Der Hauch des alten Peking

Peking

Sie sind Orte der Stille und lebendige Museen zugleich. Und für manch einen, der gerne in romantischen Erinnerungen schwelgt, die Rückschau in eine Zeit, in der das Leben in Peking friedlicher und einfacher zu sein schien. Um sie herum: Geschwindigkeit und Fortschritt.

Die melancholischen Töne der Erhu klingen durch die ganze Gasse, zurückgeworfen von Winkeln und Wänden. An einer Hauswand aus grauen Ziegeln sitzt der Musiker, der das Streichinstrument spielt. Es ruht auf seinem linken Knie, über das er ein blaues Tuch gebreitet hat. Mit einem Rosshaarbogen streicht er über die zwei Saiten, die Finger springen gekonnt über den Bambushals. Mit diesen einfachen Bewegungen erschafft er Melodien wie menschlicher Singsang, so traurig, so rein als kämen sie aus einer anderen Zeit. In gewisser Weise passt das zu dem Mann, dessen Haupt nur noch vereinzelte graue Stoppeln bedecken.

Er lebte früher selbst hier, in den Hutongs Pekings, übersetzt Führerin Yee Lee seine Worte in der Pause zwischen zwei Liedern. „Aber wo einst mein Haus stand, verläuft jetzt eine Schnellstraße“, sagt er und setzt den Bogen wieder auf die Saiten, um die nächsten vergänglichen Klangfolgen in die schmalen Gassen zu entlassen. Einen Moment länger verharren die beiden Zuhörer, dann reißen sie sich los und setzen ihren Streifzug durch das alte Peking fort, vorbei an Ziegelfassaden, an Wäscheleinen, an Gruppen alter Menschen, die an Tischen Karten oder Mahjong spielen. Fahrräder sausen durch die Gassen, Hunde und Katzen streunen herum, fliegende Händler an kleinen Ständen oder mit Handkarren bieten Happen feil. Das lebhafte Geschrei von Kindern dringt durch offene Türen und Tore von den Innenhöfen der Siheyuans, der vollständig ummauerten Wohnhöfe, aus denen die traditionellen Gassenviertel Pekings überwiegend bestehen.

Auch die Tür zum Hofhaus der Familie Xú steht offen. Über eine erhöhte Türschwelle gelangt man in den Hof, der vor Grün beinahe zu bersten scheint. Ranken, Büsche, Blumen. An einem Granatapfel-Baum hängen die roten Früchte wie Kugeln an einer farbenfrohen Weihnachtstanne. In der Mitte steht ein kniehoher Tisch, bedeckt mit Weintrauben, umringt von Stühlen und Hockern, die alle besetzt sind. Ein vielfaches „Ni Hao“ erschallt. Yee Lee umarmt Alte und Junge; man kennt sich. Dreizehn Menschen aus vier Generationen leben hier in dicht aneinander gedrängten Behausungen aus ein bis zwei Zimmern, die sich um den kleinen, gepflasterten Hof gruppieren. Die Hausherrin ist Frau Xú Zhang. Sie deutet auf zwei rasch herbeigeschaffte Hocker und auf die Weintrauben und holt ein paar alte Familienfotos hervor.

old photo peking

Frau Xú Zhang kommt ins Plaudern, über das Leben und das Land und die Stadt und die Hutongs, die Relikte früherer Zeiten.

„Peking hat seine Geschichte abgestreift wie eine Schlange ihre Haut“, sagt sie seufzend, „aber wir sind noch hier.“ Schon ihre Großeltern haben hier gewohnt. Sie werde nie von hier fortziehen. Sie kenne alle Nachbarn. Und jeden Stein. „Über meine Enkel bin ich nicht sicher. Ich glaube nicht, dass sie hierbleiben werden.“

Insbesondere um den Glocken- und den Trommelturm sowie um die drei Seen Qianhai, Houhai und Xihai herum, die zusammen die Gegend Shichahai bilden, blieben viele Hutongs erhalten. Yandaixiejie, die Tabakspfeifengasse, ist eine der ältesten Straßen der Stadt, aber Yee Lee ist sie mit ihren Geschäften zu touristisch, genauso wie Nanluoguxiang, nördlich der Verbotenen Stadt gelegen und eigentlich einer der beliebtesten Hutongs. Die Geschäfte und internationalen Besucher vernichten vielleicht einen Teil des Charmes, nicht aber die bemerkenswerte Geschichte, die mehr als 800 Jahre – bis in die Yuan Dynastie – zurückreicht und in der dieser Hutong wahlweise als Handelszentrum und als Residenz hoher Beamter diente.

Yee Lee strebt zum Dongsi Hutong nahe des Tiananmen Square, ihrem liebsten. Mit den drei Kilometern, über die er sich ausdehnt, ist er – wie Yee Lee betont – der längste Hutong in Peking. Doch Superlative braucht es nicht, um den Besucher zu beeindrucken. Ob touristisch wie Yandaixiejie mit seinen langen Gassen, erneuert wie Liulichang mit seinem riesigen Antiquitätenmarkt oder anrüchig wie Bada, das vormalige Rotlichtviertel, das in der Qing Dynastie (1644-1911) über 2.000 Bordelle beherbergte – sie sind alle faszinierend. Sie alle versprühen – auf verschiedene Weise und in unterschiedlichem Ausmaß – den Charme eines anderen Peking. Mal braucht man etwas mehr Fantasie, mal ist es offensichtlicher. Die Hutongs sind nicht nur Ziegel und Dachschindeln, sie sind die Menschen, die in ihnen leben und lebten; Geschichtszeugen der Stadt. Nicht aufgehübscht, nicht glamourös, aber echt. „Wenn die Verbotene Stadt ein Traum ist“, sagt Yee Lee langsam und nachdenklich, „dann sind die Hutongs die Wirklichkeit.“

Sie führt von einem Hutong zum nächsten, durch Parks, in denen Senioren Tai-Chi-Verrenkungen vollführen, über vielbefahrene Straßen, vorüber an Glas und Beton, und schließlich wieder hinaus aus dem Trubel und hinein in die Labyrinth-artigen Gassen. Die meisten von ihnen verlaufen den Regeln des Feng Shui entsprechend nordsüdlich oder ostwestlich. Manche sind aber auch schräg oder führen in Sackgassen. Die schmalste Gasse ist weniger als einen halben Meter breit; der kürzeste Hutong erstreckt sich über gerade einmal zehn Meter; der verwinkeltste hat dutzende Abbiegungen – und hinter jeder davon bieten sich neue Szenen, neue Eindrücke, neue Einblicke in den Alltag gegenwärtiger und vergangener Leben.

Hutong Peking

Seit vier Jahren führt die 26-jährige Yee Lee, die Tourismus studiert und sich als Führerin selbstständig gemacht hat, Besucher durch Peking, je nach Saison an zwei bis sechs Tagen in der Woche. Mit dem Fotoapparat, der um ihren Hals baumelt, und ihrem Jeans-Rucksack sieht sie selbst ein wenig aus wie eine Touristin. Unterhält sie sich mit Bewohnern der Hutongs, stellt sie ihre Kunden nicht als solche vor. „Das ist mein guter Freund Erik“, sagt sie stattdessen, und fügt hinzu: „der gleichzeitig mein Tourist ist.“ Diese Reihenfolge ist ihr wichtig. Mit vielen früheren Kunden hält sie über das Internet Kontakt, manche senden ihr sogar Produkte zu, die in China schwer zu bekommen sind. Darauf, dass sie die chinesische Kultur an Menschen aus aller Welt weitergeben kann, ist sie stolz. Es sei eine gute Arbeit. Sie helfe den Leuten, Peking zu begreifen.

„Aber für meine Haut ist meine Arbeit schlecht“, sagt sie lächelnd. „Sie ist viel dunkler als die von Frauen, die im Büro arbeiten. Ich muss sehr viel laufen. Für eine Frau ist das harte Arbeit.“

Wenn sie es wirklich als harte Arbeit empfindet, lässt sie es sich nicht anmerken. In einer Mischung aus ungezwungener Fröhlichkeit und höflicher Zurückhaltung gibt sie, um Ecken biegend, Erklärungen ab und scheut sich nicht, auch mal herzlich und laut zu lachen. Sie war schon hunderte Male in den Hutongs, schaut sich aber immer noch unentwegt um, auf der Suche nach interessanten Details, die sie teilen kann. Sie freut sich über Kleinigkeiten wie eine rosa Blüte, beklagt sich über zu volle Gassen – und sie hat klare Meinungen. „Für manche Leute ist Peking breite Straßen und hässliche Betonbauten. Für manche Leute ist Peking das Olympiastadium und der Tiananmen Square. Das ist Unsinn. Es gibt nur ein echtes Peking: das der Hutongs. Leider ist nicht mehr sehr viel davon übrig.“

Peking Hutong
Peking Hutong

Hunderte, gar tausende Hutongs mussten in den vergangenen Jahrzehnten Hochhäusern und Highways weichen. Jene Hutongs, die bis heute überlebt haben, scheinen jedoch gesichert. Lokale und internationale Denkmalschützer machen sich gemeinsam mit den Bewohnern für ihren Erhalt stark. Sie sind wie Inseln in einem reißenden Strom; ein Stück Stillstand inmitten ständiger Veränderung. Aus längeren Gassen heraus sind Baukräne zu sehen, die in der Ferne neue Wohnblocks hochziehen. 

„Das ist der Wandel der Zeit“, sagt Yee Lee schulterzuckend. „Alles hat eine Zeit. Ein neues China entsteht, und ein neues Peking. Die Dinge entwickeln sich weiter. Bei euch Westlern ist Geschichte und Kultur eine gerade Linie – von der Vergangenheit in die Zukunft. Bei uns ist sie ein Kreis. Auf den ein neuer Kreis folgt. Und noch einer. In sich geschlossen. Ein wenig wie der Kreislauf des Lebens. Menschen kommen und gehen, und genauso ist es mit Gebäuden. Wir erfinden uns neu, wieder und wieder. Wir sind wie Ameisen. Wir erschaffen, vernichten, erfinden, zerstören, bauen neu auf. Ende und Neuanfang folgen auf einander, immer wieder eine Einheit bildend. Ohne vergessen zu werden.“

Die Chinesen haben ein tiefes Verständnis für ihre Vergangenheit, für das Erbe ihrer Vorfahren, für die alten Gedichte und Sagen. Weniger aber für alte Ziegel und altes Holz.

„Die Hutongs sind Überbleibsel einer anderen Zeit“, sagt Yee Lee. „Wer ehrlich ist erkennt: Diese Zeit ist vorbei.“ Angesichts des betroffenen Blickes und Stirnrunzelns, das sie hervorruft, lacht sie. „Trotzdem hoffe ich, dass sie die restlichen Hutongs unangetastet lassen! Sie schaffen, was Einkaufszentren und Hochhäuser niemals vermögen: Sie geben der Stadt eine Seele.“

Der Streifzug endet, wo er begonnen hat. Der Erhu-Spieler lehnt noch immer sitzend an der Ziegelwand. Gelegentlich läuft ein Passant vorbei. Niemand außer Yee Lee und ihrem Begleiter hält an, um ihm zu lauschen.

Die traurige Melodie der Erhu verklingt. Der letzte Ton verharrt in der Erinnerung, hallt nach, nistet sich im Kopf als ungreifbare Melancholie ein und macht das Herz schwer. Dieser arme, alte Mann. Die große Zeit der Hutongs ist genauso vorbei wie die seine. Einstmals waren es etwa 6.000; übrig sind um die hundert. Und auch sein Zuhause gibt es nicht mehr. Er lebt jetzt außerhalb. Sicher ein furchtbarer Schicksalsschlag.

„Ein Schicksalsschlag?“, spricht er durch Yee Lee zu dem westlichen Besucher. „Aber ganz und gar nicht! Was machst du überhaupt für ein betretenes Gesicht? Ich hatte Glück!”

Das Hutong-Haus, in dem er gelebt hatte, war alt und feucht gewesen. Das Dach hatte geleckt, die Toilette war jenseits eines Hinterhofs, oft war es bitterkalt.

„Heute sind viele Hutongs halbwegs saniert und verfügen über Strom und all das. Aber nicht damals! Bevor du den Verlust einer solchen Bruchbude bedauerst, solltest du zunächst einmal selbst in einer leben!“, sagt er mit einem herausfordernden Grinsen. „Ich habe jetzt jedenfalls fließendes Wasser, eine Zentralheizung und ein vernünftiges Klo.“

„Aber Sie kommen gern hierher zurück?“

„Unbedingt! Manchmal spiele ich auch vorm Bahnhof oder vor ein paar Geschäften, aber hierher setze ich mich, wenn mir etwas sentimental zumute ist und ich über die alten Zeiten nachdenken möchte. Hier ist es so schön ruhig. Hier gibt es keinen Verkehr, kein unablässiges Motorengejaule. Doch spätestens wenn ich daran denke, wie es durch die Decke tropfte und wie mühsam alles war, verfliegt die Sentimentalität wie ein verblichener Traum.“

Er stellt fest, es sei Zeit heimzukehren. Er wickelt die Erhu in das Tuch, das auf seinem Knie liegt, und klappt den Hocker zusammen, auf dem er sitzt. Mit einem letzten Gruß verschwindet er um eine Ecke, auf dem Weg zu seiner Neubauwohnung.

Xú Zhang hat zuvor etwas Anderes gesagt. Eine Neubauwohnung, das wäre nichts für sie. Sie wolle nicht die Tür schließen und sich in Zimmern einsperren, sondern draußen sitzen, mit ihren Nachbarn schwatzen und die Fußgänger grüßen. Und in ihrem Hof Blumen pflanzen. So wie sie es seit Kindertagen kennt.

Was ist Fort-, was Rückschritt? Was Verbesserung und was Verlust? Es gibt keine klaren Antworten, nur den Kreislauf aus Vergehen und Entstehen.

China erfindet sich neu, in einem Kreis. Und in der Mitte des Kreises liegt Peking, wo Hochhäuser über Hutongs ragen und das Gestern mit ausgestreckter Hand in das Heute reicht.

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