el Fna, dessen Name „Platz der Geköpften“ bedeutet, wird gerne als ein ursprüngliches Stück Marokko bezeichnet. Tatsächlich aber ist der große, zentrale Platz so etwas wie das touristische Herzstück der Millionenstadt. Speisen, Getränke und Souvenirs werden hier feilgeboten, während Musiker, Tänzer, Gaukler, mobile Zahnärzte, Wasserverkäufer, Henna-Malerinnen, Feuerschlucker und Schlangenbeschwörer ein wenig in die Trickkiste greifen, um sich ihren Lebensunterhalt mit den mehr oder weniger großzügigen Gaben der Touristen zu finanzieren.

Djemaa el Fna - Copyright Karsten-Thilo Raab (7)
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In dem riesigen Gewimmel hätte manch einer gerne ein Facettenauge, um unangestrengt einen Blick in alle Richtungen werfen zu können. Denn vor allem in den Abendstunden ist der Platz ungeachtet der touristischen Prägung ein grandioses Freiluftkino mit einem nie enden wollenden Strom an faszinierenden Bildern. Klänge von Trommeln und orientalischen Flöten ertönen wie in einer Endlosschleife. In der Luft liegt eine Mischung aus Grill-, Tabak- und Gewürzdüften.

Djemaa el Fna im Abendlicht

Vorsicht ist jedoch bei den Gauklern und Schlangenbeschwörern geboten. Diese lassen sich oft scheinbar bereitwillig ablichten, wollen dann aber schnell mal 100 bis 200 Dirham pro Foto haben. Und damit ihnen kein ahnungsloser Tourist entgeht, sind sie in der Regel gut organisiert. Jeder Gaukler, jeder Schlangenbeschwörer verfügt über ein halbes Dutzend „Helfer“, die alle wild fotografierenden Touristen fest im Blick haben und anschließend mit einer gewissen Hartnäckigkeit versuchen, abzukassieren.

Djemaa el Fna - Copyright Karsten-Thilo Raab (11)

Rund um den Djemaa el Fna stehen Caféhäuser und Restaurants. Hier empfiehlt es sich, auf den Balkonen in der ersten oder zweiten Etage oder auf der Dachterrasse Platz zu nehmen, um das bunte Treiben auf dem Platz entspannt zu beobachten. Gleichzeitig bietet sich von hier – wie beispielsweise vom Dach des Café de France – zumeist ein herrlicher Rundblick auf Marrakesch bis hin zum Atlas-Gebirge.

Djemaa el Fna - Copyright Karsten-Thilo Raab (1)

Augenfällig ist die Tatsache, dass sich in den Cafés der Stadt neben den Touristen meist nur Männer tummeln. Alkohol gibt es in der Regel nur in Restaurants und Hotelbars.

„Viele trinken bei uns nur Alkohol, wenn Allah schläft“, verrät ein Kellner im Café de France und fügt augenzwinkernd hinzu, dass einige Marokkaner offenbar der festen Überzeugung seien, dass Allah auch schon mal einen Mittagsschlaf hält.

Für Letzteren bleibt in Marrakesch eigentlich keine Zeit. Zu spannend ist die Tour durch die verwinkelten Gassen und Gänge sowie engen Straßen der Altstadt. Überall in der Medina finden sich gut getarnt sogenannte Riads. Dies sind mehr oder weniger prunkvolle Herrenhäuser und Paläste mit schmucken Innenhöfen, Brunnenanlage und prunkvollen Gärten hinter völlig schmucklosen Fassaden.

„Ein Kennzeichen der Riads, die heute meist als Hotels genutzt werden, sind die blinden Mauern“, erläutert Mohamed, dass die hohen Wände der stolzen Stadthäuser bewusst fensterlos waren und lediglich über eine schlichte Tür verfügten. Damit sollte sichergestellt werden, dass niemand auch nur ahnte, welche Pracht und welcher Reichtum sich hinter den schlichten Mauern verbargen.

Hinter einer der vielen blinden Mauern versteckt sich mit dem 125 Jahre alten Bahia-Palast, auch der einzige Palast der Stadt, der zumindest in Teilen von innen besichtigt werden kann. Das stolze Anwesen bekleidet eine Fläche von 80.000 Quadratmetern und war einst im Besitz des Großwesirs, dessen Stellung etwa vergleichbar mit der eines Ministerpräsidenten war. Im Gegensatz zu anderen Palästen besteht Bahia nur aus einem administrativen und einem Wohnteil.

„Da hier nie ein König residierte, gibt es keinen Thronsaal“, liefert Mohamed eine simple wie einleuchtende Erklärung. Obschon die Räume fast alle komplett leer sind, fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, in welchem Luxus der Großwesir dereinst geschwelgt haben muss. Decken und Türen sind aus Zedernholz und mit aufwendigem Dekor oder Malereien verziert. In jedem der zahlreichen Innenhöfe findet sich ein Springbrunnen. Und die Gärten werden von schattenspendenden Bitterorangenbäume dominiert.

Bahia-Palast - Copyright Karsten-Thilo Raab (11)
Bahia-Palast - Copyright Karsten-Thilo Raab (9)

Ein noch prominenteres Beispiel marokkanischer Gartenbaukunst befindet sich mit dem weltberühmten Jardin Majorelle in der Neustadt außerhalb der Stadtmauern. Namensgeber Jacques Majorelle erwarb 1923 das Stück Land, das heute den Garten bedeckt. Der französische Maler sammelte exotische Pflanzen aus aller Welt und beauftragte 1931 Architekten Paul Sinoir, inmitten des Anwesens ein Künstleratelier im Art Deco Stil zu errichten. Die Wände wurden in kräftiges Majorelle-Blau gehüllt.

Jardin Majorelle - Copyright Karsten-Thilo Raab (8)

1947 öffnete Majorelle seinen Prachtgarten für die Öffentlichkeit. Nach seinem Tode im Jahre 1962 verfiel die Anlage in einen Dornröschenschlaf. Es dauert fast zwei Jahrzehnte, ehe sich Modeschöpfer Yves Saint Laurent bei seinem ersten Besuch in der marokkanischen Königsstadt vom Rausch der Farben verzaubern ließ und sich auf Anhieb in den Garten verliebte. 1980 erwarb er gemeinsam mit seinem Lebenspartner Pierre Bergé das Anwesen und ließ es aufwendig restaurieren.

Jardin Majorelle - Copyright Karsten-Thilo Raab (9)

Für Yves Saint Laurent war Marrakesch ein Ort der Inspiration und im Jardin Majorelle fand er Entspannung und Muse für seine Kreationen. Heute erinnert ein Gedenkstein im Garten an den 2008 verstorbenen Modedesigner. Direkt angrenzend an den Jardin Majorelle wurde erst im Oktober 2017 das neue Musée Yves Saint Laurent eröffnet.

Das Gebäude mit seiner augenfälligen Terrakottafassade beherbergt eine Ausstellung mit rund 5.000 Kleidern und 15.000 Haute-Couture-Accessoires sowie Tausende von Zeichnungen und Fotos von Yves Saint Laurent.

Wer es nicht schon vorher war, ist spätestens nach dem Besuch des Jardin Majorelle wie dereinst Yves Saint Laurent von dem Bazillus infiziert, der da heißt „Marrakesch“. Und nicht wenige schwören sich, wie einst der Modemacher, immer wieder hierher zurückzukommen.

Allgemeine Informationen

www.visitmorocco.com/de

Anreise: Eurowings bietet Direktflüge ab Düsseldorf ab etwa 70 Euro an; von Frankfurt fliegen Ryanair und Condor von München u.a. Condor (alle ab 49 Uhr) in die Königsstadt.

Einreise: Für die Einreise genügt ein mindestens noch sechs Monate gültiger Reisepass.

Währung: Zahlungsmittel ist der Dirham. Ein Dirham entspricht etwa 0,08 Euro; ein Euro entspricht etwa 11 Dirham.

Essen & Trinken: Café de France, Jemaa El Fna, Marrakesch 2034, Marokko, Telefon 00212-5244-42319. Die Qualität der gebotenen marokkanischen Speisen ist dürftig, dafür ässt sich bei einem Tee oder Kaffe vom Balkon oder der Dachterrasse ein herrlicher Blick auf die Stadt genießen.

Übernachten: Be Live Experience Palmeraie Marrakesch, Route de Fes, km 6, Zone de Zahrat Annakhil, Marrakesch. Doppelzimmer in dem erst im Oktober 2017 eröffneten All-Inclusive-Haus beginnen bei ca. 85 Euro pro Nacht. Buchungen und weitere Informationen unter www.fti.de.

Veranstalter: FTI bietet spezielle einwöchige City-Arrangements für Marrakesch mit Kochkurs inklusive Übernachtung, Frühstück und Flug ab 369 Euro pro Person sowie die achttägige Rundreise „Marokko-Kombi-Spezial – Genuss für Leib und Seele“ inklusive Flug, Übernachtung und Kochkurs ab 599 Euro pro Person an. Buchungen und weitere Informationen unter Telefon 089-710451498 beziehungsweise unter www.fti.de.

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