Rezension: „Gebrauchsanweisung für das Leben“ von Andreas Altmann

Gebrauchsanweisung für das Leben

Bescheidene, sanft anmutende Buchtitel sind Altmanns Sache nicht – jedenfalls nicht mehr.

Nach früheren Veröffentlichungen wie „Der Preis der Leichtigkeit“ (Südostasien), „Im Herz das Feuer“ (Afrika), „Reise durch einen einsamen Kontinent“ (Südamerika) und „Im Land der Regenbogenschlange“ (Australien) klingen die Werke seit einigen Jahren provokanter („Triffst du Buddha, töte ihn!“ ), teils auch unflätiger. Seine Autobiografie, Schwerpunkt Kindheit und Jugend, heißt nicht „Mein Leben“, auch nicht „Vom Leben und Reisen“, nein, in Altmann brodelt es, und der Druck muss raus. Das Werk hört auf den Namen: „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend.“ Und der Nachfolger nennt sich: „Dies beschissen schöne Leben“.

Das mutet laut an, rotzig, manche mögen sagen, liederlich. Aber wer Altmann kennt, ahnt, dass auch in seinem „Scheißbuch“ (seine liebevolle Abkürzung für den Überlängentitel) keine banalen Schimpftiraden lauern, sondern dass der Leser Herz und Hirn erwarten darf.

Altmanns Texte sind genauso wenig an den Mainstream angepasst, wie er selbst – aus ihnen spricht die Intensität des echten, des ungebändigten Lebens. In Altmanns Fall: des Lebens „eines Davongekommenen“, wie er sich im Untertitel eines seiner Bücher bezeichnet. Altmanns erste Lebenshälfte war alles andere als geradlinig. Er durchstand eine Kindheit voller Misshandlungen, Erniedrigungen, bigotter, tätlicher Pfarrer und verkappter Nazis, einer davon sein Vater. Er wuchs als Opfer auf, floh in die Welt und steuerte weiter über Umwege. Er scheiterte ein ums andere Mal. Wie er selbst schreibt: an zwei Dutzend „Berufen“, an drei Studiengängen, an dreizehn psychotherapeutischen Behandlungsversuchen.

Die Sprache rettete ihn

Schließlich entdeckte er die Sprache. Sie rettete ihn. Er sagt: „Nichts anderes, keine Liebe, keine Therapie, keine Lottomillionen hätten mich über mein Leben als Versager hinweggetröstet. Nichts, nur sie, die Sprache, war imstande, mich aus dem Sumpf eines ziellosen, eines verlorenen Daseins zu ziehen.“

Seither ist er unterwegs und erzählt von den Tragödien und Wundern und unscheinbaren, magischen Augenblicken, die ihm widerfahren sind. Immer getrieben von leidenschaftlicher Weltneugierde. Immer energisch. Immer schonungslos. Gegenüber sich selbst. Gegenüber dem Leser. Gegenüber allen geistig und intellektuell „Vernagelten“, die sich weigern, für sich selbst zu denken.

Soweit so gut. Doch nun kommt zu alledem auch noch der unverkennbare Hauch von Großspurigkeit dazu: „Gebrauchsanweisung für die Welt“ erschien 2012. Und nun also: „Gebrauchsanweisung für das Leben“.

Gute Nachricht an alle besorgten Stirnrunzler: Altmann versucht weder die Welt noch das Leben zu erklären, schon gar keine Anleitung für sie abzuliefern. Er kündigt die neue Gebrauchsanweisung im Vorwort als „Gipfel des Übermuts“ an. Und verspricht im Hinblick auf das Titelthema gleich hinterher: „Auch dieses Buch wird das Mysterium nicht lösen.“ Er erkennt in seinen Büchern mit ihren paar Gramm einen „Furz“ gegen die „Trilliarden Tonnen der Erde und ihre Aberbillionen Geschichten“. Und begibt sich doch unermüdlich auf die Reise, so viel von dieser Erde zu begreifen und so viele ihrer Geschichten zu sammeln wie möglich; immer wieder seiner „Lieblingsbeschäftigung“ nachzugehen – dem Staunen.

Gebrauchsanweisung für Weltneugierde

Kindheit, Paris, Gier, Abenteuer, die Anderen, Angst, Eros, Religion, Schmerz, Heimat, Frauen, Einsamkeit, Arbeit, Sprache, Tod, Liebe, Mut. Das ist die breite Sammlung an Themen und Motiven, die Altmann in „Gebrauchsanweisung für das Leben“ auffächert. Dazwischen immer wieder „Momente im Leben“: kleine Szenen, Momentaufnahmen, ein bis zwei Seiten wie rasche Pinselstriche, die eine bleibende Wirkung entfalten. Weil sie wohlplatziert sind. Weil sie etwas aussagen. Zwischen den Zeilen über menschenfreundliche Busfahrer, die Konfrontation mit einer „Wahnsinnigen“ und einen außergewöhnlichen Bostoner Gentleman lesen wir etwas über uns selbst, ohne dass Altmann zu predigen beginnt.

Das Buch manövriert zwischen der Schönheit und Ungerechtigkeit der Welt, zwischen kleinen Taten mit großer Wirkung und den großen Fragen über Leben und Tod. Es wandelt zwischen „griesgrauen Stunden“ und den verführerischen „Lockungen der Welt“, der die von Altmann gepriesenen Wissbegierigen sich dem Autor zufolge keinen Tag entziehen können, da jeden Morgen vom „Wunsch beseelt, abends ein bisschen klüger, ein bisschen lebensklüger (…) ins Bett zu gehen“. Manche Passagen sind witzig, etwa, wenn Altmann sich vorstellt, wie er als Vater ein Kind aufziehen würde, er, der, wie er schreibt, ja schon froh sein müsse, wenn er selbst der Welt nicht zur Last falle. Manche Passagen sind ergreifend, etwa eine über die Begegnung mit zwei von einem Blindgänger zerfetzten Jungen in einem Krankenhaus in Kabul. Manche Passagen sind mitreißend, etwa sein flammender, bereits angesprochener Liebesschwur an die Sprache, die sich „erbarmte“, ihn über sein „Leben als Versager“ hinwegzutrösten, ihn „aus dem Sumpf eines ziellosen, eines verlorenen Daseins“ zog. Nicht als lebenslange Offenbarung von Kindertagen an, sondern erst, als er knapp vierzig war und die Hälfte seines Lebens schon hinter sich hatte. Altmann: „Wer so spät den Notausgang findet, der wird die Tür nicht vergessen, durch die er ins Freie stolperte.“

Dieser Sprachliebe entsprechend ist all das gekleidet: in die fulminante Wortgewandtheit eines Autors, der seine Sätze wie mit einem Degen kreiert, mal wild fuchtelnd, zu schnell für träge Blicke, mal gemächlich drohend, stets erfüllt von innerer Spannung. Am Ende trifft er dort, wo es manchmal wehtut und manchmal wohlig kribbelt – das Herz, den Verstand. Und appelliert auf diese Weise dafür, das Leben mit beiden Händen zu packen und zu inhalieren, hier und jetzt.

Zum Schluss noch einmal Altmann, den „kein Gedanke an ein ewiges Leben tröstet“:

„Mir fehlt jede Ausrede, irgendeine Minute zu verschieben: auf später, auf das Rentenalter, auf die Unendlichkeit. Wann immer ich auf die Uhr schaue, lese ich Jetzt. Wie beflügelnd.“

Gebrauchsanweisung Leben

Gebrauchsanweisung für das Leben

  • Piper Verlag
  • 240 Seiten, Flexocover mit Klappen
  • 15,00,-
  • ISBN: 978-3-492-27686-3

2 Idee über “Rezension: „Gebrauchsanweisung für das Leben“ von Andreas Altmann

  1. Pingback: Podcast: Andreas Altmann – preisgekrönter Reisereporter und Bestsellerautor - Weltwach

  2. Beck Maria sagt:

    Ein unermüdlicher Reporter ist Andreas Altmann und er erfreut uns mit seinen Reportagen immer wieder. Ausdrucksstark beschreibt er Nuancen von Augenblicken, Begegnungen, Beobachtungen, einfach phänomenal!

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